Text: Marianne Stohler
Ab der 10. Klasse begannen sie früher, die Klassenfeste. Traditionsgemäss, luden die Knabenklassen zum Tanz ein. (Zu jener Zeit gab es bei uns nur reine Mädchen- und Knabenklassen). Wir ungefähr 16- bis 17jährigen jungen Frauen werweissten, wer von uns wohl von wem eingeladen würde. Wir stellten uns vor, vom heimlichen Star der eigenen Träume eine Einladung zu erhalten.
(Fortsetzung)
Neidisch waren wir auf die Klassenkameradinnen, die schnell eine Einladung erhielten. Selber aktiv zu werden, kam uns gar nicht in den Sinn. Wir übernahmen automatisch die zu jener Zeit noch herrschende und weitverbreitete Rolle der Frau, die wartet, bis endlich eine solche Einladung erfolgte und das, ohne es je in Frage zu stellen.
Mich lud dann ein guter Kollege an sein Klassenfest ein. Ich sagte natürlich zu, obwohl er gar nicht meinem Bild des Traumprinzen entsprach. Aber eingeladen zu werden war eine Ehre, und niemand wagte, eine solche auszuschlagen mit dem Risiko, dann gar nicht eingeladen zu werden.
Meine Eltern waren ein wenig skeptisch, als ich mit der Neuigkeit nach Hause kam. «Wo findet das Fest statt, und wie lange dauert es?», fragten sie besorgt. Als ich in den nächsten Tagen die Einladung dann schriftlich erhielt mit der Unterschrift des Klassenlehrers der betroffenen Knabenklasse, schwanden ihre Bedenken. Der Klassenlehrer lud mich und die anderen jungen Frauen ganz offiziell zum Fest ein. Er machte dabei klar, dass alles in gesittetem Rahmen ablaufen würde. Er sei auch die ganze Zeit anwesend und darauf bedacht, dass die jungen Frauen pünktlich um 23 Uhr in Begleitung ihres Partners zurück zu Hause seien. Damit war klar, dass ich die Erlaubnis erhielt, am Fest teilzunehmen.
Der Abend lief dann auch sehr gesittet ab. Alkohol wurde natürlich nicht ausgeschenkt; trotzdem vergnügten wir uns und genossen es zu tanzen.
Wenn ich mir das Ganze heute durch den Kopf gehen lasse, kann ich es selber kaum glauben, wie angepasst wir jungen Frauen, wie harmlos und naiv Freundschaften damals waren. Natürlich waren wir sterblich verliebt, aber mehr als Händchen halten und einen verschämten Kuss konnten wir uns in jener Zeit kaum vorstellen.
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