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«Ich wollte nie nur Beigemüse sein»

Regina Meyer erzählt aus ihrem reich erfüllten, engagierten Leben.
Regina Meyer erzählt aus ihrem reich erfüllten, engagierten Leben.

Text & Fotos: Irmgard Bayard

Es ist ein sonniger Freitagnachmittag, als mich Regina Meyer in Langenthal besucht. Wir sitzen auf dem Balkon, der Wind bläst uns von verschiedenen Seiten ins Gesicht. Das passt zum Leben der heute 78-Jährigen. Sie war Pflegefachfrau, Arztgattin und Inhaberin einer Cateringfirma. Immer wieder waren es Männer, die ihren Lebenslauf bestimmten. Von denen sie sich schliesslich trennte, um ihren Weg zu gehen. Ihr politisches Engagement nach der Einführung des Frauenstimmrechts half ihr dabei.

(Fortsetzung)

Sie sei in Pratteln in einer typischen Arbeiterfamilie aufgewachsen, beginnt Regina Meyer ihre Lebensgeschichte. Speziell war dabei lediglich, dass sie und ihre zwei Jahre ältere Schwester auf Anraten der Lehrer und dank Stipendien ab der fünften Klasse das Mädchengymnasium in Basel besuchen durften. «Das hat allerdings zu familiären Problemen geführt», blickt sie zurück. «Der Vater war zwar stolz, hatte aber gleichzeitig Angst, dass ihn die Töchter intellektuell überholen.» Hinzu kamen seine Alkoholprobleme, was vor allem für die Mutter nicht einfach gewesen sei. «Er war nach einer gewissen Zeit der Meinung, dass ich besser Geld verdienen soll.»

Flucht nach Paris – erste Demos
So verwundert es nicht, dass beide Mädchen das Gymi vor der Matura aufgaben. Ihre Schwester besuchte das Kindergartenseminar, «und ich verliess mit 17 das Elternhaus, um in Paris als Au-pair-Mädchen zu arbeiten. Diese Zeit habe ich sehr genossen.» Dies, obwohl die Stadt aufgrund des Algerienkrieges von Studentenrevolten geprägt war. Oder gerade deshalb. «Ich war auf meinen ersten Demos und habe wacker mitgebrüllt. Die Menschenmenge, die sich gegen Ungerechtigkeit einsetzte, hat mich fasziniert und geprägt», sagt sie.
Zurück in der Schweiz erlernte sie in Basel den Beruf der Krankenschwester. Nicht zuletzt, weil sie kein Schulgeld bezahlen musste, Kost und Logis gratis waren. Der Lohn hingegen war klein. Ein Umstand, gegen den sie noch heute ankämpft. Nach der Lehre bildete sie sich zur Operationsschwester weiter.

Früh eine eigene Familie
Der zweite Mann, der sie prägte, war ihr erste Gatte. «Mir hat die Familie gefehlt, so habe ich früh geheiratet», nennt sie den typischen Lebensweg für eine Frau der damaligen Zeit. «Die ersten Jahre habe ich mich voll auf die Familie konzentriert.» Aufgrund des Berufes ihres Mannes zog die Familie mit den vier- und zweijährigen Kindern vom Baselbiet in ein kleines Dorf in der Ostschweiz. Dort erhielt Regina die Möglichkeit, die Stelle als Gemeindeschwester zu übernehmen und auszubauen.
«Für die Kinderbetreuung hatte ich im ersten halben Jahr eine Bauersfrau, danach jeweils Haushaltlehrtöchter, die mich unterstützten.» Der Mann war zwar einerseits nicht begeistert, dass sie arbeiten ging, andererseits froh um den zusätzlichen Lohn. Die fehlende ausserhäusliche Kinderbetreuung, der karge Lohn und der Vorwurf der Bevölkerung, sie sei eine Rabenmutter, trugen dazu bei, dass sie sich politisch engagierte. Es war das Jahr 1971, und Regina Meyer durfte erstmals stimmen und wählen. «Vorher habe ich mich nicht aktiv für das Frauenstimmrecht engagiert, ab dann jedoch immer davon Gebrauch gemacht», betont sie. Zudem trat die mittlerweile 28-Jährige der SP bei, «gegen den Protest meines Mannes». Eheprobleme waren es denn auch, die sie wieder zum Austritt zwangen. «Mein Mann hatte während meiner beruflichen Abwesenheit eine Affäre begonnen.» Zwar duldete sie diesen Umstand zwei Jahre, aber das Ende dieser Gemeinschaft war absehbar. Nicht zuletzt, weil sie bei der Arbeit einen anderen Mann kennenlernte.

Arztfrau und Rote Zora
Mit diesem, einem Arzt, sowie den mittlerweile 8- und 12-jährigen Kindern zog sie 1978 nach der Heirat in den Oberaargau. Dort arbeitete sie in seiner Landarztpraxis mit, trat wieder der SP bei und engagierte sich nebenher als erste Gemeinderätin des Dorfes und als Präsidentin des SP Amtsverbandes politisch. «Ich gründete den ersten Frauenstamm des Amtes, vernetzte die Frauen und machte ihnen Mut, für Ämter zu kandidieren.» Sie unterstützte die Frauen bei den Nationalratswahlen und war mitverantwortlich, dass die SP des Kantons Bern seither mit einer separaten Frauenliste zu Wahlen antritt. «In der Gemeinde wurde ich gut aufgenommen und akzeptiert. Doch ab und zu wollte man mich in typisch weibliche Ämter oder Jobs delegieren.» Sie sei nicht der «Peterlig auf der Aufschnittplatte», antwortete sie jeweils darauf, was in der Gemeinde zum geflügelten Wort wurde.
Im Gemeinderat blieb sie lediglich eine Legislatur. War sie bei den Kollegen im Gemeinderat gut aufgenommen worden, wirkte sich ihr Engagement negativ auf die Arztpraxis aus. Die Patienten blieben wegen der «Roten Zora», wie sie hinter vorgehaltener Hand genannt wurde, fern. Ihr Mann fühlte sich als Landarzt zudem zeitlich überfordert, was einen Stellenwechsel zur Folge hatte. Die Ehe stand auf der Kippe, und ein weiterer Umzug stand an. Diesmal nach Bern, wo sie sich in der SP im Vorstand engagierte und mitbeteiligt war an der Zusammenarbeit von «Rot-Grün». Der Versuch zu studieren wurde von ihrem Mann kritisch gesehen. Ein Muster, das sie immer wieder begleitete.

Pflege des Vaters und Aufbau einer Cateringfirma
Nach einem kurzen Aufenthalt in Chile und einer weiteren Scheidung führte sie ihr Weg ins Berner Oberland, wo sie eine Stelle als Gemeindekrankenschwester annahm. Nach drei Jahren zog es sie zurück nach Basel, wo sie das Kurswesen des Schweizerischen Roten Kreuzes übernahm, dazu die Leitung eines Pilotprojektes zur Neuorganisation der Spitex Basel-Stadt. Dass dieses Engagement zu Ende ging, hatte einerseits mit internen Problemen zu tun, andererseits mit – einem Mann. «Mein Vater wurde sehr krank und wollte zu Hause sterben. Also habe ich mich neben dem Arbeitspensum intensiv an seiner Pflege beteiligt. Diese Zeit war für mich sehr wichtig, hat sie mich doch mit meinem Vater versöhnt und zudem dazu geführt, dass ich mich lange Zeit im Sterbehospiz engagierte. Noch heute ist mir die Begleitung von sterbenden Menschen in meinem persönlichen Umfeld wichtig.»
Zu dieser Zeit, um 1996, begann sie mit dem Aufbau einer Cateringfirma, womit sie neben der Arbeit im Gesundheitswesen ihr liebstes Hobby zum Teilzeit-Beruf machte. «Mein Angebot muss der Jahreszeit gerecht werden, das Auge und die Sinne erfreuen und dem jeweiligen Anlass angemessen sein – und es muss zu den Menschen passen, für die ich koche», war und ist einer ihrer Leitsprüche. So war für sie die Kluft zwischen ihrem ursprünglichen Beruf im Gesundheitswesen und ihrer Tätigkeit als Köchin gar nicht so gross. Vom liebevollen Zelebrieren eines Festessens könne durchaus eine heilsame Wirkung ausgehen, ist sie überzeugt. «Noch heute koche ich für kleinere Gruppen, was mir sehr viel Freude bereitet.» Während ihrer Zeit als Störköchin lernte sie ihren dritten Mann kennen.
Wichtig war Regina Meyer der Kauf eines Hauses im Elsass, «mit eigenem Geld», wie sie betont. Sich diesen lang gehegten Wunsch aus eigener Kraft erfüllen zu können, habe ihr Selbstwertgefühl erhöht. Sie spricht aber auch von einem Spagat, den sie durch den Arbeitsweg zwischen dem Elsass und Basel bewältigen musste.

Die richtige Wohnform
Leider hielt auch ihre dritte Ehe nicht. Zudem sah sie sich 2013 mit einer weiteren Herausforderung konfrontiert: der Diagnose Brustkrebs. «All dies hat Spuren hinterlassen», sagt sie. Während dieser Zeit und nach all den vielen Umzügen begann sie sich erstmals Gedanken zu machen über alternative Wohnformen. Zwei Jahre lang wohnte sie im selben Haus wie ihre Tochter mit Familie und ein Jahr im Dorfhaus in Rütschelen in Oberaargau, einem damals neuen Mehrgenerationenhaus. Beides entsprach nicht ihren Vorstellungen. «Vom Projekt des Dorfhauses war ich überzeugt. Für mich scheiterte es am Diktat des Besitzers. Statt zu diskutieren, sagt er, wo es langgeht. Genau das, was ich nicht wollte.» Also war es wieder ein Mann, der diesen Lebensabschnitt beeinflusste.
Zum richtigen Zeitpunkt kam der Anruf von Margrith von Felten aus Basel, einer feministisch engagierten Alt-Nationalrätin und Freundin aus früheren politischen Zeiten. Sie bot ihr eine Wohnung in ihrem Haus an. «Dort fühle ich mich angekommen. Ich denke, das ist meine letzte Station», sagt Regina dazu.
Trotzdem war die kurzzeitige Rückkehr in den Oberaargau wichtig für ihr politisches Engagement. Eine ehemalige SP-Mitstreiterin organisierte den Frauenstreik 2019 in Langenthal und forderte Regina auf, mitzumachen und eine kurze Rede zu halten.

Wie sieht ihr weiterer Weg aus? «Ich koche noch immer für kleine Gruppen und engagiere mich für und mit Frauen», sagt sie. Und: «Ich hatte viele Jahre Einblick in Pflegeinstitutionen. Wie zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn ist das Personal unterbezahlt. Dies zu ändern ist ein dringendes Anliegen, für das ich mich weiter einsetzen werde.»

Am Frauenstreik 2019 in Langenthal beschwerte sich Regina Meyer über die fehlende Gleichstellung und die immer noch schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Familie. «Deshalb sind wir Frauen hier, laut und stark», betonte sie und forderte: «Wir wollen die Hälfte der Macht.»
Am Frauenstreik 2019 in Langenthal beschwerte sich Regina Meyer über die fehlende Gleichstellung und die immer noch schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Familie. «Deshalb sind wir Frauen hier, laut und stark», betonte sie und forderte: «Wir wollen die Hälfte der Macht.»

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