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Maria – ein «Berg» von einer Frau

Text: Bernadette Kurmann

Maria – ein «Berg» von einer Frau
Sie kennen folgendes Erlebnis bestimmt: Sie sind in den Bergen, kein Ausblick – alles weiss. Dann, plötzlich, verzieht sich der Nebel, und er steht da, der mächtige Berg: fest und in vollendeter Schönheit. Nach zehn Minuten ist alles vorbei: Nebel. So ein Erlebnis hatte ich mit Maria, einem «Berg» von einer Frau!

(Fortsetzung)

Ich war gerade vom Operationssaal auf die Abteilung des Spitals gebracht worden, da stürmt eine alte Frau ins Zimmer. In einigem Abstand folgt ihr die Physiotherapeutin, so als ob diese beim vorgegebenen Tempo nicht hätte mithalten können. Die Zimmernachbarinnen begrüssen sich vorsichtig. «Wie bin ich froh, dass sie letzte Nacht nicht hier waren», sagt die Frau: «Sie hätten nicht geschlafen. Es war schrecklich.» Das Schreckliche entpuppt sich als Durchfall von den vielen Antibiotika, die Maria wegen eines eitrigen Zehs hatte einnehmen müssen.

Wir sind uns schnell sympathisch. Sie ist offensichtlich eine ältere Frau mit einer ungeheuren Energie. Ihr Alter? Schwer zu schätzen. Ich frage. «87», sagt sie trocken. Ich bin überrascht, denn so viele Jahre hätte ich ihr nicht gegeben. Ich sage es ihr. Maria nimmt es gelassen, sie kennt das. «Ja, und ich wohne noch allein», ergänzt sie stolz.

Sie zückt ihr Handy. Ich solle sie entschuldigen, sie habe noch so viele WhatsApps zu beantworten. Ihre Töchter und Grosskinder wollten wissen, wie es ihr gehe. Ja, und gegen Abend werde sie mit ihrer Tochter im Ausland skypen. Sie würden versuchen, leise zu sein. Ich sage ihr, dass mich das nicht stören werde.

Maria erzählt
Nach einer Viertelstunde ist ihre Arbeit erledigt. Maria erzählt nun von ihrem Geschäft, das sie und ihr Mann gemeinsam geführt hatten. «Es brachte uns nicht viel ein, aber für uns hat es gereicht. Wissen Sie, Zufriedenheit ist das Wichtigste.» Ich bejahe. Ihr Mann habe ihr geraten, sie solle das Geschäft nach seinem Tod weiterführen und unbedingt auch die Teilnahme am Flohmarkt. «Ihr Mann ist gestorben?» folgere ich. Die Frau verliert für einen Moment die Fassung. «Ja, mit 54 Jahren, es war schrecklich.» Sie reibt sich die Augen, schüttelt den Kopf und meint: «Ich will nicht mehr daran denken.»

Wie Ehemann Karl ihr geraten hatte, behielt Maria das Geschäft und führte es weiter, bis sie 70 Jahre alt war. Am Flohmarkt beteiligte sie sich noch zehn Jahre länger. Daneben zog sie ihre drei Töchter gross. Sie waren beim Tod des Vaters im Alter zwischen 9 und 15 Jahren.

Damit nicht genug, die Liebenswürdigkeit dieser Frau lockte nicht nur eine Kundschaft an, die in ihrem Geschäft einkaufte, sondern auch andere Menschen, die bei ihr Unterstützung suchten: Kürzlich verwitwete Frauen, die getröstet sein wollten, alleinstehende Männer, die Halt suchten, psychisch angeschlagene Personen, die in den Armen gehalten werden wollten... «Wissen Sie, jeder Mensch will angenommen sein, alle brauchen Trost und manchmal eine Berührung.»

Weisheit spricht aus ihr
Im Gespräch formuliert sie mehrere solcher Weisheiten: «Zufriedenheit ist das Wichtigste im Leben» zum Beispiel. Oder: «Du musst immer nach vorne schauen, nicht zurück.» Und: «Gesundheit ist alles im Leben.» «Welch eine Weisheit trägt diese Frau in sich und welche Kraft geht von ihr aus», denke ich. Ich könnte ihre Aussagen als Plattitüden abtun, doch damit würde ich ihr nicht gerecht. An dieser Frau gibt es nichts Künstliches oder Egozentrisches. Diese Weisheit hat sie das eigene Leben gelehrt.

«Welch eine weise Frau Sie doch sind», sage ich ihr. «Wissen Sie, lange Zeit habe ich mich geschämt. Ich durfte gar nichts lernen.» Ich antworte, wie schön das Altwerden doch sei, weil im Alter in den Hintergrund trete, was ein Mensch geleistet habe. Die Zufriedenheit des Menschen werde mit den Jahren wichtig.

Armut und viel Arbeit
Durch meine Aussage ermutigt, erzählt sie aus ihrer Kindheit: von ihrem Elternhaus mit lieben Eltern, vielen Kindern, dem kleinen Bauernhof und dem frühen Tod des Vaters, von Armut und dem unbändigen Willen der Mutter, die Familie irgendwie durchzubringen.

«Ich besuchte die Primarschule und war eine gute Schülerin. Nach der Schule betreute ich die Kinder einer Familie, die eine Käserei führte. Ich kam in die Sekundarschule, konnte neben dem Kinderhüten nicht lernen.» Nach der Sekundarschule wäre sie gerne ins Welschland gegangen, doch die Frau der Molkerei hatte die Mutter gebeten, dass die «ankehrige» Tochter sie im Geschäft unterstütze: «Ich konnte meiner lieben Mutter unmöglich ihren Wunsch abschlagen. Sie wünschte, dass ich die Arbeit annehme.» Und so arbeitete die 15-Jährige viele Jahre an sechseinhalb Tagen in der Woche von morgens früh um fünf bis abends spät um 21 Uhr - für sage und schreibe 180 Franken im Monat.

Maria liebte das Leben
Maria war eine gesellige junge Frau: Sie sang im Jodelchörli: «Ich hatte damals eine wirklich schöne Stimme. Heute leider gar nicht mehr», lacht sie. Sie traf sich mit Freundinnen im Trachtenverein, und manchmal ging sie tanzen. «Beim Tanzen traf ich meinen Mann.» Es war Liebe auf den ersten Blick, und doch verabschiedeten sich die beiden. Irgendwie schaffte es Maria, dass ein Bekannter sie noch am gleichen Abend an jenen Ort chauffierte, wo Karl sich aufhalten musste. Dort angekommen, stieg sie aus dem Auto, ging die Treppe hoch, und wer stand oben? Karl. «Er war auf dem Weg zurück zu mir. Um ein Haar hätten wir uns verpasst.»

Warten - sechs lange Jahre
Danach waren Karl und Maria unzertrennlich. Aber heiraten konnten sie noch lange nicht: Maria war erst 16, er sieben Jahre älter. Mit dem Segen der Mutter entschieden sie, zu warten – sechs Jahre lang! Meine sehr direkte Frage, wie es möglich war, so lange zu warten ohne schwanger zu werden, stört sie nicht. Ihre Antwort: Karl sei sehr katholisch gewesen, er habe sie von sich aus nie bedrängt, selbst dann nicht, als sie einmal zu zweit im Zelt unterwegs waren: «Wir trugen uns gegenseitig Sorge.»

Karl stirbt jung
Als Maria 22 Jahre alt war, wurde geheiratet. Sie hatte bis zu diesem Zeitpunkt einen schönen Batzen gespart. Sie übergab den gesamten Betrag ihrem Mann, damit er das Geschäft aufbauen konnte.
Es verging ein Jahr, bis die erste Tochter zur Welt kam, dann wurden - im Abstand von drei Jahren – Töchter zwei und drei geboren. Das Geschäft bot der jungen Familie die Lebensgrundlage. Man war in eine schöne, bescheidene Wohnung mit drei Zimmern in die Stadt gezogen. Nichts trübte das Glück. Es hätte immer so weitergehen können…

Das Glück war nicht von Dauer. Viel zu früh wurde ihr Mann krank: Diagnose Kehlkopfkrebs. «Es war schrecklich», wiederholt sie mit einem Seufzer: «Er bekam einen künstlichen Ausgang am Hals. Gegen Ende konnte er nicht mehr essen. Wenn er etwas schluckte, kam der Brei durch die Kanüle wieder hinaus.» Karl wurde zusehends dünner und schwächer… Kurz bevor ihr Mann starb, sagte der Hausarzt: «Ihr Mann gehört ins Spital. Sie müssen jetzt zu sich und ihren Kindern schauen.»

Die drei Töchter
Dann erzählt sie von ihren Töchtern, die alle einen guten Beruf gelernt haben. Die eine Tochter hat vier Kinder, die andere zwei, und diejenige im Ausland hat studiert und ist kinderlos.

Die Tochter mit den vier Kindern habe einen spannenden Beruf, sie sei aber zeitweise mit Beruf und Familie sehr belastet gewesen, erzählt sie weiter: «Da habe ich manchmal für Tage alle Kinder zu mir genommen.» Sie habe ein Schlaflager in der Stube aufgebaut. Am Tag wurden die Matratzen weggeräumt, damit die Kinder spielen konnten: «Mir war es egal, wenn im Wohnzimmer Chaos herrschte. Ich habe meine Wohnung ja nicht für die Nachbarn. Hauptsache, den Kindern gefiel es.»

Ein anderes Mal wohnte der Sohn der zweiten Tochter für längere Zeit bei ihr. Er wurde in der Schule gemobbt und musste diese wechseln. Die neue lag in der Nähe von Marias Wohnung, und so wurde der Enkel zu ihrem Untermieter. Maria hat stets geholfen, wo es Hilfe brauchte.

Kontakt zu allen
Heute wohnt Maria allein in ihrer Wohnung. Nein, einsam fühle sie sich nicht, sagt sie. Sie habe regen Kontakt zu ihren Töchtern und den Grosskindern. Sie telefonierten miteinander, skypten oder schrieben WhatsApp. Eine der Enkelinnen habe ihr die Techniken dazu beigebracht. «So bleibe ich mit ihnen in Kontakt.» Ja, und manchmal rufe der älteste Enkel an: «Grossmami, hast du heute Lust mit mir auszufahren?» Dabei lade er sie zu einem Mittagessen oder Kaffe ein. - Im Spital abgeholt wird Maria von einer ihrer Töchter, und sie werden am Mittag zusammen ein Raclette essen. Die Fürsorge in dieser Familie ist wechselseitig.

Nach dem Adieu-Sagen verschwindet Maria für mich «im Nebel». Wir waren gerade mal 24 Stunden in einem Krankenzimmer zusammen. In meiner Erinnerung bleibt eine sehr starke, warmherzige Persönlichkeit.

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