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Freundschaft über alle die Grenzen hinweg

Momente der ausgelassenen Freude beim gemeinsamen Kreistanz geben Kraft für die Herausforderungen des Krieges.
Momente der ausgelassenen Freude beim gemeinsamen Kreistanz geben Kraft für die Herausforderungen des Krieges.

Text und Fotos: Monika Fischer

Freundschaft über alle die Grenzen hinweg
Im Alter wird mir bewusst, dass ich Freundschaften zu wenig gepflegt habe. Umso mehr schätzte ich heute die im Rahmen der GrossmütterRevolution entstandenen Beziehungen unter Frauen, deren Leben von ähnlichen Lebensumständen im gesellschaftlichen Umfeld geprägt wurde und die sich für gleiche Werte einsetzen.

(Fortsetzung)

Im Buch «Evaluation der Verbundenheit» von Franziska Schutzbach las ich von der ernüchternden Erkenntnis einer Untersuchung der Soziologin Erika Allewedt. Diese zeigt, dass die meisten Frauen heute zu wenig Zeit für Freundschaften haben und sie ihre Beziehungen nutzorientierter gestalten. Dies bestätigt meine persönlichen Erfahrungen. Bei mir lag es allerdings nicht an der auf den Beruf ausgerichteten Nützlichkeitsfalle. Meine Beziehungen waren vorwiegend auf Menschen ausgerichtet, mit denen ich im beruflichen oder im freiwilligen Engagement unterwegs war. Umso schmerzlicher, wenn diese meist sehr intensiven Kontakte mit dem Projektende abrupt abbrachen, ich meine ganze Energie wieder in ein neues Projekt steckte und die bisherigen Beziehungen weitgehend auf der Strecke blieben.

Und doch sind Freundinnen aus Jugendtagen, der Zeit der Ausbildung oder als junge Mutter geblieben, mit denen ich ein Gespräch auch nach langem Unterbruch fortsetzen kann, als hätten wir uns erst vor kurzem verabschiedet.

Dank gegenseitiger Wertschätzung, Vertrauen und viel Offenheit schenkt auch der Austausch mit einem befreundeten Paar uns seit Jahrzehnten immer wieder bereichernde Stunden. Ganz besonders schätze ich seit zwölf Jahren den freundschaftlichen Austausch mit einzelnen Frauen und in verschiedenen Gruppen der GrossmütterRevolution.

Was Freundschaft über alle Grenzen hinweg bedeuten kam, erlebte ich im vergangenen März. Vor 20 Jahren hatte ich die damals sehr jungen Frauen der ukrainischen Nichtregierungsorganisation (NGO) CAMZ kennengelernt. Obwohl sie meine Töchter sein könnten, sind wir einander durch die jahrelange Zusammenarbeit mit vielen Auf’s und Ab’s für das gemeinsame Projektziel freundschaftlich verbunden. Seit Kriegsbeginn engagiert sich die Organisation neben ihren bisherigen Aufgaben zusätzlich in der Nothilfe und ist von 5 auf 18 Personen angewachsen.

Anerkennung und Wertschätzung
Jedes Jahr hatten sie am 21. März den Jahrestag ihres Bestehens gefeiert. Angesichts des Krieges und der damit verbundenen Not unzähliger Menschen im Land waren sie unschlüssig, ob sie zu ihrem 25. Jubiläum etwas organisieren sollen. Schliesslich verschickten sie doch die schriftlichen Einladungen. Zuerst wollte ich die lange Reise für einen einzigen Tag nicht auf mich nehmen. Doch als ich sah, wie sich die Situation in Amerika entwickelte, meldete ich mich spontan an. Ich wollte mit meiner Präsenz ein Zeichen der Unterstützung für unsere langjährigen Partnerinnen setzen, die sich seit ihrem Bestehen für die schwachen und verfolgten Menschen einsetzen, die für Menschenrechte und Menschenwürde kämpfen und nun einer Weltmacht gegenüberstehen, in der Geld und die Macht des Stärkeren zählt.

An der Jubiläumsfeier in der ganz im Westen der Ukraine gelegenen Stadt Uschhorod zeigten die verschiedenen Reden von Vertretern des Staates und befreundeten Organisationen eindrücklich, dass die NGO CAMZ die Entwicklung des Landes seit 25 Jahren mit hoher Professionalität mitgestaltet und seit Beginn des Krieges in Zusammenarbeit mit 154 Organisationen ohne viel Bürokratie für die Menschen da ist. «Sie haben das Unmögliche möglich gemacht», hiess es immer wieder. Die im Raum spürbare Kraft der engagierten Menschen im Kriegsland und ihren Verbündeten zeigte eindrücklich: Diese ist stärker als alles andere und lässt sich durch nichts zerstören. Das gibt Hoffnung.

Ein Beispiel für diese Zusammenarbeit war zu Beginn des Festes die Übergabe eines gesponserten Autos an die mobile humanitäre Küche «Essen ohne Grenzen» der NGO «Iskra Dobra» (Funke des Guten), die Menschen in zerstörten Dörfern an der Front täglich mit bis zu 4000 warmen Mahlzeiten versorgt. «Wir liefern nicht nur Tausende von Mahlzeiten aus, sondern auch Gemeinschaft, Freundschaft, Liebe für Menschen, die alles verloren haben», meinte Leiter Oleg Bibikov.

Wie in der Ukraine bei Anlässen üblich, wurde nach dem Apéro zu Livemusik getanzt. Immer mehr Menschen wurden in den Kreis geholt. Schliesslich hatte sich im grossen Kreis ein kleiner mit der Kerngruppe von CAMZ gebildet. Da holte eine der Frauen die durch ihre Verantwortung und den Verlust des im Krieg gefallenen Bruders schwer belastete Direktorin in ihre Mitte. Deren Anspannung löste sich. Lachend bewegte sie sich mit den andern im Kreis. Ein unvergessliches Bild einer Frauenfreundschaft.

Sie haben immer wieder Unmögliches möglich gemacht: Das Team der NGO CAMZ, seit 25 Jahren geleitet von Nataliya Kabatsiy (4. von rechts).
Sie haben immer wieder Unmögliches möglich gemacht: Das Team der NGO CAMZ, seit 25 Jahren geleitet von Nataliya Kabatsiy (4. von rechts).

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