Text und Foto: Monika Fischer
Seit dreissig Jahren befasse ich mich als Journalistin mit dem Thema Demenz. Mit zahlreichen betroffenen Menschen und ihren Angehörigen habe ich Gespräche geführt, über Entlastungmöglichkeiten berichtet und weiss: Eine Demenzkrankheit ist ein mühsamer und schwieriger Weg für die betroffenen Menschen und ihre Angehörigen. Trotzdem macht es mir keine Angst, habe ich doch erfahren, wie kranke Menschen mit der angemessenen Unterstützung auch im Zustand des Vergessens ein würdiges Leben führen können. Es liegt an uns, dass dies auch in Zukunft möglich sein wird.
(Fortsetzung)
Der Besuch beim ehemaligen Kollegen und seiner Frau hatte mich zutiefst erschüttert. Seit Jahren besuchte ich das Ehepaar regelmässig. Die angeregten Gespräche waren eine Bereicherung für beide Seiten. Beim ersten Treffen nach der Pandemie merkte ich, wie sehr sich die Frau verändert hatte. Sie sprach durcheinander, liess sich trotz Ermahnung ihres Mannes, es tue ihr nicht gut, mehrmals Kaffee heraus, stopfte den Kuchen in sich hinein.
Mein Kollege erzählte, wie schwierig die Situation für ihn geworden sei. Er könne seine Frau nicht mehr allein lassen, keine Spaziergänge mehr unternehmen. Er besorge den Haushalt allein - koche, wasche, bügle. Entlastung habe er durch die Spitex, die mit dem Tablett in der Hand durchs Haus gehe und sich ganz auf die Putzarbeit konzentriere. Sein Tag sei ausgefüllt, er habe kaum mehr Zeit für sich.
Ein bewusster Entscheid
Die Situation war wie ein Schock in mich eingefahren und liess mich nicht mehr los. Ich hatte viel über die Demenzkrankheit und die Situation der pflegenden Angehörigen gehört, betroffene Menschen im Zusammenhang mit Projekten kennengelernt und viel über die Thematik geschrieben. Trotzdem traf mich die reale Situation von lieben Bekannten zutiefst und liess mir keine Ruhe. Spontan schrieb ich meinem Kollegen eine Mail und versprach, vorbeizukommen, um ihn für eine paar Stunden zu entlasten. «DANKE, DANKE, DANKE», kam seine Antwort zurück. Was hiess das? Wollte und konnte ich wirklich eine regelmässige Entlastung auf mich nehmen, zumal eine Fahrstrecke damit verbunden war? Ich wusste: Ein solches Engagement muss gut überlegt sein. Auf einer Wanderung suchte ich Antworten auf meine Fragen und fasste meinen Entscheid: Ja, ich wollte mich nicht weiterhin nur theoretisch mit dem Thema beschäftigen, sondern praktisch Hilfe leisten. Spontan bot ich meinem Kollegen an, zu seiner Entlastung wöchentlich an einem Nachmittag Zeit mit seiner Frau zu verbringen. Postwendend kam die Antwort, sie freuten sich auf meinen Besuch. Die klare Zusage überraschte mich, wusste ich doch, wie schwer es vielen Menschen fällt, Hilfe anzunehmen. Als ich später meinen Kollegen darauf ansprach, meinte er: «Ich habe gesehen, dass du gut mit meiner Frau umgehen kannst.»
Eine Bereicherung fürs Leben
Nach meiner Ankunft machte sich der Kollege jeweils auf zu einem Spaziergang. Wie würden wir die gemeinsame Zeit verbringen? Was, wenn die Frau fortgehen wollte oder stürzen würde? Ich wollte mir keine Sorgen auf Vorrat machen, hatte ich doch die Handynummer des Kollegen. Zur allfälligen Unterhaltung hatte ich Kalender- und Blumenbilder mitgenommen. Ich brauchte die Unterlagen selten, ergab sich doch der Gesprächsstoff von selber. Wir machten wunderschöne «Ausflüge» in die Zeit ihrer Kindheit und Jugend. Die dreifache Mutter und Grossmutter erzählte von ihren Interessen und Vorlieben, wie gerne sie gesungen und getanzt habe, von ihrer Familie, von den Kindern, den Enkeln. Wir tauschten uns aus über jene Zeit, als wir Mädchen noch Schürzen tragen, in der Handarbeit Löcher stopfen und im Institut ein Béret tragen mussten. Neben ihrer Herzlichkeit kamen auch negative Gefühle zum Ausdruck, so das Bedauern, dass sie nicht den Wunschberuf lernen konnte. «Du bist jemand, ich bin nichts», immer wieder sagte sie diesen Satz. War es ein Ausdruck der gesellschaftlichen Haltung, in der ein traditionelles Rollenbild, die Tätigkeit einer Mutter und Hausfrau wenig gilt? Ich zählte dann jeweils alles auf, was sie für Familie und Gesellschaft meist freiwillig geleistet hatte.
Nach der Rückkehr des wachen und belesenen Kollegen tauschten wir uns bei einem Kaffee über aktuelle Themen aus. Dabei versuchte ich, auch seine Frau einzubeziehen und sie bei ihren Voten zu bestätigen. Wir sprachen auch über weitere Entlastungmöglichkeiten oder gar den Umzug ins Pflegeheim. Es war ein weites Spannungsfeld, was im Zusammenhang mit der Reflexion über das Menschsein bereicherte, aber auch Kraft kostete. Und doch waren diese Entlastungstage mit dem Einblick in ganz andere Lebenswelten für mich ein Geschenk, das ich nicht missen möchte.
Es geht um die Menschenwürde
Unerwartet schnell kam nach wenigen Monaten der von den Töchtern organisierte Umzug der mir lieb gewordenen Frau ins Pflegeheim. Sie war für mich mit ihrem Mann zu einer Art erweiterten Familie geworden, ich wollte und konnte den Kontakt nicht einfach abbrechen. Seither hole ich den Kollegen alle paar Wochen zuhause ab und besuche mit ihm seine Frau im Pflegeheim.
Dort lernte ich eine für mich neue, meist stille Welt kennen. Anfänglich sassen wir manchmal mit anderen Bewohnerinnen der spezialisierten Abteilung am Tisch, zogen diese in unsere Gespräche ein und sangen gar zusammen. Am Schwierigsten war jeweils der Abschied, wenn die Frau ihren Mann beim Abschied drängte: «Nimm mich mit, ich will mit dir nach Hause.» Mit der Zeit zog sie sich immer mehr in sich zurück und spricht kaum mehr. Und doch gibt es auch hellere Momente, in denen sie sich sichtlich über die Besuche freut und gar kurz auf Fragen antwortet. Für mich sind diese Besuche eigentliche Sternstunden. Ich muss nichts, darf einfach sein. Und doch bleiben viele Fragen offen.
Als Aussenstehende können wir wohl niemals ermessen, was der Verlust der Persönlichkeit für einen Partner nach jahrzehntelangem Zusammensein bedeutet. Ich wollte deshalb von meinem ehemaligen Kollegen, der seine Frau trotz seines hohen Alters fast täglich besucht, wissen, was sein Anliegen an die Gesellschaft sei. Seine Antwort: «Alle Demenzformen müssen erforscht werden. Vielleicht gibt es einmal ein Heilmittel. Vor allem müssen wir lernen, dem kranken Menschen ‘normal’ zu begegnen. Zentral bleibt die Menschenwürde.»
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