Text und Foto: Monika Fischer
Mental Load? Was der Begriff bedeuten kann, erkannte ich angesichts der Belastung der Schwiegertochter durch den anspruchsvollen Beruf als Rechtsanwältin und Mutter dreier Töchter. Rückblickend frage ich mich, warum für mich in den Jahren als Hausfrau, alleinerziehende Mutter von fünf Kindern und Berufsfrau die Mehrfachbelastung nicht im Vordergrund stand. Wichtiger war mir, mich beweisen zu können.
(Fortsetzung)
Wahrscheinlich hatte es mit meiner persönlichen Geschichte und mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun. Zur Zeit meiner Geburt kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges galt die damals viel aufwendigere Hausarbeit als wertvolle Arbeit für die Familie. Wir Mädchen wurden früh darauf getrimmt, indem wir zu jedem Geburtstag und zu Weihnachten Besteck für die künftige Aussteuer bekamen.Das erfüllte mich mit Freude und Stolz. Auf die Haushaltführung wurden wir in der Oberstufe (oder nach der obligatorischen Schulzeit?) durch einen speziellen Kurs, das «Obli», vorbereitet. Das störte mich nicht, konnte ich mich doch im Lehrerinnenseminar auf meinen Wunschberuf vorbereiten.
Bedingt durch den Berufswechsel und die Karriere meines damaligen Mannes kam vieles anders, als ich mir das vorgestellt hatte. Unterstützt durch die rechtliche Situation und die gesellschaftlichen Vorstellungen auf dem Land war ich allein für Haushalt und Kinder zuständig. Ich war gerne Hausfrau und Mutter und schätzte meinen grossen Gemüsegarten. Doch brauchte ich auch andere Herausforderungen.
Berufslehre Haushalt
Damals gab es für junge Frauen eine ein- bis zweijährige Ausbildung im Haushalt mit anerkanntem Berufsabschluss. Nach der Ausbildung zur Haushaltlehrmeisterin war für mich die Anstellung von Haushaltlehrtöchtern die Chance, Berufs- und Familienarbeit miteinander zu verbinden. Damit ich meinen insgesamt zehn Lehrtöchtern genug mitgeben konnte, liess ich mich gar zur Expertin ausbilden. Da ich meine Schreibarbeiten zu Hause erledigen konnte, arbeitete ich nicht mehr als die von der zuständigen Kommission vorgeschriebene Zeit (vier Halbtage) auswärts als Journalistin, Klavierlehrerin, Organistin und engagierte mich daneben auch in der Schulpflege und im Kirchenrat. Bewusst hatte ich neben anderen drei jungen Frauen aus der Kleinklasse aufgenommen. Da ich sie vor allem in den theoretischen Fächern stärker unterstützen musste, dauerte die Lehrzeit für sie zwei Jahre.
Versuchte Aufwertung
Ich erinnere mich, wie die Haus- und Familienarbeit mehr und mehr abgewertet wurde und wir Frauen uns über die fehlende Wertschätzung ärgerten. Bis heute kann ich es nicht hören, wenn eine Frau sagt, sie arbeite nicht, sie sei «nur» Hausfrau und bleibe wegen der Kinder zu Hause. Frauen- und Berufsverbände wollten diesem Trend mit dem Kompetenzen-Modell etwas entgegenzusetzen. In Vorträgen wurden wir dazu ermuntert, die bei der Hausarbeit erworbenen Kompetenzen sichtbar zu machen und bei Bewerbungen aufzuführen. Ich sah damals die Vorteile meiner vielseitigen Lebensweise und war unter anderem mit dem Vortrag «Ich bin meine eigene Managerin» unterwegs. Es war wohl zu jener Zeit, als ich Ina Praetorius mit ihrem Vortrag «Die Welt als Haushalt» kennenlernte. Dies und vor allem die Scheidung noch im alten Eherecht schärften mein Bewusstsein für den ungerechten Umgang der Gesellschaft mit der Care-Arbeit, die eine Frau nach fast 20 Jahren Familienarbeit damals noch ohne einen Rappen in der Pensionskasse zurückliess.
Folgen der fehlenden Wertschätzung
Warum löst in mir der Begriff «Mental Load» auch rückblickend gemischte Gefühle aus? Vielleicht, weil für mich das Organisieren der Grossfamilie und später zusätzlich der Praxis meines zweiten Mannes ein Ersatz war für das, was mir lange verwehrt blieb: Liebend gerne hätte ich ein Gremium geleitet, anstatt das Protokoll zu schreiben!
Natürlich gab es Zeiten, in denen alles zu viel wurde. Es half mir, darüber in Artikeln in einem Bulletin für Einelternfamilien und in einer Frauen- und Familienzeitschrift zu schreiben und die Last somit abzulegen.
Als Grossmutter lerne ich, abzugeben und nicht mehr für alles verantwortlich zu sein. Vor allem bin ich enorm dankbar, dass mein zweiter Mann seit seiner Pensionierung mindestens die Hälfte der Hausarbeit übernimmt und ich endlich so leben kann, wie ich es mir immer gewünscht hatte.
Wie die erfahrene Geringschätzung das Leben einer Hausfrau und Mutter bis ans Lebensende belasten kann, habe ich bei der regelmässigen Betreuung einer demenzkranken Frau eindrücklich erfahren. Als Gespräche noch möglich waren, sagte sie mir bei fast jedem Besuch: «Du bist etwas geworden, ich bin niemand.» Wenn ich ihr aufzeigte, was sie alles für ihre Kinder, für ihre Familie geleistet hatte, blickte sie mich dankbar an.
Wir verwenden Cookies und ähnliche Technologien, um das Nutzererlebnis auf unserer Website zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Website stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies und ähnlichen Technologien zu. Mehr erfahren