Neue Grossmütter

"Was, du bist schon Grossmutter?"
Das tradierte Bild der Grossmutter ist überholt – wie kann das neue aussehen?

Was, du bist schon Grossmutter? Frauen über 55 ist diese Frage geläufig. Das Bild, das wir uns von der Grossmutter machen, will nicht so recht zur heutigen Frauengeneration mit Enkelkindern passen.

Rotkäppchen ade. Die Grossmütter von heute liegen nicht krank im Bett wie einst bei Rotkäppchen und getrauen sich kaum aus dem Haus. Sie sind gut gebildet, haben sich emanzipiert, sind berufstätig, politisch und kulturell interessiert. Den Auszug der Kinder haben sie hinter sich, sie fühlen sich im „empty nest“ ganz wohl. Nach der Pensionierung haben sie noch 20 bis 30 Jahre vor sich. Was tun damit?

Verantwortung für morgen. Die neuen Grossmütter sitzen nicht zu Hause auf dem Sofa. Sie nehmen teil an der Gesellschaft, fühlen sich dem gesellschaftlichen Engagement verpflichtet und nutzen ihr Erfahrungswissen – auch für eine bessere und gerechtere Welt, in der ihre Enkelkinder anständig aufwachsen können.

Die neuen Grossmütter. Die neuen Grossmütter bewegen sich auf der öffentlichen Bühne, haben Ideen, tun sich gerne zusammen, um etwas zu erreichen und machen politisch von sich reden. Demografisch bedingt, steigt der Anteil der älteren Stimmbürgerinnen und Stimmbürger. Das führt jedoch nicht zu einer "Herrschaft der Alten", sondern zu einer Altersbewegung, der die Grossmütter ein neues Gesicht geben.

Es war einmal. Die Grossmutter aus dem Familienalbum: Das ist die alte Frau mit hochgesteckten grauen Haaren. Sie ist nicht mehr so gut auf den Beinen, strickt Socken und Strümpfe, erzählt Märchen und alte Geschichten. Die Grossmutter von gestern backt Kuchen und Weihnachtsguetzli und ist, in aller Regel, mit ihrem selbstlosen Leben ganz zufrieden.

Und die Grossmutter von heute? Noch immer hütet sie Enkelkinder, erzählt Geschichten, pflegt den Ehemann, unterstützt die Tochter bei der Zweitausbildung, ist notfalls auf Abruf bereit. Doch die neue Grossmutter ist auch berufstätig, sie besucht das Filmfestival, geht auf Reisen, hat nicht nur die Familie im Sinn und ist gesellschaftlich engagiert.

Unentbehrlich. An neuen Aufgaben mangelt es ihnen nicht. Ohne Grossmütter könnten berufstätige Eltern den Familienalltag gar nicht mehr bewältigen. Und viele betagte oder kranke Angehörige könnten nicht zu Hause leben. Der Gesamtumfang an unbezahlter Kleinkindbetreuung durch über 50-jährige Personen (vorwiegend Grosseltern) wird im Generationenbericht Schweiz* pro Jahr auf rund 100 Millionen Stunden geschätzt. Das entspricht einer jährlichen Arbeitsleistung im Wert von mehr als zwei Milliarden Franken. Fast vier Fünftel dieser Betreuungszeit, nämlich knapp 79 Millionen Stunden, leisten die Ehefrauen und Grossmütter. Sie – und die (Schwieger-)Töchter – sind auch grösstenteils für die Pflege zu Hause zuständig. Der ökonomische Wert der privaten Pflegearbeit wird in der Schweiz auf 10 bis 12 Milliarden Franken geschätzt. Statt nach Familienzeit und Erwerbsarbeit etwas durchatmen zu können, werden viele Grossmütter für Betreuung und Pflege in Anspruch genommen. Und oft auch überfordert.

Die späte Freiheit. So war sie wohl nicht gemeint, die "späte Freiheit", von der die deutsche Gerontologin Ursula Lehr im Hinblick auf die nachberufliche Lebensphase sprach. Entbunden von häuslichen und beruflichen Pflichten, können die anderen Seiten zum Klingen kommen. Zeit haben für Bildung, für Kultur, fürs Reisen, für die eigene Kreativität. Und auch für neue Beziehungen. Die neuen Grossmütter sind keine selbstlosen Wesen, die sich nur als billige Babysitter verstehen. Es sind ältere Frauen, die das eigene Entwicklungspotenzial ausschöpfen und sich nicht einfach aufs Altenteil zurückziehen wollen.

"Ich mache mir übers Altern keine grossen Sorgen. Die fünf Enkel machen mir Riesenspass. Ich geniesse es, trotz beruflichem Engagement für sie Zeit zu haben. Demnächst werde ich mit dem 11-jährigen Enkel nach Athen fahren. Vor zwei Jahren flog ich mit der damals 13-jährigen Enkelin nach Luxor und besuchte dort die Königsgräber. Das war eine wunderschöne Zeit."
Ursula Lehr, 75, deutsche Gerontologin

Und wo bleiben die Grossväter? Frauen haben gelernt, sich selber zu organisieren und den Männern ein Beispiel zu geben. Was die Grossmütter von heute tun, werden die Grossväter morgen auf ihre Weise umsetzen.

*Pasqualina Perrig-Chiello, François Höpflinger, Christian Suter: Generationen – Strukturen und Beziehungen. Generationenbericht Schweiz. 430 Seiten, Seismo Verlag, Zürich 2008.