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Porträts: Frauen der Grossmüttergeneration

Thavamani Thanabalasingam mit dem für Tamilen wichtigen „Lebenswegweiser“ und Identitätssymbol. Foto: Irmgard Bayard

Thavamani Thanabalasingam mit dem für Tamilen wichtigen „Lebenswegweiser“ und Identitätssymbol.
Foto: Irmgard Bayard

„Es ist wichtig, die Sprache zu können“

Text: Irmgard Bayard, Bilder: aus dem Privatalbum

Thavamani Thanabalasingam, kurz Mani, lebt seit über 30 Jahren in Langenthal und ist mittlerweile Schweizerin. Doch noch heute reist sie immer wieder nach Sri Lanka, wo sie im Dorf ihrer Jugend dafür sorgt, dass die Kinder in die Schule gehen können. Denn Bildung, vor allem das Erlernen der Sprache, findet sie sehr wichtig.

(Fortsetzung)

Wenn Mani von Ihrem Leben spricht, geschieht dies ruhig und bedacht. Sie beherrscht die deutsche Sprache. Wenn sie einen Ausdruck nicht kennt, nimmt sie das Handy und lässt sich das Wort oder den Satz ins Deutsche übersetzen.

Aufgewachsen ist die heute 63-Jährige mit einem Bruder und einer Schwester im Dorf Ilavalei in Sri Lanka. Ihre Mutter war Kindergartenlehrerin, ihr Vater Bauer. «Die ersten fünf Schuljahre besuchte ich in unserem Dorf, vom 6. bis zum 12. Schuljahr musste ich dazu in die nächstgelegene Stadt fahren», erzählt sie von ihrer Kindheit. «Nach meiner Lehrerinnenausbildung arbeitete ich fünf Jahre als Lehrperson.» Eine normale Kindheit und Jugend also.

Ein Leben voller Angst
Dies änderte sich mit dem im Juli 1983 beginnenden Bürgerkrieg in Sri Lanka. «Von da an lebten wir jeden Tag in Angst, haben kaum mehr geschlafen. Unser Haus wurde vom Militär zerstört.» Die Familie lebte in Tempeln, die sie aus Sicherheitsgründen immer wieder wechseln mussten. Auch die Schule sei vom Militär zerstört worden, erzählt sie von ihrem Alltag mit dem Krieg. Viele Mädchen und Frauen seien vergewaltigt worden. «Um dem zu entgehen und unser Leben zu retten, wollten unsere Eltern, dass wir das Land verlassen.» Ihre Schwester war schon in der Schweiz, als der Onkel, der mit einer Organisation zusammenarbeitete, auch für Mani einen Flug organisierte.

Alles neu und fremd, besonders das Essen
In der Schweiz kam sie mit anderen zusammen in ein Flüchtlingszentrum in Bern, danach in ein Zentrum im Oberaargauischen Roggwil und schliesslich nach Langenthal, wo sie blieb. Das war 1989. «Natürlich waren alle traurig. Wir hier, wie die Zurückgebliebenen. Alle haben viel geweint. Aber die Verwandten war vor allem froh, dass sie uns in Sicherheit wussten.»

«In der Schweiz war alles neu», erinnert sich Mani. «Die Religion, die Bräuche und vor allem das Essen. Mit Rösti und Raclette konnten wir nicht viel anfangen», sagt sie mit einem Augenzwinkern. Damals gab es noch kaum Tamilische Läden. «Ich wusste, dass ich als erstes die Sprache lernen musste, um mich zurecht zu finden», blickt sie zurück. Also besuchte sie bereits in den Flüchtlingslagern Sprachkurse, zuerst in Englisch, dann in Deutsch. Mit ihrer Arbeit, die sie bei der Firma Kadi (Kadifrites) in Langenthal erhielt – ihr Mann arbeitet heute noch dort - konnte sie auch die Sprache verbessern. Zudem meldete sie sich bei Interunido (siehe auch Text weiter unten) zu weiteren Sprachkursen an.

Sie hilft anderen Tamilinnen, sich zurechtzufinden
«Als ich in der Schweiz ankam, war alles fremd. Heute fühle ich mit in meiner neuen Heimat gut.» Es sei ein freundliches Land, sagt sie. Traurig war sie am Anfang vor allem, weil nur ihre Geschwister in der Schweiz lebten, nicht aber ihre Eltern, die sie vermisste. Mittlerweise sind beide gestorben.

Heute arbeitet Mani bei Interunido, wo sie ein Team von 20 tamilischen Seniorinnen leitet. Sie organisiert ihnen Arbeit, bespricht mit ihnen ihre Ziele und Wünsche. «Wir Frauen freuen uns jeweils auf unsere Treffen, wo wir uns über Alltägliches unterhalten. Ich orientiere sie über AHV, IV und erkläre Ihnen schweizerische Traditionen.» Zudem unternehmen die Frauen jährlich einen Ausflug an einen Ort in der Schweiz.

Thavamani und ihr Mann (beide vorne links) haben sich bereits in Sri Lanka kennengelernt.

Sie hat sich erst in der Schweiz in ihren Mann verliebt
Ihren Mann hat Mani bereits in Sri Lanka kennengelernt. «Wir arbeiteten beide für eine Wohltätigkeitsorganisation.» Allerdings gehörte er einer anderen Kaste an, so dass eine Heirat damals nicht in Frage kam. «Mein Mann hatte sich in mich verliebt, ich mich damals nicht in ihn», sagt sie heute lachend. «Erst als wir uns hier in der Schweiz wieder trafen, änderte sich dies.» Nach der Bekanntschaft – fünf Jahre in Sri Lanka und fünf Jahre in der Schweiz, habe er ihr ein Ultimatum gestellt. «Also haben wir in Roggwil geheiratet, mit dem Resultat, dass meine Eltern danach fünf Jahre nicht mehr mit mir gesprochen haben.»

Die Familie Thanabalasingam in traditionellen Kleidern.

Loslassen und trotzdem an der Tradition festhalten
Heute lebt das Paar in Langenthal und ist Eltern einer Tochter (30) und eines Sohnes (28). Beide haben gute Stellen. Die Tochter arbeitet bei der SBB in der IT (Informationstechnologie), der Sohn ist in der Informatik bei einem Bundesamt in Bern tätig. Beide sind in Langenthal aufgewachsen. Auf die Frage, ob es nie Probleme wegen der unterschiedlichen Kulturen gegeben habe, umspielt ein Lächeln ihren Mund. «Doch natürlich. Zum Beispiel die Kleiderfrage oder die Uhrzeit, wann sie nach Hause kommen mussten, gaben immer wieder zu reden», gibt sie zu. Vor allem ihr Mann sei da noch strenger gewesen. «Aber die Kinder erklärten uns dann, dass sie hier lebten und nicht in Sri Lanka, und dass sie sich somit auch den hiesigen Gepflogenheiten anpassten.» Das heisst aber nicht, dass sie selbst alle ihrer tamilischen Traditionen abgelegt haben. «Mittlerweile gibt es in der Schweiz verschiedene tamilische Tempel, zum Beispiel in Olten, die wir immer wieder besuchen.» Ebenso wichtig ist für sie das Buch Thirukkural des Dichters und Philosophen Thuruvalluvar, das ihnen Richtlinien zu Moral, Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Liebe gibt.

Ihre Eltern haben die Schweiz nie kennengelernt.

Obwohl ihre Eltern beide gestorben sind, reist Mani jedes Jahr in ihr Dorf nach Sri Lanka. «Dort helfe ich den alten Frauen und der Schule.» Zum Beispiel für einen Kinderspielplatz habe sie Geld geschickt. Aber auch in der Schweiz war sie an der Gründung einer Tamilischen Schule in Langenthal beteiligt. Diese wurde 1994 eröffnet. Damals noch im Hinblick auf die Rückkehr der Kinder, damit diese ihre Sprache nicht verlieren.

Vor vier Jahren war sie Ehrengast bei der Einweihungsfeier eines Teils des Schulgebäudes, das sie mitfinanziert und miterrichtet hatte.

Die Schule ist etwas, das sie ihr ganzes Leben lang begleitet. «Einmal wurde ich in Sri Lanka mit einem Pokal als beste Studentin geehrt», erzählt sie stolz. In Sri Lanka war sie vor vier Jahren Ehrengast bei der Einweihung eines von ihr mitfinanzierten Schulhauses und in Langenthal versucht sie seit sie hier wohnt, Frauen auf die Wichtigkeit der Sprache aufmerksam zu machen und sie zu schulen. «Denn der Kontakt zu den Menschen, wo man lebt, erhält man nur, wenn man dieselbe Sprache spricht», weiss sie aus Erfahrung. Und rät allen Menschen, vor allem den Frauen, sich diese anzueignen, damit sie am Leben in der fremden Welt teilnehmen und sich integrieren können.

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