Frauennachlässe wertschätzen und archivieren

Die unbekannten Gründerinnen
Viele Organisationen, Institutionen oder Vereine sind von Frauen angeregt, gegründet und präsidiert worden, insbesondere im sozial-diakonischen, erzieherischen und pflegerischen Bereich. Meist sind die Namen dieser Gründerfrauen über Jahresberichte und Einladungen auch namentlich bekannt. .Steht einige Jahrzehnte später ein Jubiläum an, gehört selbstverständlich eine Festschrift dazu und da beginnen meist die ersten Probleme für die Person, die sich dieses Themas annehmen will: Jahreszahlen, Jahresrechnungen, Rückblicke und ähnliche Unterlagen sind häufig schön geordnet vorhanden, aber sobald die Gründerfrauen aus dem Vergessen geholt werden möchten, endet die Recherche bereits, denn über sie ist meist wenig bis vor allem gar nichts vorhanden ausser dem Namen.

  • Wer waren sie?
  • Wie dachten Sie?
  • Was waren ihre Beweggründe, die Organisation X oder die Institution Y zu gründen?
  • Wie lebten sie?
  • Wie waren sie privat, als Menschen?
  • Wie sahen sie aus? - Auch dies häufig eine Hürde, weil oft kaum Fotos vorhanden sind.

Fragen, die wohl die meisten HistorikerInnen und JournalistInnen zur Genüge kennen.

Die Idee steht im Vordergrund
Die Organisation besteht noch heute und floriert, die Institution oder Beratungsstelle hat zwar einige Änderungen erfahren im Lauf der Jahre und Jahrzehnte, aber noch heute ist sie eine wichtige Stelle im sozialen Gefüge von Beratungsstellen und – inzwischen häufig – öffentlich-rechtlichen oder kirchlichen Anlaufstellen. Die Gründerfrauen haben die Fragen der damaligen und der heutigen Zeit klar erfasst und entsprechend reagiert! So genannt nachhaltig gehandelt!

Dass kaum etwas Schriftliches über diese Gründerfrauen vorhanden ist, hat vermutlich auch mit den Frauen selber zu tun. Sie selbst haben sich nie in den Mittelpunkt gestellt, denn ihnen war vor allem ihre Idee, ihre Aufgabe und ihr „Kind“, das sie anregten und mit Mitstreiterinnen gründeten, wichtig. So bedeutsam, dass sie selber total in den Hintergrund rückten.

Aufräumen und hinterlassen statt aufräumen und wegwerfen
Viele dieser Frauen haben ihren Nachlass aus Korrespondenz und Drucksachen noch zu Lebzeiten selber entsorgt, um ihren Familien nicht zur Last zu fallen und wenn sie selber es nicht getan haben, taten das häufig die Angehörigen nach dem Tod. Wen interessiert das schon, dieser alte Papierkram?! Und vor allem, wer soll denn das viele Papier aufbewahren? In heutigen Wohnverhältnissen meist gleich die allererste Frage. Dazu kommt noch der Zeitdruck, wenn eine Wohnung oder ein Haus nach einem Todesfall geräumt werden muss!

Wir alle können etwas dagegen tun und mithelfen, dass Nachlässe von Frauen nicht sang- und klanglos im nächsten Shredder oder der Papiersammlung verschwinden, indem wir darauf achten, dass diese zuerst einem Archiv vorgelegt und dort beurteilt werden.
Das beginnt beim Archiv der damals gegründeten Organisation, Institution oder Berufsverbänden und politischen Parteien und geht über allgemeine öffentliche Archive bis zu speziellen Frauenarchiven.

Frauenarchive
Offenbar gab es eine Zeit, als Frauennachlässe in den „gewöhnlichen“ Archiven als weniger wichtig beurteilt wurden als Nachlässe von Männern, die ihre Spuren in der Gesellschaft hinterlassen hatten. So sind zwangsläufig auch Frauenarchive entstanden, um wenigstens einigen Frauen auch später noch ein Gesicht zu geben. Leider aber sind viele dieser Archive schlecht bekannt oder Nachlässe werden rasch, allzu rasch, als unwichtig beurteilt und vernichtet, entsorgt.

Mein Aufruf geht deshalb an die Frauen selber, die aktiv im ehrenamtlichen, politischen und inzwischen auch im beruflichen Bereich Neues angeregt und angestossen haben.
Aber auch Angehörige sollen sensibilisiert werden, Nachlässe ihrer Mutter, Schwester, Tante, Gotte, mütterlichen Freundin, Grossmutter oder Tochter, vielleicht sogar Grossmutter etc. bei der Räumung nach einem Todesfall nicht einfach unbesehen zu entsorgen, sondern mit offenen Augen zu betrachten und sich zu überlegen, wer wohl daran Interesse haben könnte, an Korrespondenzen, Programmen, Jahresberichten, persönlichen Notizen oder unveröffentlichten Manuskripten und Vortragsmanuskripten, aber auch an Fotos.

Frauenarchive selber nutzen
Um die Wertschätzung und Archivierung von Frauennachlässen aktiv zu unterstützen, ist im nächsten Kapitel eine Liste aufgeführt mit einigen nützlichen Adressen, wo professionelle Beratung eingeholt werden kann, was archivwürdig ist und was allenfalls getrost entsorgt werden darf.

Oft empfiehlt sich bei einer Absage, gleich noch ein weiteres Archiv in Betracht zu ziehen und anzufragen, denn Archive spezialisieren sich zunehmend und lehnen unter Umständen Unterlagen ab, nur weil sie nicht „ins Sortiment“ passen, weil das Archiv bereits aus allen Nähten platzt oder weil das Geld für eine professionelle Betreuung fehlt, aber eigentlich schon Interesse bestehen würde, denn häufig sind Archive Stiefkinder der finanziellen Entscheidungsträger... An einem anderen Ort jedoch würde der Nachlass unter Umständen mit Handkuss entgegen genommen, weil er besser passt.

Bestehende Archive