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Wenn die Musik stärker ist als die Zerstörung

Als brutales Zeichen vom russischen Angriff auf die Zivilbevölkerung stand eine zerstörte Ambulanz aus Charkiw in Luzern und in anderen Schweizer Städten.
Als brutales Zeichen vom russischen Angriff auf die Zivilbevölkerung stand eine zerstörte Ambulanz aus Charkiw in Luzern und in anderen Schweizer Städten.

Text und Fotos: Monika Fischer

Wenn die Musik stärker ist als die Zerstörung
Am 24. Februar 2026 jährte sich der Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine bereits zum vierten Mal. Mit der Aktion der zerstörten Ambulanz und einem Gedenkkonzert wollten der Ukrainische Kulturverein Prostir und der Verein Ukrainehilfe Zentralschweiz die Öffentlichkeit sensibilisieren und zum Hinschauen bewegen. Mitglieder der beiden Vereine begleiteten die Aktion bei nasskaltem Wetter 12 Stunden mit ihrer Präsenz. Da ich Land und Leute des bedrohten Landes seit fast drei Jahrzehnten durch Reisen und Projektarbeit kennen und lieben gelernt habe, stellte auch ich mich zwei Stunden als Begleitung zur Verfügung.

(Fortsetzung)

Als ich mich der zerstörten Ambulanz näherte und das ukrainische Kennzeichen erblickte, kamen mir die Tränen. Ich dachte an das Leid, an die Schmerzen und an alle die Entbehrungen der Millionen von betroffenen Menschen. An die traumatisierten Kinder und Jugendlichen, die stundenlang bei Alarm im Keller ausharren müssen, an die Sorgen der Eltern, an die Einsamkeit der alten Menschen, an die Soldaten in ihren Schützengräben, an die Trauer um die getöteten und vermissten Angehörigen. Was war die nasse Kälte angesichts dessen, dem die Menschen in der Ukraine seit Monaten, bei Dunkelheit und Minusgraden ohne Aussicht auf Veränderung ausgesetzt sind!

Hinschauen
Viele eilten achtlos an der Ambulanz mit den vielen Einschusslöchern vorbei. Andere blieben stumm stehen. Weitere waren in ein Gespräch mit dem Westschweizer Franck Labourey, der die Ambulanz aus der Ukraine gebracht hatte, vertieft. Es gab auch solche, die schimpften, dass sie wohl letztlich noch bezahlen sollten für das, was diese Verrückten kaputtmachen. Wenige suchten ein Gespräch. Darum bat mich ein Mann mittleren Alters. Er habe die Ambulanz schon am Morgen im Vorbeigehen gesehen. Der Eindruck habe ihn aufgewühlt und nicht losgelassen. Deshalb möchte er darüber reden. Er erzählte vom Militär, wo sie früher bei Übungen auf ausrangierte Autos geschossen hätten. Bis jetzt sei für ihn der Krieg in der Ukraine weit weg gewesen und habe ihn wenig interessiert. Dieser Anblick aber sei real. Der Angriff auf diese Ambulanz mit hilfebedürften Menschen habe ihn aufgewühlt und ihm die Brutalität des Krieges vor Augen geführt. Er sei froh, mit jemandem darüber sprechen zu dürfen.

Sich verbinden
Es standen auch viele Ukrainerinnen da, die wegen des Krieges in die Schweiz geflüchtet waren. Eine der Frauen hatte fast drei Jahre in Charkiw ausgeharrt in der Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges. Solche Bilder wie diese Ambulanz seien ihr Alltag gewesen. Sie erzählte von den regelmässigen Angriffen und von den Familien, die um die getöteten Angehörigen trauern. Immer wieder betonte sie, wie glücklich sie sei, jetzt mit ihren Kindern in Sicherheit zu sein, wie dankbar für die gute Aufnahme in der sicheren Schweiz. Auch die anderen Frauen erzählten von ihrer Heimat, von ihren Sorgen um die dort gebliebenen Verwandten, aber auch von ihrem Leben in der Schweiz. Darunter war auch Elena Kulik, die Leiterin des Kulturraums und Vereins Prostir. Über 1300 registrierte, vor allem ukrainische Frauen und Kinder sind Teil der Gemeinschaft. Neben Sprachkursen finden sie bei Prostir Austausch und Angebote in Sport, Kunst und Musik sowie psychologische Begleitung. Nachdem wir unsere Erfahrungen in der Schweiz und der Ukraine ausgetauscht hatten, meinte eine der Frauen spontan: «Darf ich dich umarmen?» «Ich auch, ich auch, riefen die andern.» In dieser Verbundenheit verabschiedeten wir uns in der regenassen und kalten Nacht.

Gewalt hat nicht das letzte Wort
Was eine solche Verbundenheit bedeutet, kam wenige Tage später beim Gedenkanlass in der Lukaskirche in Luzern zum Ausdruck. Im Zentrum standen die eindringlichen musikalischen Darbietungen des Orchesters aus der vollständig zerstörten Stadt Bachmut im Oblast Donezk ganz im Osten der Ukraine. Die Musikerinnen und Musiker hatten in einer andern ukrainischen Stadt Zuflucht gefunden, ein Zeichen der grossen Solidarität innerhalb der Ukraine. Bei verschiedenen kurzen Reden wurde Bachmut als Symbol für Standhaftigkeit bezeichnet. Obwohl die Stadt zerstört ist, lebt sie in den Menschen weiter. Das mache Mut und gebe Hoffnung: Musik und Menschlichkeit sind stärker als Krieg und Zerstörung. Dankesworte gingen an den Verein Ukrainehilfe Zentralschweiz und besonders an Urban Frye, der fast monatlich mit einem Lastwagen voller Hilfsgüter in die Ukraine unterwegs ist.

Nach dem Gebet bat der Luzerner Seelsorger Johannes Frank die Anwesenden, im Hinblick auf die vier Kriegsjahre vier Minuten stehend zu schweigend im Gedanken an die vom Krieg betroffenen Menschen in der Ukraine und in anderen Kriegsgebieten und damit den verletzten und toten Menschen zurückzugeben, was Krieg und Gewalt ihnen genommen hat: ihre Würde.

Wie wohl für die meisten der zahlreichen Besucherinnen und Besucher war für mich dieser Gedenkanlass ein ermutigendes Zeichen, dass Gewalt nicht das letzte Wort hat und Menschlichkeit stärker ist als Zerstörung.

Der Seelsorger Johannes Frank gedachte im Gebet der durch Gewalt umgekommenen Menschen in der Ukraine und in andern Kriegsgebieten. Seine Worte wurden übersetzt von der aus Mariupol stammenden Yuliia Buialska, die Prostir mitaufgebaut hatte.
Der Seelsorger Johannes Frank gedachte im Gebet der durch Gewalt umgekommenen Menschen in der Ukraine und in andern Kriegsgebieten. Seine Worte wurden übersetzt von der aus Mariupol stammenden Yuliia Buialska, die Prostir mitaufgebaut hatte.

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