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Arbeit der Grossmütter – ein Dilemma?

Text: Bernadette Kurmann

Wir waren eine Woche in Dresden unterwegs, dieser umwerfenden Kulturstadt: 11 alleinstehende Frauen, ein Mann und 7 Ehepaare. Der Frauenüberhang war augenfällig und auch das Alter: alle zwischen 75 und 85. Wir waren viel unterwegs, sprachen über Gott und die Welt und über Grossmütterthemen.

(Fortsetzung)

Während der langen Zugreisen hörte ich oft nur zu. Die Frauen erzählten von ihrem Alltag. Sie organisieren seit Jahrzehnten Wanderung für den Turnverein, machen Besuche im Altersheim, kochen für die Chlausgesellschaft oder den Mittagstisch…
Die eine Grossmutter hütet einmal in der Woche die kleinen Kinder der Tochter in Basel, das andere Mal zwei Grosskinder im Kanton Luzern. Dort pflegt sie auch den Garten, und natürlich kocht sie jedes Mal – meist auch für den nächsten Tag.
Im Verlaufe der Reise bekomme ich das Gefühl, dass jede Grossmutter in der Vergangenheit ihre Enkelkinder betreut hat. Für sie ist es selbstverständlich, dass sie ihre Kinder unterstützen, damit die jungen Familien die Last von Beruf und Familie bewältigen können.

Fehlende gesellschaftliche Anerkennung
«Die Gesellschaft bekommt all die Arbeit der alten Frauen überhaupt nicht mit», denke ich. Nach Schätzungen ist allein die Hütearbeit der älteren Generation rund 8,2 Milliarden Franken pro Jahr wert. Im Gegenzug streiten sich Bund und Kantone seit Urzeiten darüber, wer für die Finanzierung der Kitas zuständig ist. Im Moment verhandelt die Nationalratskommission über einen verlängerten Vaterschaftsurlaub. Dieser soll nur bei einer gleichzeitigen Verkürzung des Mutterschaftsurlaubs möglich sein. Welch kleinliche Rechnerei! Ich denke an die nordeuropäischen Staaten, wo alle Familien Anspruch auf Betreuungsplätze haben mit Elternzeitmodellen von z.T. mehr als ein Jahr. Im Gegenzug haben diese Sozialstaaten eine Steuerquote von bis zu 48 Prozent. In der Schweiz: gut 28 Prozent.

Sie machen es gerne
In der Schweiz leisten die Grossmütter einen Grossteil der Betreuungsarbeit. Die allermeisten Grossmütter wollen nicht dafür bezahlt werden. Keine meiner Reisegefährtinnen habe ich klagen gehört. Im Gegenteil, sie fühlen sich gebraucht und denken, ihre Zeit sei gut investiert. Denn es kommt viel zurück: Liebe und Sympathie von Seiten der Enkelinnen und Enkel, Töchter und Schwiegersöhne.

Immaterieller Lohn
Mir fiel auf, dass eine der Grossmütter ihr Handy unglaublich geschickt im Griff hatte. Versiert drückte sie darauf herum: Im Nu wusste sie die Abfahrzeiten der Züge, sekundenschnell hatte sie Antworten auf Fragen gefunden oder Wege in unbekannten Ländern ausfindig gemacht. Ich fragte sie, wo sie das gelernt habe: «Bei meinen Grosskindern.» Hatte sie bezüglich ihres Handys Fragen, wartete sie, bis eines der Grosskinder vorbeikam und bat um Unterstützung. «Ich begriff nicht immer schnell und habe oft gesagt: Zeigst du es mir noch einmal, aber langsam?» Das machten ihre Enkelkinder gerne.

Gesellschaftlich problematisch?
Die Arbeit der Grossmütter ist ohne Zweifel ein Fundament der Schweizer Wirtschaft. Ohne ihren Hütedienst müssten viele Eltern dem Arbeitsmarkt fernbleiben. Laut der NZZ vom Januar 2025 helfen 42 Prozent der Grosseltern aus, damit die Eltern arbeiten können, 11 Prozent sind im Einsatz, weil sich die Eltern keine andere Betreuung leisten können. Doch andere Familien haben keine Grossmutter, die einspringen kann. Hier kommt die Frage nach der gesellschaftlichen Ungleichheit ins Spiel.

Dass es in der Schweizerpolitik nur zögerliche Anstrengungen in Richtung Kinderbetreuung für alle gibt, dürfte z.T. auch am Einsatz der Grossmütter liegen. Sie sorgen dafür, dass viele Familien vordergründig keinen Bedarf an Betreuungsplätzen haben. Gleichzeitig entsteht die Illusion, dass Care-Arbeit nichts kostet. Sie wird ganz im Stillen erledigt. Wir stecken in einem Dilemma.

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