Text und Bilder Monika Fischer
Die Selbstbestimmung zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben der 96-jährigen Silvia Käslin-Schönenberger. Handwerklich begabt hat die Patriarchin einer Grossfamilie ihre Pläne und Wünsche stets mutig umgesetzt. Dem Lebensende blickt sie gelassen entgegen und meint angesichts der Fotowand mit Bildern ihrer drei Kinder, der 18 Gross- und 13 Urgrosskinder: «Das ist der Reichtum meines Lebens.»
(Fortsetzung)
Ich begegnete ihr bei der Einladung ihrer Tochter Sylvia und deren Mann Wolfgang. Dabei war ebenfalls Joseph Sieber, der wegen Konzertproben eine Woche bei den Eltern wohnte. Der liebevolle Umgang zwischen Enkel und Grossmutter berührte mich. Diese freute sich auf den bevorstehenden musikalischen Anlass und lachte: «Ich bin immer dabei, wenn mich jemand mitnimmt. Obwohl ich Opern mehr liebe als die moderne Musik.»
Selbständig auch im hohen Alter
Beim Gespräch in ihrer hellen Wohnung erzählte sie mir bald darauf mehr über ihr langes Leben und erklärte: «Manchmal denke ich, ich sei viel jünger, lebe ich doch nach wie vor selbständig, koche täglich richtig und besorge den Haushalt ohne fremde Hilfe. Mit meinem Elektrostuhl gehe ich einkaufen und fräse zum Park oder an den See zum Schwimmen. Das ist wunderbar.» Nur am Nachmittag, wenn sie nichts mehr zu tun hat, fühlt sie sich manchmal alt. In der Wohnung benutzt sie den Rollator zur Sicherheit, um Stürzen vorzubeugen. Nach wie vor ist sie interessiert am Geschehen. Wenn ihr am Vormittag ein Nachbar die Zeitung bringt, diskutiert sie mit ihm über die Politik und meint: «Es ist schon traurig, was aktuell in der Welt los ist.» Sie erzählt von ihren zwei Töchtern und dem Sohn, von den 18 Gross- und 13 Urgrosskindern und freut sich: «Es sind alles Schätze. Ich pflege mit allen ein gutes Verhältnis. Sie besuchen mich, und wir telefonieren regelmässig. Davon lebe ich.»
Geprägt durch den Hebammenberuf der Mutter
Dankbar über ihr gutes Gedächtnis erzählt sie von ihrer Herkunft im Toggenburg. Am 19. Juli 1929 geboren, ist sie mit zwei Brüdern in der Kleinstadt Lichtensteig aufgewachsen. Geprägt war die Familie durch das Leben der Mutter, der Hebamme der Region. «Wir mussten sie oft zu den Familien begleiten, vor allem im Winter, wenn es Schnee hatte. Dann stand sie bei den Abfahrten hinten auf meine Schier, und manchmal sind wir beide gestürzt. Ein andermal wartete ich mit meinem Bruder unten in der Stube, als dieser meinte, dem Ton von oben nach komme das Kind bald.» Unvergessen sind ihr der kleine Sarg mit dem toten Neugeborenen in einer Stube und die Armut der Bauernfamilien mit 16 oder 18 Kindern. Da die Mutter nicht nur die Geburten begleitete, sondern auch Wochenbettpflege machte, sorgte sie auch dafür, dass diese Familien nicht Hunger leiden mussten. «Sie kannte neben dem Pfarrer viele gute Leute, die halfen», berichtet Silvia und erzählt auch vom Vater, der als ausgebildeter Schifflisticker in der Fabrik wunderschöne feinste Spitzen und alle Spielsachen für die Kinder selber herstellte. Deshalb habe sie zu ihrer Hochzeit von der Fabrik die Spitzen für ihr Kleid bekommen. Da die Mutter bis 40 Geburten/Jahr begleitete, besorgte ein Dienstmädchen den Haushalt. Als Silvia Käslin schulpflichtig wurde, fand der Vater, sie könne nun kochen, wenn die Mutter nicht da sei, was sie nicht ungern machte.
Von der Schneiderin zur Directrice
Beim Erzählen von früheren Zeiten wird spürbar, wie stark in jenen Jahren das Leben der Kinder durch die Eltern bestimmt war. Doch Silvia widersetzte sich nach neun Schuljahren dem Vorschlag der Mutter, sie solle Handarbeitslehrerin werden. «Nicht wegen dem Beruf, sondern wegen einer Lehrerin, die ich nicht mochte», erzählt sie. Sie machte eine Lehre als Schneiderin, absolvierte die Meisterprüfung und später eine Zusatzausbildung in St. Gallen als Textil- und Modefachfrau. Zu ihrem Wunsch, ein eigenes Atelier einzurichten, fand die Mutter, dazu sei sie nicht fähig. Sie hielt an ihrem Plan fest, schrieb unbemerkt von ihren Eltern ein Gesuch für eine Industriemaschine mit dem Hinweis, sie habe kein Geld. Als ihr die Firma gratis eine Maschine für ein Jahr zur Verfügung stellte, mietete sie eine Wohnung und verteilte Karten mit dem Hinweis auf die Eröffnung ihres Nähateliers am 1. Oktober. Sie startete mit der besagten Maschine, einem alten Bügelbrett und Bügeleisen und bekam schnell Kundschaft. Lachend erzählt sie von reichen Frauen, für die sie Ballröcke und Hochzeitskleider anfertigen konnte, eines sogar für eine Frau aus Argentinien.
Sie war 27 und hatte sechs Angestellte, als sie von der Firma Nabholz als Direktrice in die Kleiderfabrik nach Schönenwerd geholt wurde. Dort war sie für den Einkauf zuständig und musste jedes Halbjahr neue Modelle entwerfen. Auf die Frage, wie sie das alles schaffte, bemerkt sie trocken: «Ich handelte, und es ging einfach, ich zweifelte nie an meinen Fähigkeiten.»
Leiterpaar eines Kinderheims
Sie erzählt, wie sie ihrem künftigen Mann, Joseph Käslin aus Engelberg, zuhause in Lichtensteig immer wieder begegnet war, verbrachte er doch seine Ferien bei gemeinsamen Freunden. Als er ihr jedoch seine Hosen zum Flicken brachte, machte sie dies nicht. «Es hat mir einfach gestunken, diesem jungen Mann die Hosen zu flicken. Nachdem er jedoch nach einem Jahr telefonierte, er brauche die Hose und komme sie holen, funkte es.»
Nach der Heirat im Februar 1959 wohnte das Paar in Basel, wo ihr Mann als Sekundarlehrer arbeitete. Nach einem Jahr wurde die ältere Tochter geboren. Die zweite Tochter wurde anderthalb Jahre später an Weihnachten zuhause von der Mutter entbunden. «Es war eine gute Erfahrung», erinnert sich Silvia und erzählt vom Sohn, der vier Jahre später zur Welt kam. Sie schulte sich um und wurde Handarbeitslehrerin für sozial schwierige Kinder. «Diese Arbeit gefiel mir sehr, konnte ich doch den Kindern, die vor allem Liebe brauchten, viel geben», freut sie sich noch heute.
Nach 13 Jahren übernahm sie mit ihrem Mann die Leitung des basel-städtischen Kinderheims «Gute Herberge» in Riehen für 40 sozialverwahrloste Kinder ab vier Jahren bis Ende Schulpflicht mit internem Kindergarten und Schule, wo sie wiederum als Handarbeitslehrerin unterrichtete. Sie berichtet von den vielen Elterngesprächen und der versuchten Wieder-Eingliederung der verängstigten Kinder, die selten gelang.
Im Heim mit den 40 Mitarbeitenden war die Familienwohnung in den Betrieb integriert. Die eigenen Kinder wuchsen mit den Heimkindern auf, was für diese nie ein Problem war. Doch das fehlende Privatleben setzte Silvia Käslin mehr und mehr zu. Nach zehn Jahren führte ein Burnout zu einem dreimonatigen Aufenthalt in der Klinik Mammern. Sie komme nicht zurück, wenn der Familie nicht eine private Wohnmöglichkeit zur Verfügung gestellt werde, forderte sie. Es ergab sich eine Lösung mit einem leerstehenden Haus auf dem Areal. Wieder zurück im Betrieb hatte sie mehr und mehr Mühe mit der Arbeitshaltung der Angestellten, «die lieber diskutierten anstatt zu arbeiten.»
Vielseitige Handwerkerin
Nach der Pensionierung fand das Ehepaar zuerst keine freie Wohnung in Basel. «Wir mussten unsere Möbel einstellen und wohnten im Ferienhaus im Neu-Toggenburg», berichtet sie und erzählt, wie das Haus aufgrund ihrer selber gezeichneten Pläne gebaut wurde, womit sie sich einen Jugendtraum erfüllen konnte. «Denn eigentlich wäre ich gerne Maurer geworden und hätte danach das Technikum besucht. Doch wurde mein Berufswunsch abgeschlagen mit den Worten, sie könne doch als Mädchen nicht mit all den Männern zusammenarbeiten.» Sie zeigte ein Foto vom Haus mit dem Schwimmbad im Garten, wo die Familie stets die Ferien verbrachte, ein grosses Glück für alle. «Die Kinder waren enorm glücklich, und auch ich war immer beschäftigt in der Werkstatt mit einer Holzmaschine, wo ich unter anderem meine Holzfiguren herstellte. Daneben nähte ich wie früher alle Kleider, Jacken, Mäntel für die ganze Familie selber, oft aus alten Kleidern.»
Auf Wunsch der Tochter zog sie mit ihrem Mann im Hinblick aufs Alter vor 13 Jahren in die Neubauwohnung nach Luzern, wurde dort aber nie recht heimisch. Das stört sie nicht: «Ich bin und bleibe Baslerin, bekamen wir doch als Heimleiterpaar schon nach acht Jahren das Basler Bürgerrecht.»
«Ich nehme es gelassen, wie es kommt»
Nachdem ihr zwei Jahre jüngerer Mann mehr und mehr apathisch geworden war, pflegte sie ihn zusammen mit der Spitex zuhause. Vor drei Jahren starb er nach einer Lungenentzündung im Spital. «Es war ein wunderbarer Tod, alle Kinder waren da, er konnte langsam gehen und einschlafen. Es war sehr tröstlich.»
Silvia Käslin schätzt es, selbständig leben zu können, solange es geht. Umso mehr ärgert sie sich, wenn ihr das nicht zugetraut wird, wie sie dies vor ein paar Wochen erfahren hat. Während ihrer Auslandreise bestand die Tochter darauf, sie solle diese Zeit in einer Senioren-Residenz für ältere Menschen verbringen. «Dauernd wollte mir das Personal behilflich sein. Es ärgerte mich besonders, dass sie mich nicht allein ins Schwimmbad gehen liessen. Wie früher im Rhein, gehe ich auch jetzt noch regelmässig allein im See schwimmen. Es war noch nie ein Problem», erzählt sie, die der Zukunft ohne Angst gelassen entgegensieht und fährt fort: «Ich nehme es, wie es kommt und hoffe, dass mir dies dann auch gelingt, wenn es soweit ist.»
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