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Altersheim ein Schreckgespenst?

Text: Andrea Fetz

Kürzlich sass ich mit einigen älteren Frauen zusammen. Eine der Gesprächsteilnehmerinnen erzählte von einem Besuch im Pflegeheim. Sie war der Ansicht, dass alle Bewohnerinnen der Institution sehr unglücklich aussehen würden. Und in den Medien höre frau auch nur Schlechtes. - Das sind Gespräche, in denen sich meine Nackenhaare sträuben. Denn viele meiner Berufsjahre arbeitete ich in gerontologischen Institutionen als Pflegefachfrau und Pflegeleiterin.

(Fortsetzung)

Ich erlebte ältere Menschen, die sich mit der neuen Lebenssituation auseinandergesetzt hatten und das Beste daraus machten. Diese beeindruckten mich schon damals, denn das Leben mit einem gebrechlichen Körper im hohen Alter, lässt viele Aktivitäten und somit auch Ablenkungen in deutlich geringerem Masse zu.

Doch wer kennt nicht das Bild der aufgereihten Stühle im Eingang einer Altersinstitution. Diese Plätze sind sehr begehrt! Alle sind besetzt von älteren Menschen, die auf den ersten Blick passiv wirken. Doch weit gefehlt! Hier kann beobachtet werden, wer das Haus betritt. Ob Besucherin, Lieferant oder gar eine unbekannte Person. Wer mit Auto oder ÖV anreist, wieviel Post die Pöstlerin bringt oder was angeliefert wird. Es fühlt sich an, wie in Italien auf dem Dorfplatz. Und da sitzen auch zwei Frauen; eine hält die Hand der anderen. Natürlich sah ich auch verbitterte, alte Menschen. Vor allem diese hielten das Personal auf Trab, denn nichts war gut genug. Deshalb scheinen auch diese Bewohner und Bewohnerinnen in der Mehrzahl zu sein. Ich weiss, dass das Essen niemals so schmecken wird wie zu Hause. Auch muss ich 90% der geliebten Dinge, mit denen ich mein Leben bis anhin gestaltet habe, weggeben und meistens im Kehricht vernichten lassen. Denn sie finden keinen Platz in dem kleinen Zimmer. Auch stimmt es, dass Personal schwierig zu finden ist und der Sparwille der Gemeinden die Pflegeheime sehr hart trifft. Dies und vieles mehr lässt sich nicht wegdiskutieren!
Hier möchte ich jedoch von Menschen und Situationen berichten, die von den Medien und den meisten Leuten nicht erwähnt werden.

Verschiedene aus Deutschland stammende Frauen bewohnten die Altersinstitutionen, in denen ich tätig war. Sie hatten den 2. Weltkrieg miterlebt. Gerne schaute ich bei Frau X vorbei. Sie war eine fröhliche und intelligente Frau, die spannend zu erzählen wusste. Einmal zeigte sie mir die von der damaligen Inflation in der Vorkriegszeit umlaufenden Banknoten. Noch heute bin ich im Besitz einer 1-Million-Mark-Note.

Oder Frau M. mit ihrem ansehnlichen Zopf, zunehmend demenziell erkrankt. Sie war Eiskunstläuferin und unterrichtete den Sport auch. Jeweils im Korridor, wo der Boden schön glatt ist, zog sie ihre Schuhe aus. Dann drehte sie in Socken ihre Runden (auf dem imaginären Eis). Und wenn sie ermüdete, setzte sie sich für eine Weile, um dann später wieder fortzufahren.

In sehr guter Erinnerung bleibt mir auch die Katze im Pflegeheim M. Sie war eine ausgesprochene Schmuse-Katze, was natürlich der absolute Hit war. Besucherinnen und Besucher staunten nicht schlecht, wenn sie die Institution betraten. Die Katze sass vor dem Lift und wartete, bis er das Parterre erreichte. Sobald alle ausgestiegen waren, lief sie hinein und wartete bis er in den oberen Stock bestellt wurde. Das Tier verteilte seine Streicheleinheiten paritätisch. Lag jedoch einer ihrer Lieblingsmenschen im Sterben, lag sie auf dessen Bett, bis der Tod eintraf.

Die fortschrittlichen Heime, wissen um den therapeutischen Aspekt von Tieren und ermöglichen die Haltung von verschiedenen Kreaturen, bis hin zum Esel, der auf seinem Spaziergang begleitet werden darf. Die Betreuung dieser Tiere wird, wo immer möglich den Bewohnenden übertragen.
Meine Kollegin betreute eine jüngere Bewohnerin, die an einer Multiple Sklerose erkrankt und deshalb auf Betreuung angewiesen war. Ihr Interesse galt der Astronomie, mit welcher sie sich täglich mit Hilfe des Computers beschäftigte. Ebenso beschäftigte sie sich mit anthroposophischer Heilkunde und nahm diese auch in Anspruch. In diesem Zusammenhang brachte ihr besagte Kollegin einen Mondstein. Die Bewohnerin ihrerseits besorgte über Verwandte in Italien einen riesigen Pinienzapfen, da sie wusste, dass diese ihrer Betreuerin gefielen. Auch hier entstanden bereichernde Gespräche für beide.

Ich bin ehrlich. Ich möchte meinen letzten Lebensabschnitt nicht in einem Pflegeheim (Altersheime gibt es nur noch sporadisch, da die Menschen schon sehr gebrechlich sind, wenn sie eintreten) verbringen. Am liebsten bliebe ich autonom in meiner Wohnung. Doch wenn meine Mobilität derart eingeschränkt sein wird, dass ich das Haus nur noch selten verlassen kann (und es meinen Freund*innen gleicht geht), dann möchte ich Menschen um mich haben, eine öffentliche Cafeteria und mein eigenes Zimmer, wo ich mich zurückziehen kann.
Und ich werde dieses Heim frühzeitig aussuchen!

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