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Für Krista Pfenninger macht das freiwillige Engagement im LernAtelier Sinn und bereichert ihr Leben.
Text und Fotos: Monika Fischer
Beim Rückblick auf meine Erfahrungen mit der Migrationsthematik wird mir bewusst: Es sind vor allem Frauen der aktuellen Grossmütter-Generation, die sich in den letzten Jahrzehnten um die Menschen aus anderen Kulturen kümmerten. Sie ergriffen die Initiative und leisteten viel freiwillige Aufbauarbeit, um ihnen das Einleben in der fremden Umgebung zu erleichterten. Was war ihre Motivation? Dieser Frage gehe ich aufgrund meiner Berichte nach und mache mir Gedanken über die Erfahrungen der Kinder- und Enkelgeneration.
(Fortsetzung)
Bei der Feier zum 20-jährigen Bestehen des Vereins Migration – Kriens integriert (MiKi) vom 2. Mai 2026 wurde die Initiantin und erste Vereinspräsidentin Trudi Dinkelmann-Schällebaum gefragt, wie alles begonnen habe. Sie erzählte vom Ereignis, das alles ausgelöst hatte: «Als Mitglied der Einbürgerungskommission nahm ich am entsprechenden Gespräch mit einer Familie teil. Die Frau und Mutter sagte kein einziges Wort. Der Mann hatte Arbeit, die Kinder besuchten die Schule, wir konnten sie zur Einbürgerung empfehlen. Die Frau jedoch wurde zurückgestellt, da sie mindestens einfache Fragen auf Deutsch hätte beantworten müssen. Die Kommission war überfordert, als anderthalb Jahre später dasselbe geschah.» Diese Erfahrung liess Trudi Dinkelmann keine Ruhe. Sie schaffte es über private Kontakte, die Frau zuhause zu besuchen und erfuhr, sie war Analphabetin. Da wusste Trudi: «Wir müssen eine Methode entwickeln für Menschen, die schicksalsbedingt bildungsfern sind.»
Was mit Deutschkursen für Frauen begann, wuchs zu einem Verein mit verschiedensten Angeboten. Wenn Trudi ein neues Bedürfnis erkannte, wurde sie aktiv. Später entwickelte sie mit ihrem Mann und weiteren ehemaligen Lehrpersonen ein Angebot zur schulischen Unterstützung von Lehrlingen mit geringer Schulbildung. «Die mündliche Abschlussprüfung für Elektriker würde ich heute wohl auch bestehen», meint die 80-Jährige lachend und erzählt, wie sie dauernd zu Abschlussfeiern, Geburtstagen und Hochzeiten eingeladen werde. Selber kinderlos, ist das Ehepaar nun Teil einer grossen, multikulturellen Familie.
Begegnungen auf Augenhöhe
Maria Willimann wurde am Begegnungsfest 2011 erstmals auf den Verein Miki aufmerksam. sie hatte erlebt, wie schwierig es ist, wenn Kinder beim Kindergarteneintritt kein Deutsch sprechen. Deshalb wollte sie sich im Vorstand besonders für Migrantenkinder einsetzen. «Die frühe Sprachförderung wurde zu meinem zentralen Thema. 2012 gründeten wir dazu die Spielgruppe Papagei.» Bei der Koordination der Kinderbetreuung während den Deutschkursen sah sie das Bedürfnis der Frauen, sich zum Kaffee zu treffen. Daraus entstand ein regelmässiger Begegnungstreff von Migrantinnen mit Einheimischen, den sie koordiniert.
Maria bezeichnet die Freude am Menschen und an Geselligkeit als ihre Grundmotivation für ihr freiwilliges Engagement und meint: «Ich bin offener, aber auch kritischer geworden. Ich fördere nicht nur, sondern fordere auch. Es braucht ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Ich wünsche mir, dass sich auch Migrantinnen aktiv einbringen und Verantwortung übernehmen. Die Begegnung soll auf Augenhöhe und mit gegenseitigem Respekt stattfinden.»
Eine innere Verpflichtung
«Menschen, denen es gut geht, sind verpflichtet, jene zu unterstützen, die weniger Glück haben», findet Renate Metzger-Breitenfellner. Sie erzählte im Gespräch vor drei Jahren, wie nach ihrem Engagement im Bosnienkrieg (1992-95) mit dem Krieg in Syrien die so genannte Flüchtlingswelle kam: «Die Situation war ähnlich wie heute, viele Geflüchtete, überforderte Behörden. Wir sahen: Diese Menschen brauchen einen Ort, wo sie willkommen sind, wo sie sich aufhalten, Deutsch lernen und andere Menschen treffen können.» Gemeinsam mit zwei Kolleginnen gründete sie 2015 den Verein HelloWelcome und erarbeitete ein Konzept für den Betrieb, den sie einige Jahre leitete. «Es kamen auf Anhieb enorm viele Menschen, wir waren überwältigt», schildert sie den Start. HelloWelcome entwickelte sich rasch zu einem lebendigen Treffpunkt für Geflüchtete, MigrantInnen und Einheimische. An die 80 Freiwillige tauschen sich mit den BesucherIinnen aus verschiedensten Kulturen aus, helfen beim Erlernen der Sprache, beim Ausfüllen von Formularen, beim Aufsetzen von Bewerbungen und leisten Hilfe am PC und vieles andere mehr. Im August 2021 wurde nach der Machtübernahme durch die Taliban auch eine Beratung für AfghanInnen eingerichtet. Wie erträgt sie es, immer wieder Krieg und Elend zu begegnen? «Es gibt auch viel Schönes, Lustiges, Ermutigendes», sagte sie, «obwohl die Situationen oft zum Verzweifeln sind, verlieren wir die Hoffnung nicht. Wir haben ein gutes Team. Wir weinen und lachen gemeinsam. Es gibt immer beides.»
Was ich für meine Kinder wünschen würde.
Ursula Flury kam im Pensionsalter als Freiwillige ins HelloWelcome. Dort begegnete sie vielen Geflüchteten, die besser Deutsch lernen wollten, jedoch unter dem alten Asylgesetz während der drei bis fünf Jahre dauernden Wartezeit auf einen Asylentscheid dazu keine Gelegenheit hatten. Sie traf viele motivierte, junge Menschen, die gerne etwas lernen wollten, um später ihr Leben selbständig bestreiten zu können. Für diese gründete sie 2018 das LernAtelier. Dieses bietet eine niederschwellige Unterstützung zum Deutschlernen insbesondere für Menschen, die keine oder zu wenig Zugang zu Sprachkursen haben. Auf die Frage, was sie zu ihrem Engagement motivierte, meinte sie: «Es war mir wichtig, was ich mit meiner beruflichen und persönlichen Lebenserfahrung in der jetzigen Lebensphase zur Gesellschaft beitragen kann. Ich überlegte auch, was ich mir für meine Kinder, hätten sie ein ähnliches Schicksal wie unsere Lernenden, wünschen würde. Ich wäre dankbar um Menschen, die sich um sie annähmen. Mein Engagement ist auch mit sehr viel Freude verbunden. Es ist befriedigend zu sehen, wie die Menschen aufblühen, wenn sie ein selbst gewähltes Ziel erreichen, eine Lehrstelle erhalten oder eine Prüfung bestanden haben.»
Krista Pfenninger, eine der rund 30 Freiwilligen (darunter auch Männer), begründet ihre Motivation wie folgt: «Wir haben riesig Glück, in der Schweiz leben können, wo es uns so gut geht. Ich geniesse die Kontakte mit den Menschen aus verschiedenen Kulturen, sehe ich doch, dass meine Unterstützung etwas bringt, indem die Selbständigkeit beim Lernen gefördert wird. Zudem erfahre ich viel Dankbarkeit. Für mich ist es gut eingesetzte Zeit, die Sinn macht und beide Seiten bereichert.»
https://lernatelierluzern.ch/index.php/de-ch/
Selbstverständlich dazugehören
Ich merke, wie neben dem Engagement der aktuellen Grossmütter-Generation die Migrationsthematik auch eng mit meiner Kinder- und Enkelgeneration verknüpft ist, sei es durch die Schule oder bei der Arbeit in einem grossen Hilfswerk. Und erst jetzt wird mir bewusst, dass eine meiner Schwiegertöchter Migrationserfahrung hat. Als Secondo in der Schweiz aufgewachsen, ist sie ihren Eltern dankbar für deren Schweizer Freundeskreis und die Ermutigung zum Mitmachen in Vereinen. Was neben ihrem Pass mit doppelter Staatsbürgerschaft auf ihre Herkunft hinweist, ist ihr slowenischer Name, den sie nach der Heirat behalten hat. Heute muss sie deswegen kaum mehr Sprüche und Vorurteile einstecken wie früher, als sie manchmal «Jugo» gerufen wurde. Allerdings hat sie seit dem Tod ihrer Eltern keine Verwandten in der Schweiz.
Wie wird es mit dem Zusammenleben der Menschen aus verschiedenen Kulturen angesichts der aufgeheizten Stimmung rund um die Abstimmung vom vergangenen 14. Juni weitergehen? Beim Anblick der Maturazeitung einer Enkelin in einer Agglomerationsgemeinde stellte ich erstaunt fest, dass rund die Hälfte der Maturanden einen fremdländischen Namen tragen. Und kürzlich lernten wir am 15. Geburtstag einer weiteren Enkelin in einer Landgemeinde neben ihrem deutschen Freund auch ihren besten Freundinnen mit Herkunft Eritrea und Japan kennen. Werden sie wohl beste FreundInnen bleiben?
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