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Migration und Alter I

Das Singen ohne Grenzen am Begegnungsfest lockerte die Zungen und öffnete die Herzen.

Türen öffnen und Brücken bauen

Text und Fotos: Monika Fischer

Das Interesse an fremden Kulturen wurde mir in den Stubenwagen gelegt. Mich faszinierten die Bilder und Erzählungen der Mutter, die als junge Frau acht Jahre in Ägypten als Nurse gearbeitet hatte. Was Fremdsein und Integration bedeutet, erfuhr ich später als junge Lehrerin und als Mutter bei einem Aufenthalt mit der Familie in Amerika. Die Unterstützung einer Patin erleichterte uns den Einstieg. Diese Erfahrungen motivierten mich, durch Gründung und Leitung einer Integrationsgruppe dies auch fremden Menschen bei uns zu ermöglichen. Bis heute bereichert der Umgang mit Menschen aus andern Kulturen mein Leben.

(Fortsetzung)

An meiner ersten vollen Stelle als Primarlehrerin waren unter den 45 SchülerInnen der 5. Primarklasse sieben Kinder aus Italien und Spanien, die kaum Deutsch sprachen. Es gab für sie keinerlei Unterstützung zum Deutschlernen. Es ist für mich ein Rätsel, wie alle einen Berufsabschluss geschafft hatten. Dies erfuhr ich letztes Jahr an einer Klassenzusammenkunft. Die ehemaligen SchülerInnen erzählten, wie sie damals meine Geduld mit den fremdsprachigen Kindern bewundert hatten.

Im Zusammenhang mit der Weiterbildung des Ex- Mannes lebten wir anfangs der 80er-Jahre mit damals vier Kindern zwischen sieben Monaten und neun Jahren ein knappes Jahr in Amerika. In Columbus GA wurde der älteste Sohn in die dritte Klasse mit mehrheitlich schwarzen Kindern eingeschult. Im Gegensatz zu seiner jüngeren Schwester weinte er täglich, da er kein Wort Englisch verstand. «Ich kann ja nicht einmal sagen, wenn ich aufs WC muss», klagte er. «Konnte ich dem Kind den Schulbesuch zumuten, oder soll ich ihn besser zuhause unterrichten?», fragte ich mich. Bei einem Gespräch mit seiner Lehrerin Mrs. Tarver fanden wir eine Lösung: Sie gab mir jeden Tag den Unterrichtsstoff für den nächsten Tag mit. Ich erstellte daraus ein Voci für das Kind, das er am Abend studierte. Zudem durfte er beim Mittagessen in der Tagesschule neben seiner jüngeren unbekümmerten Schwester sitzen. Nach zwei Wochen waren die Schwierigkeiten überwunden. Ich konnte die Kinder wie die anderen Eltern mit dem Auto ohne Tränen vor dem Schulhaus abliefern. Die Erfahrung war für diese eine grosse Chance: Der Sohn unterrichtet heute am Gymnasium Mathematik auf Englisch.

Im gemeinsamen Gespräch mit der Lehrerin fand sich in Weg, der dem Sohn den Zugang zur fremden Schule öffnete.

Gründung und Leitung der Integrationsgruppe
Bei unserem Aufenthalt engagierte ich mich bei der Parents-Teacher-Vereinigung unter anderem bei Schulfesten. Mit anderen Müttern hatte ich mich für einen Kurs zur Vorbereitung der Sehtests zur Verfügung gestellt. Eine Frau versprach, mich mit dem Auto abzuholen. Bei meinem Anblick meinten ihre Kolleginnen entsetzt: «Was, du willst eine Weisse mitnehmen?» Die Fahrerin beschwichtigte: «Ich weiss wohl, dass die weiss ist. Doch sie ist nett.» Auch die Lehrerin des Sohnes war erstaunt über meinen ungezwungenen Umgang. Sie erzählte, dass in ihrer Südstaatenschule die schwarzen und die weissen Lehrpersonen nach wie vor getrennte Lehrerzimmer haben und keine privaten Kontakte pflegen.

Es waren wohl diese Erfahrungen und die Überzeugung der Gleichwertigkeit aller Menschen, die mich zum freiwilligen Engagement für die Integrationsthematik motivierten. Als im März 2000 im Integrationsleitbild des Kantons Luzern die Gemeinden aufgefordert wurden, bezüglich der Integration von AusländerInnen gemäss den veröffentlichten Leitlinien aktiv zu werden, fragte ich den Gemeinderat, was er angesichts des hohen Ausländeranteils in der Gemeinde zu tun gedenke. Obwohl auch die Schulleitung mit den damit verbundenen Problemen an die Behörden gelangt war, sahen diese keinen Handlungsbedarf. Da wurden wir in der kurz zuvor aus Einheimischen und Zugezogenen zusammengesetzten Integrationsgruppe aktiv.

Beim regelmässigen Austausch im Frauentreff kamen sich Migrantinnen und Einheimische näher.

Vielfalt als Reichtum
In Zusammenarbeit mit dem Kompetenzzentrum für Migration FABIA organisierten wir mit grossem Erfolg Deutschkurse für Frauen und einen ersten Begegnungsabend. Danach entwickelten wir verschiedene Aktivitäten gemäss unseren Möglichkeiten aus den aktuellen Bedürfnissen heraus. Dazu gehörten der beliebte multikulturelle Frauentreff, gemeinsames Wandern und Singen, Begegnungsfeste, Vortrags- und Gesprächsabende, bei denen wir z.B. unser eigenes Fremdsein oder die Berufswahl und Lehrstellensuche thematisierten. Da ein bosnischer Imam in unserer Gruppe mitmachte, organisierten wir sogar ein gemeinsames Gebet zwischen Christen und Muslimen und eine Reise nach Bosnien. Manche Aktivitäten ergaben sich auch durch die Zusammenarbeit mit der Schule und den Vereinen im Dorf, zum Beispiel mit der Pfadi und dem Sportclub. Die Mitglieder unserer Gruppe stellten sich auch als Ansprechpersonen für verschiedenste Fragen wie z.B. Einbürgerung oder Arbeitssuche zur Verfügung.

Wir leisteten die Arbeit freiwillig, die Umwandlung unserer Gruppe in eine Kommission der Gemeinde wurde diskutiert. Die politische und die kirchlichen Gemeinden unterstützen uns durch Vertretungen in unserer Gruppe und indem sie die Räumlichkeiten gratis zur Verfügung stellten. Zur Deckung der Unkosten nahmen wir bei Anlässen eine Kollekte auf. Eine grosse Entlastung war später die finanzielle Unterstützung durch Bund und Kanton.

Es war eine lustvolle Arbeit, wir waren sehr kreativ und versuchten, mit wenig Geld das Optimum für ein gutes Zusammenleben der Menschen verschiedener Kulturen zu erreichen.

Verbunden mit der regelmässigen Öffentlichkeitsarbeit in den Regionalmedien begann die jahrelange Aufbauarbeit Früchte zu tragen.

Das gegenseitige Kennenlernen und das gemeinsame Gebet zwischen Menschen verschiedener Religionen und Konfessionen trug dazu bei, Vorurteile abzubauen.

Das kam nicht überall gut an. Die Morddrohung gegen eine Deutschlehrerin und die Attentatsdrohung gegen ein Begegnungsfest mit der Pfadi forderten uns stark. Doch wir liessen uns nicht abschrecken. Kreativ flochten die jungen PfadfinderInnen den präsenten Polizeischutz in das Festprogramm ein, sodass niemand etwas von der Bedrohung erfuhr.

Nach zehn Jahren verfasste ich unter dem Titel «Vielfalt als Reichtum» eine Broschüre über unsere Arbeit und gab wegen Umzug die Leitung der Gruppe ab.

Handeln gegen die Ohnmacht
Da ich mich am neuen Wohnort zunächst fremd fühlte, suchte ich regemässig den Begegnungstreff Hello Welcome in Luzern auf. Die spontanen Gespräche mit Menschen aus verschiedensten Kulturen waren für mich wie Reisen in verschiedenste Welten. Als ehemalige Lehrerin liebte ich die Herausforderung, erste Deutschkenntnisse zu vermitteln. Doch war es auch schwierig, von den verschiedenen Schicksalen zu erfahren und wenig tun zu können ausser da zu sein und zuzuhören. Gelegenheit zum Handeln gibt es für mich bis heute in der Öffentlichkeitsarbeit, zum Beispiel im Verein «Migration, Kriens integriert», kurz Miki, in meiner Wohngemeinde Kriens.

Ich erfahre es als Geschenk, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die Menschen unabhängig von Kultur und Religion ohne Vorurteile begegnet, die Brücken baut und Türen öffnet. Dabei entsteht eine Herzlichkeit, die wärmt und beglückt.

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