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KlimaSeniorinnen sorgten für weltweites Aufsehen

«Was haben wir alte Frauen da alles - hoffentlich - Weltbewegendes miterlebt und vor allem mitinitiiert!», meinte Rosmarie Wydler-Wälti, Co-Präsidentin der KlimaSeniorinnen in Strassburg.
«Was haben wir alte Frauen da alles - hoffentlich - Weltbewegendes miterlebt und vor allem mitinitiiert!», meinte Rosmarie Wydler-Wälti, Co-Präsidentin der KlimaSeniorinnen in Strassburg.

Text: Monika Fischer und Rosmarie Wydler-Wälti
Fotos: Miriam Künzli/Ex-Press/Greenpeace (1 und 3), Monika Fischer (2)

Neben der Klimajugend, den AktivistInnen, die sich an die Strasse kleben und den Klimagrosseltern, die als wandelnde Plakatsäulen durch die Städte gehen, sorgte am 29. März 2023 der Verein der KlimaSeniorinnen mit seiner Klimaklage am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte EGMR für grosse mediale Aufmerksamkeit. Der Verein geht auf die Frühlingstagung 2016 der GrossmütterRevolution zurück. Dort hatte Oliver Heimgartner von Greenpeace die Idee einer möglichen Klimaklage vorgestellt. Schon im August wurde der Verein der KlimaSeniorinnen gegründet. Nach sechsjährigem intensivem Engagement klagte dieser die Schweiz am EGMR an, zu wenig gegen die drohende Klimakatastrophe zu tun.

(Fortsetzung)

Begründung: Gemäss wissenschaftlichen Erkenntnissen seien ältere Frauen von extremer Hitze besonders betroffen. Ihr Recht auf Leben und Gesundheit sei dadurch bedroht. Der Verein wurde mit seiner Klimaklage zweimal abgewiesen, vom Bundesrat sowie vom Verwaltungsgericht und auch vom Bundesgericht. Deshalb bedeutete die Anhörung am EGMR in Strassburg für die beteiligten Frauen einen grossen Erfolg. Rosmarie Wydler-Wälti, Co-Präsidentin des Vereins KlimaSeniorinnen, antwortete auf die drei an sie gestellten Fragen mit einem Erlebnisbericht.

Rosmarie Wydler-Wälti
Rosmarie Wydler-Wälti

Ich erzähle hier von zwei der wohl spektakulärsten Tage in meinem Leben. Unsere Klage ist der erste Fall, bei dem sich dieses hohe Gericht mit den Auswirkungen des Klimawandels auf die Menschenrechte auseinandersetzt. Lange habe ich dem Tag der Verhandlung entgegengefiebert. Als ich voller freudiger Aufregung am Dienstag, dem 28. März zum Bahnhof kam, war ich überwältigt von den vielen Medienleuten und vor allem von der grossen Schar fröhlicher KlimaSeniorinnen, und wir umarmten und begrüssten uns gegenseitig sehr innig im Wissen, was wir da zusammen Grosses vorhatten. Der Energiepegel stieg während der Bahnfahrt immer stärker an, auch ausgelöst durch unseren Gesang und die vielen aufmunternden JournalistInnen, insgesamt haben uns 30 Medienleute begleitet. Auch in Strassburg beim Aussteigen – wieder eine Schar von JournalistInnen, die, wie in Basel, ständig Interviews mit uns machen wollten. Und am nächsten Tag dann, dem eigentlichen Verhandlungstag, totale Aufregung, jedoch immer auch grosse Fröhlichkeit und Vorfreude. Um 7:00 Frühstück und gleich losfahren zum imposanten Gerichtsgebäude. Was dort drinnen wohl schon alles entschieden wurde!! Hier wird Geschichte geschrieben, und heute sind meine Mitstreiterinnen und ich der Grund dafür! Auch hier wieder ständig JournalistInnen. Irgendwie märchenhaft kam es mir vor, so beflügelt freudig endlich diese heiligen Hallen des Gerichts betreten zu dürfen. Hier drinnen allerdings, wo ich staunend wie ein Kind dasass, wo totale Ernsthaftigkeit herrschte, sobald die 17 RichterInnen den Saal betraten, wir alle aufstehen mussten und zwei maximal starke Gegner mit ihren mehr oder weniger ausgeklügelten Argumenten aufeinanderprallten, hatte es für mich etwas Thrillerhaftes. Im Fernsehbeitrag des Kulturplatzes zwei Wochen später wurde übrigens während den Aufnahmen im Gericht als Hintergrundmusik die Titelmelodie von «Spiel mir das Lied von Tod» gespielt. Die Anspannung im Raum war zum Greifen. In 30-minütigen Statements haben zuerst die Vertretungen der Schweizer Regierung und dann unsere AnwältInnen die Standpunkte dargelegt. So ein wichtiges Statement, in so einer kurzen Zeit - da muss jedes Wort sitzen. Auf die Reaktionen der RichterInnen war ich besonders gespannt. Ihre Nachfragen zu den Statements haben gezeigt, dass sie sich tief mit der Materie und unserem Fall beschäftigt haben. Ich habe grosses Vertrauen, dass sie ein gutes Urteil für mehr Klimaschutz fällen werden.

Als die Anhörung vorbei war, konnte ich spüren, wie die Anspannung von so vielen Menschen im Raum abgefallen war. Draussen liess mich der jubelnde Empfang von unseren liebenswürdigen, unterstützenden Mitgliedern mit ihrem Banner mit der Aufschrift «We love KlimaSeniorinnen» eine gewisse Demut spüren: «Was haben wir alten Frauen da alles - hoffentlich - Weltbewegendes miterlebt und vor allem mitinitiiert!» Wir haben diesen wichtigen Termin gemeistert - ich bin so stolz auf alle, die daran beteiligt waren, diesen Tag erfolgreich zu machen. Überwältigt bin ich vor allem auch über das riesige Medienecho, das noch Tage lang später anhielt, wurden wir doch vor dieser Verhandlung in den Tageszeitungen kaum je erwähnt. Und jetzt stürzen sich auch Medien aus USA, Japan und dem arabischen Raum auf unseren Fall. Insgesamt war dieser Tag eine kraftvolle Erfahrung, die ich ganz sicherlich nie vergessen werde. Sie stärkt meinen Glauben an die Wichtigkeit, aktiv zu werden, egal in welchem Alter, und sich dem Kampf gegen den Klimawandel zu stellen.

Rosmarie Wydler-Wälti (3. von rechts) mit den Klimaseniorinnen im Gerichtssaal.
Rosmarie Wydler-Wälti (3. von rechts) mit den Klimaseniorinnen im Gerichtssaal.

Das Urteil erwarten wir allerdings erst in mehreren Monaten, vielleicht auch erst im nächsten Jahr. Im September wird dann der portugiesische Fall der 6 Jugendlichen vor der grossen Kammer verhandelt. Sie haben die 33 Europaratsstaaten verklagt. Das Gericht hat verlauten lassen, dass es auf Basis der drei Fälle, unserem, dem französischen, welcher am Nachmittag des 29. März verhandelt wurde, und dem portugiesischen die Rechtsprechung in Sachen Klimaerwärmung und Menschenrechte definieren will. Dies wird weitreichende Folgen haben.

Wieder zu Hause geht die Arbeit gleich weiter. Obwohl dieses langersehnte Grossereignis nun vorüber ist und wir uns auf eine wohl verdiente Pause gefreut haben, geht es gleich los mit unzähligen Mails: Vorwiegend Anfragen für Interviews per Zoom, Telefon oder auch live. Ja, wir sind halt jetzt berühmt, und das bringt uns viele Interessierte, die auch etwas in ihren Medien, Schulen, Universitäten oder Gruppierungen berichten wollen. Auch interessieren sich immer mehr Organisationen für uns und bitten uns um Vorträge. Zu liebevollen Gratulationsmails kommen natürlich auch immer wieder mal sehr primitive, die uns fertig machen wollen - diese dann meist anonym.

Das Dringlichste, womit auch wir uns zurzeit beschäftigen, ist der Einsatz für das Klimaschutzgesetz. Schon am 23. März fand der Kampagnenstart in Flüeli-Ranft statt mit einer Kundgebung, wo auch ich eine Rede halten durfte. Ein wichtiges Anliegen ist mir jeweils die Tatsache, dass wir Alten, die Babyboomergeneration, Mitursache sind für das Klimadesaster und deshalb eine grosse Verantwortung tragen. Wir beteiligen uns, zum Teil auch in lokalen Gruppen, kantonalen Komitees aber auch an Vorträgen etc. wo wir unsere Stellungnahme kundtun. Vor allem machen wir mit an Aktionen, wo wir Flyer verteilen und mit möglichst vielen Menschen ins Gespräch kommen wollen.

Ich bin am 20. Mai aktiv an einer Gletscherzeremonie beim Morteratschgletscher mit Glaziologe, Pfarrerin und Alphornmusik beteiligt, wo wir ganz speziell dem Verlust der Gletscher gedenken, welche oft auch als Seele der Schweiz bezeichnet werden. Auch hier werden wir als KlimaSeniorinnen von drei Medien begleitet werden, die einen grösseren Bericht über uns im Fernsehen bringen wollen.

Wer, wenn nicht wir, sind es, die für unsere Rechte eintreten müssen. Ich bin dankbar für die Möglichkeit, Teil einer so wichtigen Bewegung zu sein. Ich bin dankbar, dass Greenpeace dies initiiert hat und uns auf unserem Weg partnerschaftlich begleitet. Ich bin dankbar für die wundervolle Unterstützung jeder und jedes Einzelnen.

https://www.klimaseniorinnen.ch/
https://klimaschutzgesetz-ja.ch/

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