Text: Marianne Stohler, Andrea Fetz, Monika Fischer
KIimakrise, Kriege, Naturkatastrophen, Bankencrash: Die aktuelle Mehrfachkrise verunsichert viele Menschen und löst Ängste aus. Dazu kommen mit zunehmenden Jahren die weit verbreiteten Ängste vor dem Alter. Was passiert, wenn mich mein Gedächtnis im Stich lässt? Wenn ich als pflegebedürftige Frau ganz auf die Hilfe anderer angewiesen bin? Drei Frauen erzählen von ihren Ängsten im Leben und im Alter und wie sie ihnen begegnen.
(Fortsetzung)
Die Ängste aktiv angehen
Dieses Jahr werde ich 77 Jahre alt. Noch bin ich fit und gesund, aber ich spüre, dass die Ängste mit jedem Lebensjahr grösser werden. Was wird sein, wenn es nicht mehr so ist? Was, wenn ich nicht mehr alleine für mich sorgen kann, wenn mein Gedächtnis, mein Kopf mich im Stich lässt? Was passiert, wenn mein Partner schwer erkrankt oder sogar ganz ausfällt? Da ich keine Kinder habe, frage ich mich: Wer wird mir helfen? Wer wird sich um mich sorgen? Was steht mir bevor, welche Herausforderungen wird das Leben mir noch bringen? Werde ich einsam in irgendeinem Pflegeheim meine letzten Jahre verbringen? Wie wird sich das anfühlen?
Diese Gedanken kommen vor allem in den frühen Morgenstunden, wenn ich bereits wach liege und nicht mehr einschlafen kann. In solchen Momenten hilft mir nur, aufzustehen und den Alltag zu beginnen. Langsam verschwinden dann die dunklen Gedanken, und ich spüre wieder die Kraft in mir, mich dem Leben zu stellen. Ich erinnere mich an meine Mutter, die im Pflegeheim ganz glücklich war. Sie fühlte sich umsorgt, hatte immer wieder jemanden, der schnell den Kopf zur Tür reinsteckte und ein paar Worte mit ihr wechselte. Sie fühlte sich viel weniger einsam als vorher zu Hause. Ich weiss auch, dass es bei uns in der Gemeinde viele Angebote für alte Menschen gibt und ich sehe und merke, dass es auch immer darauf ankommt, wie ich zu meinem Altsein stehe. Kann ich es akzeptieren, kann ich all das Gute sehen, das mir gerade dieser Lebensabschnitt bringt? Kann ich mich weiterhin engagieren für das Klima, für eine gerechtere Welt, oder spüre ich nur Resignation und ziehe mich zurück ins Schneckenhaus?
So versuche ich mich weiterhin zu beteiligen, mich um Freunde zu kümmern, ein offenes Ohr zu haben für alle, die es nötig haben. Sehr hilfreich ist auch der Austausch mit anderen Frauen in meinem Alter. In den Diskussionen mit ihnen entdecke ich neue Wege, um ein erfülltes Leben auch im Alter zu führen. Ich erlebe Gemeinsamkeit, gegenseitige Wertschätzung und lustvolles Zusammensein. Ich weiss: Mein grösster Schatz in dieser Zeit sind die Beziehungen zu anderen Menschen, vor allem alte Beziehungen erhalten sehr viel Wert. Stücke gemeinsamen Lebens werden zu kleinen Kostbarkeiten, an denen ich mich erfreue. Und trotzdem bleibt gutes Altern eine Herausforderung. Es heisst, sich seinen Ängsten zu stellen, sie aktiv anzugehen, indem man sich zum Beispiel über alternative Formen der Betreuung informiert, ein Pflegeheim besucht und bestehende Beziehungen pflegt.
Marianne Stohler
Autonomie: selbstbestimmte Gestaltung von
Abhängigkeit
Nach 20 Jahren traf meine Tochter die Mutter einer Jugendfreundin. Die Mutter erkundigte sich nach mir und äusserte, sie hätte mich als eigenständige Powerfrau immer bewundert. Ich fühlte mich geschmeichelt, weil ich mich immer als starke Frau definiert hatte und Unabhängigkeit mir wichtig ist.
In meiner Ehe habe ich gelernt, auch Abhängigkeit zuzulassen und mich darin geborgen zu fühlen. Aber ich entscheide, in welchen Situationen dies geschieht. Doch was, wenn meine Kräfte einmal schwinden? Wenn meine Fähigkeiten sich vermindern, und ich die Aktivitäten meines Alltags nicht mehr allein bewältigen kann? Wenn ich Hilfe beim Anziehen und der Körperpflege benötige? Und dies für immer?
Dass dies eine mir nahestehende Person tun könnte, ist eine Illusion. Aus beruflicher und persönlicher Erfahrung weiss ich, dass solch zeitintensive Pflege schnell zu Überforderung und in der Folge ungewollt zu Aggression und subtiler Gewalt führen kann. Aber wie wird es sich anfühlen, wenn die mich betreuende Person dies nicht aus Zuwendung, sondern als Dienstleistung tut? Ich habe beruflich mit vielen guten Betreuungspersonen zusammengearbeitet. Angst machen mir diejenigen, die es gut mit «ihren Schützlingen» meinen und dabei vergessen, dass sie eine lebenserprobte und für ihre Belange kompetententeste Person vor sich haben. Ich möchte eine Beziehung auf Augenhöhe und muss dies auch einfordern. Dies kann ich, wenn ich weiss, was mir wichtig ist und wo meine Prioritäten liegen.
Mir persönlich bedeutet Lebensqualität: Ich will auch in Zukunft gepflegt aussehen, angenehm riechen und gut gekleidet sein. Nach dem Duschen möchte ich mit meiner duftenden Lieblingslotion eingecremt werden, da, wo ich es nicht mehr selbst kann. Ich will Zugang zur Natur und einen Ort mit meinen Möbeln und Lieblingsdingen, wo ich mich zurückziehen kann. Regelmässig Kontakt zu Familie und Freunden. Aber bitte auf Voranmeldung, ich habe immer noch ein eigenes Leben. Der Besuch von (Kunst)-museen nährt meine Seele ebenso wie Tiere (nicht nur Fische im Aquarium!) und vor allem der regelmässige Kontakt zu Kindern. Ohne Lektüre im Bett kann ich nicht einschlafen, und die Tagesschau nach dem Abendessen und die Zeitung nach dem Frühstück gehören zu meinen Ritualen. Vor allem brauche ich eine mir vertraute Person, die anwaltschaftlich meine Interessen vertritt, wenn ich dies nicht mehr allein kann.
Was mich zu der Person gemacht hat, die ich heute bin, liegt im hohen Alter zu einem grossen Teil hinter mir. Damit mich die viel jüngeren
Betreuungspersonen verstehen, müssen sie meine Lebensgeschichte kennen. Wer wird sie ihnen erzählen, wenn nicht ich?
Dies sind meine Vorstellungen von einem Leben mit Unterstützung. Und wie bis anhin in meinem Leben, geht es auch in der Betreuungsbeziehung darum, sich mit dem Gegenüber auseinander zu setzen und mit ihm auszuhandeln, was machbar und wünschenswert ist.
Andrea Fetz
Keine Sorgen auf Vorrat machen
Bei den Gesprächen über die Ängste im Alter frage ich mich immer wieder: Warum spüre ich diese nicht? Warum empfinde ich oft als einzige anders? In meiner Biografie bin ich dieser Frage nachgegangen. Mein Leben ist nicht frei von Angst, im Gegenteil. Ich erinnere mich noch gut an die Ängste als junge Frau vor dem Orgelspiel in der Kirche am Sonntag. Bis mein damaliger Mann einmal sagte: «Entweder hörst du auf, dauernd zu jammern oder zu spielen.» Ich wollte weiterhin spielen und musste lernen, mit meiner Angst vor dem Versagen umzugehen, zu akzeptieren, nicht perfekt zu sein.
Nach der Scheidung war meine Angst gross, das Leben unter dem Existenzminimum mit den fünf Kindern allein nicht zu schaffen. Doch wollte ich mich von meinen Ängsten nicht lähmen lassen. Vielmehr wollte ich beweisen, dass ich es auch allein schaffen kann und versuchte, meine ganze Energie in den Blick nach vorn zu stecken.
Am stärksten hat mich wenig später der Umgang mit der Krebskrankheit des ältesten Sohnes mit 24 Jahren geprägt. Ich spürte, wie die Angst um sein Leben mich mit eisigen Fingern umklammerte. Mein Sohn meinte: «So, hat es dich nun gelehrt, ständig Angst um uns Kinder zu haben? Es kommt, wie es kommen muss.» Doch weiterhin wartete ich jeweils mit Angst und Bangen auf das Ergebnis des nächsten Untersuchs. Auf die Frage, wie es ihm damit gehe, sagte er: «Ich will mir keine Sorgen auf Vorrat machen. Solange ich nichts anderes weiss, bin ich gesund. Ich kann es nehmen, wie es kommt, habe ich doch immer gemacht, was ich mir vorgenommen hatte.»
Mein Sohn (er hat überlebt und drei wunderbare Töchter) ist mein Lehrmeister im Umgang mit der Angst. Es heisst, mich nicht von Angst und Sorgen lähmen zu lassen, sondern zu leben. Mich jeden Tag zu freuen an dem, was ist und was er bringt. Meine Aufmerksamkeit und Energie ganz auf das Jetzt zu konzentrieren. Im Augenblick zu leben.
So habe ich es auch erfahren, als mich im letzten Herbst unerwartet eine Streifung traf. Wohl war es ein Schock und ein wesentlicher Einschnitt in mein aktives Leben. Gleichzeitig erfuhr ich, wie gut ich umsorgt war, als ich auf die Hilfe und Unterstützung anderer Menschen angewiesen war. Dies gab mir Vertrauen in das, was im Alter noch auf mich zukommen kann. Ich möchte es annehmen und das Beste daraus machen.
Ob diese Haltung Bestand haben wird bei den nächsten Herausforderungen des Alters? Ich weiss es nicht. Und doch: Ich will mich täglich an dem freuen, was ist, was ich habe und kann. Ich möchte mir keine Sorgen auf Vorrat machen, sondern meine Kraft und Energie sparen für das, wo sie gefordert werden.
Monika Fischer
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