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Die grosse Angst

Text: Marianne Stohler

Die Jahre fliegen nur so vorbei und es scheint mir, die Zeit verflöge im Alter immer schneller. Die Fragen, was mache ich, wenn ich nicht mehr selbständig und auf Hilfe angewiesen bin? Was, wenn mein Kopf nicht mehr mitspielt, meine Gedanken, meine Erinnerungen sich langsam auflösen?

(Fortsetzung)

Das Damoklesschwert einer Demenz wiegt schwer, dies vor allem auf Grund der Erfahrungen, die ich damit machte. Bei meiner alten, mir sehr lieben Tante begannen nach 80 Jahren die ersten Symptome. Sie suchte oft nach Wörtern. Sie hatte immer mehr Mühe klare Sätze zu sprechen. Ich bemerkte mit Besorgnis, wie ihr Sprachvermögen immer kleiner wurde. Der Hausarzt schicke sie zuerst noch in eine Logopädie, aber ich sah, dass es auch dort keinerlei Fortschritte gab. Langsam verlor sie die Sprache immer mehr. Wenn sie mir, wie so oft, ein kleines «Schöckeli» in den Briefkasten legte, war es am Anfang noch in Begleitung eines schriftlichen Grusses und mit der Zeit lag neben der Süssigkeit nur noch irgendein Bildchen.

Unsicherheit im Alltäglichen
Auch wenn ich bei ihr war, sah ich, wie sie den Teebeutel neben die Tasse legte und den Zucker allein ins Wasser rieseln liess. Auch beim Kochen wurde sie immer unsicherer und ich hatte oft Angst, dass sie vergessen könnte den Herd abzustellen. Ihre Schwester aus Bern war immer öfter und für viele Tage bei ihr und half, den Alltag zu bewältigen. Oft nässte die Tante nun auch das Bett und es wurde immer klarer, dass es nicht mehr allein ging. Dann begann sie auch den Heimweg vom nahe gelegenen Coop nicht mehr zu finden und irrte im Quartier herum. Als sie zum zweiten Mal von der Polizei aufgegriffen wurde, war allen klar, dass ein Heimeintritt unvermeidlich war.

Im Altersheim richteten wir ihr ein Zimmer mit ihren Lieblingsmöbeln ein. Sie konnte verbal nichts mehr zur neuen Situation sagen und es war nicht einfach, herauszufinden, wie es ihr ging. Nur manchmal, wenn ich sie fragte, wie es ihr gefalle, stiess sie ein paar Klagelaute aus.

Ich fand es schrecklich, dass sie keine Möglichkeit zum Kommunizieren mehr hatte. Sie, die immer so viel für andere getan hatte, viele Betagte im Altersheim besuchte. Sie wurde einsam, sie war wie gefangen in ihrer Sprachlosigkeit. Nur etwas blieb ihr erhalten: Wenn ich ein Lied zu singen begann, fiel sie plötzlich ein und konnte sogar den Text zum Teil noch mitsingen. Das funktionierte aber nur bei den alten Liedern, die sie seit ihrer Kindheit kannte.

Die Hilflosigkeit zu sehen war schwer zu ertragen
Mehrere Jahre blieben ihr noch zum Leben. Sie verlernte das Gehen und schlussendlich auch das Essen. Sie war total hilflos. Da sie ruhig war, nie etwas reklamieren oder wünschen konnte, war sie eine einfache Patientin. Sie sass stundenlang in ihrem Stuhl und schaute vor sich hin.

Diese Bilder gehen mir nicht aus dem Kopf. Ich weiss, dass es gar nichts nützt, sich im Voraus Sorgen zu machen, aber manchmal lässt sich das nicht vermeiden.

Dann kommen aber auch die Tage, an denen ich dem Leben voll vertraue, in denen ich versuche, ganz im Jetzt zu leben und die Zeit, die mir bleibt, voll zu nützen. Ich weiss nicht, was auf mich zukommen wird, aber wie heisst es so doch schön: «Werde nicht vor der Zeit unglücklich».

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