Schliessen

Wen kümmerts, wer sich kümmert?

Texte: Barbara Bischoff und Andrea Fetz

Das Thema Mental Load zog sich durch die ganze Frühlingstagung. In den Diskussionen kamen die Frauen zum Schluss, dass der Begriff «Mental overload» treffender wäre.

(Fortsetzung)

Barbara Bischoff berichtet:
Wir stellten einhellig fest, dass es uns wirklich kümmert, dass wir unseres Erachtens in Familie und Partnerschaft die ganze mentale Last tragen. Es sind Hunderte Kleinigkeiten, die im Zusammenleben anfallen, die besprochen oder erledigt werden müssen: Gratulationen an Verwandte oder Bekannte schreiben, Mitbringsel einkaufen, Geschenke für Grosskinder überlegen und kaufen, fällige Besuche mit Freunden planen, einkaufen, Abfall entsorgen usw.. Diese Liste wird wohl kaum je vollständig sein!

Weshalb übernehmen vor allem die Frauen die Verantwortung über das Alltägliche in einer Gemeinschaft? Ist es unsere Sozialisierung als Mädchen/ als Frau? So einfach ist es nicht, und wir möchten auch nicht in der Opferrolle gesehen werden. Unsere Generation wuchs meistens in Familien auf, in der sich die Mutter vorwiegend um die Kinder, den Partner und den Haushalt kümmerte. Der Vater war zuständig für das Geld und fungierte als «Aussenminister». Ganz so, wie es im alten Eherecht (bis 1988) hiess:

«Der Mann vertritt die Familie nach aussen, die Frau führt den Haushalt».

So lebten teilweise noch viele Frauen und Mütter meiner Generation. War man Hauptzuständige für die Kinder, wurden die Termine für die ganze Familie verwaltet und koordiniert.

In der Diskussion fragten wir uns, warum wir auch heute noch die Hauptlast tragen, obwohl das gar nicht mehr nötig wäre.

«Es fällt uns leicht» - «Diskussionen um Kleinigkeiten lohnen sich nicht» - «Wir unterstützen gerne die eigenen Kinder mit ihren Familien» - «Die Aufteilung in der Partnerschaft hat sich so gut eingestellt» - «Wir könnten ja mehr delegieren», so einige der Argumente.

Nein, wir müssen nicht delegieren, sondern wir müssen loslassen!

Loslassen bedeutet auch zu akzeptieren, dass eine Arbeit oder Unternehmung nicht so ausgeführt wird, wie wir es möchten oder dass sie vergessen geht. Können und wollen wir das akzeptieren?

Bei der Diskussion spürte ich, dass die Thematik auch viel mit Macht zu tun hat. Ein Wort, das wir Frauen nicht so gerne hören. Es bedeutet für mich z.B. auch Macht, wenn ich alleine die Zusammenhänge und Übersicht habe. Ich werde somit gebraucht, und die anderen sind von mir abhängig. Macht haben oder ausüben ist nicht nur negativ. Ich denke, wir verbinden Macht mit patriarchalen Strukturen. Was wir Frauen mit der übernommenen mentalen Last erreichen, dient dem Zusammenleben. Wir übernehmen einen Teil der Verantwortung. Trotzdem finde ich es wichtig, dass wir unser Verhalten stets wieder neu reflektieren und uns überlegen, was wir von dieser Last abgeben könnten und wie wir lernen zu akzeptieren, dass das Zusammenleben ohne unser perfektes Organisieren (gut?) funktioniert.

Erfahrungen von Andrea Fetz:
«Was soll ich einkaufen?» Mein Ehegatte steht vor dem Kühlschrank und äugt skeptisch in das Gerät. Ich halte einen Moment inne, um nicht meine innere Einkaufsliste aufzuzählen. Mein fotografisches Gedächtnis registriert fast automatisch die zur Neige gehende Butter oder die fehlenden Jogurts bei jedem Öffnen des Kühlgerätes. Doch dabei würde ich es nicht bleiben lassen. Denn Einkaufen beinhaltet auch das Planen der nächsten Mahlzeiten, um die benötigten Lebensmittel zu beschaffen. Viele Jahre hatte ich in dieser Situation meine jeweilige Tätigkeit unterbrochen und mir überlegt, was ich als nächstes kochen will. Frauen beherrschen schliesslich das Multitasking!

Nötig gewesen wäre es nicht. Mein Mann und ich haben die Haushaltsarbeiten aufgeteilt, und er ist für den Einkauf zuständig. Also habe ich mir angewöhnt, meine Menus früher zu planen und auf der Einkaufsliste zu notieren. Und für das Auffüllen der Vorräte fühle ich mich nicht mehr zuständig, seit wir den Bereich Einkaufen näher definiert haben. Das Innehalten braucht es trotzdem, den mein Frauen-Gehirn wurde jahrelang trainiert zu helfen.

Ebenso hat es mir jahrelang grosse Freude bereitet, unseren Enkel-Tag zu organisieren. Als die beiden Jüngsten mit sechs Monaten das erste Mal für einen Tag zu uns kamen, bereitete ich am Abend vorher die Wohnung vor und «instruierte» meinen Mann über den Ablauf. Damals war er froh darüber. Mit zunehmendem Alter der beiden Buben ersann ich spannende Ausflüge, die auch mir Spass machten. Dafür erntete ich viele Komplimente. Zunehmend zeigte sich nach diesen Enkeltagen eine hartnäckige Erschöpfung. Das Multitasking fiel mir immer schwerer. Ich musste erkennen, dass ich im Alter nicht mehr die gleiche Konzentration erbringen konnte wie mit 40.

Unterdessen sind die beiden Enkel neun Jahre alt. Mein Gatte bringt nun eigene Vorschläge für die Gestaltung dieser Tage, wie einen Kinobesuch oder eine Kinderveranstaltung in einem Museum. Auch das Drumherum und die Zugverbindungen organisiert er. Und ich kann mich wunderbar entspannen und bin abends nicht mehr so müde.

Es geht nicht nur darum, dass ich mich automatisch zuständig gefühlt hatte. Ich konnte damit das Geschehen auch weitgehend bestimmen. Im Management gibt es ein Prinzip: Wer die Verantwortung trägt, entscheidet. Um Verantwortung abgeben zu können, muss ich auch die Entscheidungsmacht abgeben.

Mein Mann und ich waren beide gefangen in der Zuschreibung unserer Rollen. Und wir sind weit davon entfernt, diese abzuschütteln. Doch wir machen neue, befriedigende Erfahrungen. Also halte ich weiterhin bei gewissen Fragen inne und verscheuche die Gedanken, wieviel Kino einem Neunjährigen guttut.

Wir verwenden Cookies und ähnliche Technologien, um das Nutzererlebnis auf unserer Website zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Website stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies und ähnlichen Technologien zu. Mehr erfahren