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Das Leben als eigene Melodie gestalten

«Der folgende Satz von Kurt Marti ist auch der Leitsatz für mein Leben», meint Claudia Küttel-Fallegger (1952): «Wo kämen wir hin, wenn jeder sagte, wo kämen wir hin und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen.»
«Der folgende Satz von Kurt Marti ist auch der Leitsatz für mein Leben», meint Claudia Küttel-Fallegger (1952): «Wo kämen wir hin, wenn jeder sagte, wo kämen wir hin und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen.»

Text und Foto: Monika Fischer

In Weggis, wo sie seit rund 50 Jahren wohnt, steigt Claudia Küttel ins Schiff. Auf der ruhigen Fahrt über den Vierwaldstättersee bis zur Endstation Flüelen erzählt sie von ihrem Leben.

(Fortsetzung)

In Erstfeld ist sie in einer Arbeiterfamilie als älteste von sechs Kindern aufgewachsen. Stets suchend unterwegs, arbeitete sie viel und übernahm früh Verantwortung: in der Familie, im Beruf als medizinische Praxisassistentin, als Synodalrätin der katholischen Landeskirche Luzern, als frauenbewegte Kirchenfrau, im Einsatz für die Siebte Frauensynode «Wirtschaft ist Care». Ebenso engagiert sie sich beim Aufbau für das Regioforum Zentralschweiz und hält fest: «Ich habe im Leben viel bekommen und gebe jetzt gerne etwas zurück.»

Stets in Bewegung

«Ich bin ein Bähnlerkind, liebe den Bahnduft und die Betriebsamkeit auf Bahnhöfen, wo viel Leben stattfindet. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen, was ich auf mein Leben übertragen kann», berichtet Claudia auf der ruhigen Fahrt mit Hinweis auf ihren Vater, der bei der SBB gearbeitet hatte. Geprägt wurde sie durch die streng katholische Mutter, die oft überfordert war mit der Erziehung. «Sie wollte es allen recht machen ausgehend von der Haltung, was die andern denken.» Als Älteste übernahm Claudia viel Verantwortung und achtete darauf, dass es allen gut geht. «Am Samstag putzte ich für alle die Schuhe und half auch sonst überall, wo es nötig war. Doch war ich ein fröhliches Kind, das alle gerne hatten», lacht sie. Schon in der 6. Primarklasse kannte sie ihren Berufswunsch. Sie wollte Krankenschwester werden. Zur Überbrückung der Zeit bis zur Ausbildung arbeitete sie nach der Sekundarschule ein Jahr im Haushalt eines Erholungsheims für alte Menschen und nach einem Welschlandjahr als Schwesternhilfe im Spital Altdorf. Da sie bei der damals noch schweren körperlichen Arbeit oft Rückenschmerzen hatte, empfahl der Chefarzt, sie solle einen anderen Beruf lernen. Sie wollte unbedingt im medizinischen Bereich mit Menschen arbeiten und absolvierte die Ausbildung zur Arztgehilfin, heute Medizinische Praxisassistentin.

Glückliche Berufsfrau

Schon bei ihrer ersten Arbeitsstelle in Weggis verliebte sie sich in Godi Küttel und heiratete bereits mit 22. «Aus Liebe, nicht um eine Familie zu gründen. Schon vor der Heirat hatte ich meinem künftigen Mann gesagt, ich wolle weiterhin berufstätig sein. Es ist das Feld, wo meine Energie hingeht und wo ich sie hole. Ich brauche die intellektuellen und menschlichen Herausforderungen.» Bis zur Geburt ihres ersten Sohnes 1980 arbeitete sie auf ihrem Beruf in Zürich, Luzern und Weggis. Mit Unterbruch von Stellvertretungen war sie auch nach der Geburt des zweiten Sohnes zwei Jahre später vor allem Mami. Der Wiedereinstieg 1987 war möglich, da die Schwiegereltern im gleichen Haus wohnten und sie ihre Arbeit selber einteilen konnte: zuerst als «Springerin» im Altersheim, danach bei der Betreuung von rekonvaleszenten Menschen im Erholungsheim «Alpenblick». Ab 1993 war sie die 23 Jahre bis zur Pensionierung beim gleichen Landarzt im Nachbardorf tätig. «Es war das Beste, was mir passieren konnte. Es war eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Ich war sehr glücklich in meinem Beruf und habe bei persönlichen Gesprächen mit den Patientinnen und Patienten von ihren Lebensgeschichten viel gelernt.»

Frauenbewegte Kirchenfrau

Während der Familienzeit engagierte sich Claudia freiwillig im Dorf, wo sie einen Bedarf sah, war Mitbegründerin des Treffpunkts junger Mütter und einer Liturgiegruppe. «Seit jeher bin ich suchend und kirchenkritisch unterwegs. Die Vorschriften der katholischen Kirche z.B. zu Sexualität und Pille konnte ich nicht einfach übernehmen. Vielmehr stellte ich stets Fragen und machte, was ich mit meinem Gewissen vereinbaren konnte. So fand ich den Weg zur feministischen Theologie.» Sie beschreibt die unglaubliche Energie der aufmüpfigen Frauen im Aufbruch und erzählt vom Frauenkirchentag 1987 mit dem Aufruf der Theologin Marga Bührig: «Frauen, Kirche sind wir! Worauf warten wir noch!» Ein Jahr später war sie Mitgründerin der Frauenkirche Zentralschweiz, wo sie ihre Beheimatung fand.
Sie wollte auch bezüglich der Geldströme etwas mitbewegen. Deshalb machte sie ab 1990 bei der Synode der Landeskirche Luzern mit. Sie wusste: Enthusiasmus allein reicht nicht, es braucht auch die nötigen Finanzen. Deshalb setzte sie sich 17 Jahre als Synodalrätin dafür ein, damit die Frauenkirche das nötige Geld bekam, um Strukturen mit einer Geschäftsstelle zu schaffen und sich zu entwickeln. Dabei lernte sie die Bedeutung der Kommunikation kennen. «Ich merkte, dass frau an unterschiedlichen Orten verschiedene Sprachen einsetzen muss, um das Ziel zu erreichen. So brauchte es gute Argumente, um die Geldgeber zu überzeugen, wie wichtig es ist, Kirche neu zu denken. Denn Kirchensteuern bezahlen alle Kirchenmitglieder, auch die Kirchenfernen.»

Nur wer drin bleibt, kann etwas verändern
Claudia ist sich bewusst, dass sie mit der Kirchensteuer eben doch ein fragwürdiges System mit patriarchalen Machtstrukturen unterstützt. «Die immer wieder neuen Meldungen über sexuelle Missbräuche usw. können mich nicht mehr enttäuschen. Ich glaube nicht mehr an eine Veränderung und denke, der ganze Apparat müsste zuerst kaputt gehen, damit etwas Neues wachsen kann.» Warum bleibt sie denn noch? Ist es nicht ein Widerspruch? «Vielleicht», meint sie, «und doch bleibe ich, weil ich nur so etwas bewirken kann. Zudem mache ich es zur Unterstützung vieler Kolleginnen, die trotz allem nicht aufgeben und sich einsetzen für eine lebenswerte Kirche, für eine lebenswerte Gesellschaft. Ich mache es aus Solidarität mit diesen engagierten Menschen, die vom System abhängig sind und sich nicht gleichermassen wehren können. Das ist vielleicht inkonsequent. Doch nehme ich mir die Freiheit zu formulieren, was mich stört und kann mich auch für jene äussern, für die dies nicht möglich ist.»

Runder Tisch statt Konfrontation
Claudia formuliert lebhaft und betont: «Ich war nie parteipolitisch unterwegs, das ist mir zu eng. Das Polarisieren entspricht mir nicht. Anstelle von Konfrontation bevorzuge ich den runden Tisch, wo gemeinsam nach einer Lösung gesucht werden kann.» Mit dem Blick auf den See unterstreicht sie ihre Worte mit runden Bewegungen der Hand und fährt fort: «Doch engagiere ich mich gesellschaftspolitisch mit dem Ziel, dass es allen Menschen unabhängig von Geschlecht, Religion, Herkunft gut geht. Was das heisst, müssen wir selber formulieren und herunterbrechen auf die Situation vor Ort, wo wir leben. Antwort geben auf Herausforderungen der heutigen Zeit und Verantwortung übernehmen.» Sie gehört zu den Initiantinnen des 2015 gegründeten Vereins «Zäme läbe», der sich mit bedürfnisorientierten Angeboten für ein gelingendes Zusammenleben verschiedener Kulturen und Religionen in den Seegemeinden Greppen, Vitznau, Weggis einsetzt.

Sorge für Mensch und Natur im Zentrum
Sie erzählt auch von der Frauensynode, die zur Zeit des Aufbruchs in den 90er Jahren entstanden ist. Überkonfessionell setzten sich Frauen alle paar Jahre mit brennenden Themen aus Frauensicht auseinander und ermächtigten sich gegenseitig zum Handeln. Ihr Gesicht strahlt in Erinnerungen an diese Anlässe. Im Team der Siebten und letzten Frauensynode 2020/21 zum Thema «Wirtschaft ist Care» war Claudia mit einer Kollegin vorwiegend für Fundraising/Administration verantwortlich. Sie brennt nach wie vor für dieses Thema: «Wenn wir Care, die Sorge für Mensch und Natur, ins Zentrum der Wirtschaft stellen würden, wäre ein gutes Leben für alle möglich. Es ist wie mit der Sonne: Care spendet nicht nur Wärme und Licht, sondern ist der Bezugspunkt der Wirtschaft, um den sich alles dreht. Der Blick auf die Welt heute zeigt uns leider das Gegenteil, ist doch das aktuelle Wirtschaftssystem meist so ausgerichtet, dass es weltweit nur einer Minderheit wirklich gut geht. »
Sie ist sich bewusst, dass sie mit ihrem Denken nicht zur Mehrheit gehört. Deshalb sucht sie Menschen, die ähnlich denken und Gefässe, wo sie sich mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen eingeben kann. «Nicht vorgefertigte Lösungen stehen dabei im Vordergrund. Wichtig sind für mich Diskussionen mit Menschen, die im gleichen Segment interessiert sind. Aus diesem Prozess entsteht immer etwas.» In diesem Sinn versteht sie auch ihre Mitarbeit im neu gegründeten Regioforum Zentralschweiz der GrossmütterRevolution. «Wir Frauen der Grossmüttergeneration leben infolge der gesellschaftlichen Veränderungen in einer neuen Situation und müssen gerade auch im Hinblick auf die Sorgethematik Lösungen finden für die aktuelle Zeit.»

Das Leben im Alter selbstbestimmt gestalten
Auf dem Weg zurück kommen am Fuss der Rigi die Tourismusorte Vitznau und Weggis und damit Claudias Heimat wieder ins Blickfeld. Wie geht sie, vor einem halben Jahr 70 geworden, mit dem Älterwerden um? Sie erzählt von ihren fünf Enkelkindern, von denen zwei im gleichen Zweifamilienhaus wohnen, und meint, sie sei liebend gerne Grossmutter. Aktuell ist sie daran, mit ihrem Mann in die kleinere Wohnung im Erdgeschoss zu ziehen, was zu vielen Diskussionen und Fragen führe. «Was wollen wir mitnehmen? Was brauchen wir noch? Es hat viel mit Abschied zu tun, mit Abschied von lieben Räumen und Ausblicken.»
Es ist ihr wichtig, das eigene Leben zu gestalten und nicht nur zu verwalten. «Zwar weiss ich nicht immer, was ich will. Jedoch weiss ich klar, was ich nicht will. Als alte Frau kann und will ich selber sagen, was ich brauche und was ich will. Ich möchte nicht in der Opferrolle sein und nicht leiden. Ich möchte selbstbestimmt sterben, wenn nötig mit Exit», betont sie im Bewusstsein um die Endlichkeit des Lebens und freut sich vor dem Ausstieg: «Ich bin gelassen, zufrieden und täglich unglaublich dankbar für mein Leben, das ich so orchestrieren kann, dass sich aus verschiedenen Instrumenten immer wieder eine Melodie ergibt.»

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