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Die vergessenen Fräuleins

Text: Barbara Bischoff

Sie halfen Kindern auf die Welt, putzten, wuschen, bügelten, nähten, kleideten die Verstorbenen ein und besorgten den Haushalt für zölibatär lebende geistliche Herren. Als tüchtige Fachfrauen leisteten sie wichtige Dienste für Familien und das Funktionieren von Gemeinden. Manche von ihnen heirateten nicht und bestanden darauf, als «Fräulein» angesprochen zu werden. Weil sie ihre Selbstständigkeit nicht aufgeben wollten?

(Fortsetzung)

In meiner Kindheit in den fünfziger Jahren, kannte ich einige Fräuleins. Sie wohnten wie wir in der Altstadt.

Die bekannteste Person war wahrscheinlich die Hebamme Brändli*. Sie kannte fast alle Familien und deren Kinder. Sie war bekannt durch ihre Kompetenz und ihre direkte Art. Als meine Mutter das erste Mal schwanger war, kollabierte sie in der Kirche während des Gottesdienstes. Am Ende der Messe, sprach die Hebamme meinen Vater an und sagte: «Ich komme dann in neun Monaten zu ihnen!» Er empfand das als sehr peinlich. Meine älteste Schwester war das tausendste Kind, dem sie auf die Welt geholfen hatte. Auch die meisten meiner Schulgspänli wurden mit Hilfe von Hebamme Brändli geboren. Ein Arzt wurde nur im Notfall beigezogen. Als mein jüngster Bruder zur Welt kam, sagte sie nach der schwierigen Hausgeburt zu meinen Eltern: «Das git nüt Gfreuts». Mein Bruder hatte ein Downsyndrom, einen Herzfehler und starb nach einem Jahr. Wir Kinder liebten die Hebamme nicht sehr. Sie liess uns nie in die Nähe der Neugeborenen. Im Nachhinein weiss ich natürlich, dass sie auf strikte Hygiene achten musste.

Die Pfarrköchin Fräulein Frieda führte dem Pfarrer den Haushalt und war Mitglied des Paramenten Vereins. Dieser Verein tagte jeweils im Handarbeitszimmer im Schulhaus, wo wir wohnten. Ich schaute diesen Frauen gerne zu, nähten sie doch die schönen Messgewänder mit viel Brokat und Goldbändern. Fräulein Frieda wurde später gebrechlich und bekam von einem neuen Fräulein Unterstützung. Dieses neue Fräulein führte den Pfarrhaushalt und pflegte zusätzlich Fräulein Frieda bis zu deren Tode.

Tante Sutter war die erste Kindergärtnerin in der Stadt. Meine Mutter besuchte bei ihr den Kindergarten und meine älteren Geschwister auch, bis sie pensioniert wurde. Tante Sutter wurde von allen Leuten so genannt. Meine Mutter strahlte stets, wenn sie die «Tante» auf der Strasse traf. Auch ich mochte sie gerne. Sie war immer sehr nett zu uns Kindern und interessierte sich für unsere Spiele.

Wir hatten auch eine Waschfrau, Fräulein Hösch. Sie kam einmal monatlich für die grosse Wäsche. Morgens früh nach 6 Uhr musste sie den grossen Kupferwaschkessel einheizen, damit die Lauge zeitig heiss genug für die Wäsche war. Dann wurde den ganzen Morgen gewaschen. Meine Mutter half bei den einfacheren Arbeiten mit. Die ganze Waschküche dampfte und war sehr heiss. Für den Znüni und das Mittagessen mussten wir Fräulein Hösch abholen, und sie ass mit uns am Tisch. Das Wäscheaufhängen übernahm dann meine Mutter, und wir Kinder freuten uns, die Wäschestickel zu befestigen. Im Alter hatte Fräulein Hösch einen Beinbruch, weil sie in einer Waschküche ausgerutscht war. Sie ging in Rente. In unserer Familie wurde sie durch einen «Halbautomaten» (Waschmaschine) ersetzt.

Die Kinderkleider nähte unsere Störschneiderin Fräulein Oberle. Wenn Fräulein Oberle kam, wurde der Stubentisch abgeräumt, damit Platz für das Schneidern war. Auch die Bernina Tretnähmaschine wurde ans Fenster zum Licht gerückt. Fräulein Oberle war eine echte Künstlerin. Sie trennte alte Mäntel meiner Eltern auf und schneiderte daraus neue Kindermäntel. Wir durften jeweils die Knöpfe dazu im Laden auswählen, der ebenfalls von einem Fräulein geführt wurde. Fräulein Oberle brachte stets Modehefte mit. Stundenlang schaute ich diese an und durfte den Schnitt meines neuen Mantels oder Kleides mitbestimmen. Fürs Mittagessen wurde der Tisch wieder abgeräumt. Danach wurde weiter genäht. Auch zum Nachtessen blieb Fräulein Oberle noch bei uns, und manchmal machte sie noch Überstunden. Sie wohnte im Nachbardorf in einem Zimmer des elterlichen Bauernhofes und kam mit dem Zug zu uns.

Frau Egli war unsere Putzfrau. Sie war aber kein Fräulein. Mein Vater war der Beistand ihrer Familie und verwaltete das Geld ihres Mannes. Damit sie etwas dazu verdiente, organisierte er ihr einige Aufträge zum Putzen. Somit putzte sie über Jahrzehnte jeden Samstag unsere Wohnung. Diese Vormittage liefen wie ein Ritual ab. Frau Egli kam um 8 Uhr. Dann ging meine Mutter einkaufen. Jedes Mal eine Cervelat und ein frisches Brot. Zu Hause kochte sie Kaffee für Frau Egli, damit diese ausgiebig Znüni essen konnte. Mich störte das oft, bekamen wir Kinder doch nie eine ganze Cervelat. Im Pensionsalter wollte Frau Egli unbedingt weiter bei uns putzen. Sie war meinem Vater so dankbar für die frühere Unterstützung, welche er ja auf behördliche Anweisung gemacht hatte.

Gab es einen Todesfall in der Stadt, so rief man Fräulein Koller. Sie kleidete die Toten ein. Da sie in der Nähe wohnte, sah ich sie oft. Ich hielt aber immer etwas Distanz zu ihr. Ihre Arbeit war mir etwas ungeheuer. Was Fräulein Koller sonst noch arbeitete, weiss ich nicht.

Alle diese Fräuleins waren für das Funktionieren der Gemeinde sehr wichtig. Mir ist kaum bekannt, wo und wie sie wohnten oder ob sie noch Angehörige hatten. Sie waren einfach da: unscheinbar, bescheiden, grauhaarig und von undefinierbarem Alter. Sie gehörten zu unserem Alltag.

Gerne möchte ich diesen Fräuleins und all den anderen, nicht erwähnten, die es sicher in jeder Gemeinde gab, ein Denkmal setzen.

*Alle Namen sind anonymisiert.

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