Text und Foto: Monika Fischer
Wenn Mirjam Müller-Bodmer von sich erzählt, zeigt sich rasch die initiative Berufsfrau, die gewohnt ist, anzupacken. Ebenso wichtig sind ihr die Pflege der Beziehungen in der Familie. In St. Gallen engagierte sich die Lehrerfamilie in einem Arbeiterquartier mit vielen Migrant*innen freiwillig in der Quartierarbeit. Kurz nach ihrem Umzug nach Meggen wurde Mirjam überraschend zur Sozialvorsteherin gewählt. Nach 12 intensiven Amtsjahren entwickelt sie heute als Leiterin der Fachstelle für Altersfragen der Stadt Luzern Projekte für und mit älteren Menschen.
(Fortsetzung)
Seit Jahren kenne ich Mirjam Müller-Bodmer als Präsidentin des Vereins Alzheimer Luzern. Mit ihrer Offenheit, ihrem Organisationstalent und ihrem Engagement für Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen hat sie viel bewegt. Vor ein paar Monaten gab sie dieses Amt nach zehn Jahren weiter. Regelmässig begegne ich ihr auch bei Anlässen rund ums Alter in meist vollbesetzten Sälen in Luzern. Bis vor kurzem wusste ich nichts von ihrem Privatleben. Bis sie zu meiner Überraschung an einem Apéro erzählte, wie wichtig ihr auch die Zeit mit ihren sieben Enkelkindern sei. «Wie bringt sie das alles nur unter einen Hut?», fragte ich mich und freute mich, mehr über ihr Leben zu erfahren.
Geerntet, was die Vorfahrinnen gesät hatten
Aufgewachsen mit einem Bruder in der wohlhabenden Luzerner Gemeinde Meggen, wurde sie geprägt durch ihre vor zehn Jahren verstorbene Mutter (1939), die als Arbeiterkind die Matura machte und Lehrerin geworden war. Sie kannte deren Ärger über das lange fehlende Stimmrecht, freute sich über deren Selbstbestimmung und dass sie sich gewehrt hatte, als man ihr als Doppelverdienerin bei Lehrerüberfluss das Unterrichten verbieten wollte, was ihr bei der Scheidung zugutekam.
Mirjam studierte nach dem Abschluss des Städtischen Lehrerseminars in Zürich Geschichte – und wurde früh schwanger. «Es war die Zeit, als Heidi Witzig und Elisabeth Joris erstmals den Fokus auf die Frauengeschichte legten. Ich besuchte ihre unglaublich interessanten Vorträge, die Thematik hat mich nie mehr losgelassen. Und doch fühlte ich mich als schwangere Frau in den Kreisen der Frauenbewegung nicht mehr recht wohl», berichtet sie und erzählt, wie sie mit ihrem Partner, der auch noch im Studium war, über eine Abtreibung diskutierte, doch dann zum Schluss kam, dass sie das schaffen werden. «Schliesslich heirateten wir aus Rücksicht auf die Schwiegereltern sogar katholisch. Allerdings ohne das Versprechen, bis ans Lebensende zusammenzubleiben», lacht sie und fährt fort: «Für mich war klar: Wenn ich einmal Kinder habe, möchte ich Familien- und Berufsarbeit teilen. Zum Glück war das für meinen Partner selbstverständlich.»
Mit andern Lebenswelten konfrontiert
Anfänglich durch die Eltern finanziell unterstützt, gebar sie 1986 die erste Tochter, 1989 und 1992 die beiden weiteren. Die Familie lebte zuerst in St. Gallen, wo ihr Mann als Sekundarlehrer und sie als Primarlehrerin unterrichteten. Einen bis anderthalb Tage besuchten die Kinder die Kita in einer Zeit, als dort auch kranke Kinder betreut wurden. Mirjam schildert, wie die Familie in einer 4-Zimmer-Wohnung auf 68 m2 in einem Arbeiterquartier mit hohem Anteil an Migrantenfamilien lebte: «Im Kindergarten war die älteste Tochter das einzige Kind mit deutscher Muttersprache. Einmal fragte sie, ob wir wirklich so arm seien, dass wir kein Auto haben, galt dieses doch für viele Migrantenfamilien als Statussymbol. Das Zusammenleben mit andern Lebenswelten, wo z.B. die Nachbars-Buben mehr Rechte hatten als ihre Schwestern, hat das soziale Leben der Kinder fürs Leben geprägt.» Mirjam erzählt, wie es neben vielen herzlichen auch schwierige Situationen gab und sie einen guten Weg im Zusammenleben finden mussten. Deswegen engagierte sich das Paar auch freiwillig in der Quartierarbeit. «Wir erkannten, dass wir einen Begegnungsort brauchen, wo wir gemeinsam Feste feiern können, damit Integration lebt. In Fronarbeit errichteten wir einen Spielplatz und ein einfaches Begegnungszentrum für Menschen aus verschiedenen Kulturen und organisierten Deutschkurse für Mütter mit einem Betreuungsangebot für ihre Kinder.»
Mehrheiten für Anliegen finden
Da die Familie ohnehin eine grössere Wohnung brauchte, den Töchtern Übertritte in neue Schulen bevorstanden und der Partner als Sekundarlehrer in Meggen eine Stelle antreten konnte, kehrte die Familie um die Jahrtausendwende in die Innerschweiz zurück. Mirjam übernahm im Jobsharing eine Stelle im Oberstufenschulhaus Hubelmatt. Es war ein Vorteil, dass die Töchter jeweils bei der Grossmutter essen konnten, da diese pensioniert war.
Als sie sich kurzfristig entschloss, bei den Wahlen 2004 für die SP als Sozialvorsteherin zu kandidieren, musste sie allen Mut zusammennehmen und erinnert sich: «Ich rechnete mir in der stark FDP-dominierten Gemeinde keine Chancen aus. Denn ich erinnerte mich, wie ich als Jugendliche soziale Ideen vertreten hatte und mich für Gerechtigkeit einsetzte, an den damaligen Spruch, ich solle doch das Ticket für Moskau einfach lösen.» Wider Erwarten schaffte sie die Wahl knapp und hatte enormen Respekt vor der Aufgabe. Um das Zusammenspiel von Politik und Verwaltung besser zu verstehen, absolvierte sie an der Hochschule Luzern Wirtschaft das Studium in Public Management, das sie mit dem Master in Advances Studies (MAS) abschloss.
Von Anfang an sagte sie sich: «Ich bleibe mir und meinen Themen treu und versuche, dafür Mehrheiten zu finden. Es war mir wichtig, bei der Entwicklung eines Projekts die betroffenen Personen aller Parteien einzubinden und ins Boot zu nehmen.» Es kam ihr zugute, dass sie manche Mitglieder anderer Parteien von der Schulzeit her kannte, was eine gewisse Verbindung gab und vielleicht auch die politische Arbeit etwas erleichterte. In ihrer ersten Legislatur stand die Überarbeitung des Altersleitbildes an. Im Hinblick auf den Leitsatz «ambulant vor stationär» wurden die Spitexleistungen ausgebaut. Im Bereich der Vormundschaft, die bis 2012 eine Gemeindeaufgabe war, erinnert sie sich an viele komplexe Fälle und bittere Familienstreitigkeiten. Gegen Ende der zweiten Legislatur litt sie unter einem heftigen Konflikt mit dem Präsidenten der Stiftung Alterssiedlung, der den Bereich der Gastronomie als wichtiger erachtete als eine qualifizierte Pflege mit gut ausgebildetem Personal. Sie kam mit diesem Konflikt so an ihre Grenzen, dass sie an Rücktritt dachte. Dank der grossen Unterstützung ihrer Gemeinderatskollegin und -kollegen wurde das Präsidium dann neu besetzt, und ein Start in die dritte Legislatur war möglich.
Eine Kultur des Alters
Als sie nach 12 Jahren im Gemeinderat zurücktrat, brauchte Mirjam zuerst Zeit zum Auftanken. Sie machte einen Sprachkurs in Florenz und spielte wieder mehr Klavier. Daneben war das freiwillige Engagement als Präsidentin von Alzheimer Luzern mit der Entwicklung neuer Dienstleistungen für Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen zeitintensiv. 2018 übernahm sie die Leitung der Fachstelle für Altersfragen in der Stadt Luzern. Auch in dieser Funktion will sie die Bedürfnisse und Anliegen der älteren Menschen aufnehmen und Projekte realisieren, welche die physische und psychische Gesundheit stärken. Sie ist auch Bindeglied zwischen der Stadt und dem Forum Luzern60plus und unterstützt die Gruppierungen des Forums bei der Realisierung von Projekten, so zum Beispiel im Projekt «Das hohe Alter», einer Plakataktion und Veranstaltungsreihe im vergangenen Frühling. Auch beim jährlichen Zwischenhalt, wo die neupensionierten AHV-Bezüger*innen geladen werden oder beim Marktplatz 60plus, der jedes Jahr in der Kornschütte stattfindet, unterstützt sie die Forums-Projektgruppe. Ein grosses Thema ist auch, dass sich viele Senior*innen mehr Kontakt wünschen. Seit 2018 finden auf dem Inseli, und seit vier Jahren auch auf dem Waldfriedhof Staffeln wöchentlich ein öffentliches und kostenloses Qi Gong im Freien statt, wo man seiner Gesundheit viel Gutes tun und sich nachher mit Gleichinteressierten noch zum Café treffen kann. In den Veranstaltungszyklen «Lebensreise», die jährlich einem neuen Thema gewidmet sind, regt die Stadt zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Alter und Älterwerden an. Diese niederschwelligen kostenlosen Angebote, wo man sich nicht anmelden muss, entsprechen einem grossen Bedürfnis.
Besonders wichtig sind ihr Generationenprojekte wie das Lesementoring, wo ein Lesetandem, eine ältere Person und ein Schulkind, wöchentlich miteinander lesen. Die älteren Menschen finden eine sinnvolle Aufgabe, und die Kinder erleben eine persönliche Begleitung und Leseunterstützung. So profitieren beide, und Mirjam betont: «Alte und junge Menschen haben einander viel zu geben.»
Beziehungspflege als zentrales Anliegen
Mirjam Müller-Bodmer ist dort unterwegs, wo es um Menschen geht. Sie regt an, vernetzt, unterstützt. Besonders wichtig ist für sie die Pflege von Beziehungen: «Man muss Zeit gemeinsam verbringen, um Vertrauen und Nähe aufzubauen. Dies kann man später nicht nachholen.» Dies war in der Familie auch dank der Aufteilung von Haus-, Erwerbs- und Erziehungsarbeit gut möglich. Umso mehr freut sie sich über die bis heute tragenden guten Beziehungen in der Familie. Regelmässig verbringen sie und ihr Mann auch gemeinsame Ferien mit den Töchtern und deren Familien. Seitdem sie Nonna ist - ihre eigene Nonna war Tessinerin - reserviert sie gerne einen Tag für ihre Enkelkinder im Alter zwischen anderthalb und zehn Jahren.
Mirjam redet schnell und ist auch schnell unterwegs. Doch nimmt sie sich auch Zeit für sich? «O ja», lacht sie und erzählt von ihrer Liebe zum Schifahren und zum Wandern. Von den Hochtouren früher, wo sie die Weitsicht von den Gipfeln brauchte und genoss. Vom jährlichen Trekking mit einer Freundin, der Freundschaft in Frauengruppen, der Mitgliedschaft bei den Omas gegen rechts. Sie ist dankbar für ihre Partnerschaft, in der beide ihren Interessen nachgehen können und ihr Mann seit seiner Pensionierung vor zwei Jahren selbstverständlich den ganzen Haushalt übernimmt.
Einmal mehr betont sie, wie wichtig es ihr immer war, sich mit anderen Menschen mit ähnlichen Überzeugungen für eine Sache, für ein Projekt einzusetzen und sich gemeinsam über die erreichten Ziele zu freuen. In diesem Sinn ist sie offen für das, was ihr die Zukunft, auch nach der Pensionierung in gut einem Jahr bringen wird.
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