Text: Bernadette Kurmann, Foto: Monika Fischer
Seit Kurzem ist das Kopftuch auch in der Schweiz in aller Munde. Das Egerkinger-Komitee will mit einer Petition ein Kopftuch verbieten, und auch im Nationalrat wurde ein Vorstoss gegen Kopftücher an Schulen eingereicht. Vorbild ist der österreichische Nationalrat, der das Kopftuch für Kinder unter 14 Jahren verboten hat. Sie wollen die jungen Mädchen vor «Diskriminierung und Zwang» schützen.
(Fortsetzung)
Vor über zehn Jahren besuchte ich mit einer Reisegruppe den Iran. Wir Frauen waren gezwungen, während vier Wochen ein Kopftuch zu tragen – und natürlich lange Röcke. Wie hasste ich diesen Schal, der sich ständig selbständig machte. Wie elegant und provokant-keck trugen ihn die jungen Iranerinnen – oft mit viel sichtbarem Haar. Als ich unseren iranischen Reiseführer fragte, wie denn die Frauen in seiner Umgebung mitdem Schleier-Zwang umgehen würden, meinte er: «Sie hassen ihn.»
Kaum wieder im Flugzeug entledigten wir Frauen uns erleichtert dieses Tuchs. Daheim erzählte ich von meinen Erfahrungen im Freundeskreis. Ich wertete den Schleier als Unterdrückung der Frauen. Ein Mann in der Runde griff mich an: Ich hätte ja keine Ahnung. «Ich habe längere Zeit in Iran verbracht und mir vielen Frauen gesprochen. Der grösste Teil der iranischen Frauen trägt den Schleier gerne. Du hast einen westlichen und ganz falschen Blick.» Ich verstummte, fragte mich gleichzeitig, ob ich tatsächlich falsch liege. - Dann folgte 2022 die tragische Geschichte um den Tod der jungen Jina Mahsa Amini. Sie war festgenommen worden mit dem Vorwurf, sie trage ihr Kopftuch nicht korrekt. Drei Tage später starb sie in einer Klinik. Es folgte ein landesweiter Aufstand der Frauen.
Kein Unterschied
«Wo liegt der Unterschied zwischen Menschen, die das Kopftuchtragen verbieten und jenen, die das Kopftuchtragen vorschreiben?» Diese Frage las ich in einem Artikel der NZZ am Sonntag. Sie stammt von einer jungen Frau in der Schweiz, die sich aus freien Stücken für das Tragen eines Kopftuchs entschieden hat. Sie wollte anonym bleiben, und, sagte sie weiter, dass das Kopftuch ihr Schutz verschaffe und ihr eine eigene Identität gebe. Ihre Frage traf mich wie ein Blitz.
Tatsächlich: Im Iran werden Frauen gezwungen, das Kopftuch zu tragen, in Frankreich andererseits ist sein Tragen verboten. «Zwei Länder, zwei Systeme – und doch ein Muster: Am Ende entscheidet jemand über den Körper einer Frau», sagt Vera Çelik.
Sie ist 19, Feministin und Muslimin, und sie trägt ein Kopftuch aus freien Stücken. «Ohne Kopftuch würde ein Teil von Vera fehlen, obwohl ich auch ohne Kopftuch komplett ich selbst wäre», schreibt sie in einem Artikel der Republik. Manchmal denke sie: Das Problem sei nicht das Kopftuch. Das Problem sei, was die Leute daraus machen würden: Moral, Kontrolle, Interpretation. Sie ist dankbar dafür, selber entscheiden zu können, ob sie es trage oder nicht.
Zwischen der iranischen und der französischen Ländern lägen Welten, schreibt Çelik in ihrem Artikel: «Doch beide politischen Entscheide wurzeln letztlich im selben Prinzip: Entmündigung. In beiden Fällen bevormunden Männer mit Macht Frauen.» Muslimische Frauen hätten unterschiedliche Geschichten, Motive, Gefühle, und alle seien legitim: «Wenn mich jemand fragt, ob sie ein Kopftuch tragen soll, sage ich: ‘Das kannst nur du entscheiden.»
Das Kopftuch sei zur Projektionsfläche geworden: Mal stehe es für Unterdrückung, mal für Widerstand, mal für ein Integrationsproblem, findet Çelik. Frauen seien Jahrhunderte lang Schlachtfelder für Ideologien gewesen. Mal seien sie Eigentum von Männern, mal Projekt des Staates, mal der Kirchen, mal ein Projekt der Integration der Rechten oder der Befreiung bei den Linken… Çelik: «Selten sind unsere Körper einfach nur unsere Körper. Deshalb schreibt man lieber über das Kopftuch als über Frauenlöhne, Femizide oder unbezahlte Care-Arbeit.»
Für Vera Çelik ist das eigentliche Problem nicht das Kopftuch: «Das Problem sind jene, die über Frauenkörper herrschen. Am Ende geht es immer um Macht, männliche Macht.» Mal würde dabei auf die Bibel verwiesen, dann wieder auf den Koran oder auf die Demokratie. Für sie persönlich bedeute Emanzipation nicht: «Keine Frau trägt ein Kopftuch.» Emanzipation bedeute: «Du bist Subjekt und du machst, was du willst.»
Was ich von den beiden Frauen gelernt habe? «Urteile nie über Frauen, die ein Kopftuch tragen.» Gleichzeitig wünsche ich allen Frauen, dass sie den Entscheid für oder gegen ein Kopftuch frei treffen können.
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