Text: Irmgard Bayard
Freundschaften kommen und gehen
Meine erste Freundin von der 1. bis zur 6. Klasse hiess Ruth. Sie war es, die mich beim Sport in ihre Gruppe aufnahm, obwohl ich ungelenk war und als Mitspielerin gemieden wurde. Wir verbrachten viel Zeit miteinander, teilten uns ab einer Kreuzung den Schulweg und besuchten uns gegenseitig.
(Fortsetzung)
Dies dauerte bis zur Bezirksschule. Lange hatten Ruth und ich keinen Kontakt mehr und heute so alle fünf Jahre, wenn sie die Klassenzusammenkunft organisiert und an ihr teilnimmt. Wir denken gerne an unsere Kindheit zurück und erinnern uns mit Freude an die vielen gemeinsamen Stunden.
In der Bezirksschule wandten wir uns anderen Mädchen und natürlich den ersten Jungs zu. Muguette war ab da meine Freundin. Wir teilten den ersten Liebeskummer, ging zusammen ins Fernsehstudio in Zürich an eine Disco-Show und trampten an Fussballspiele des FCZ. Nach der Schulzeit verloren wir uns aus den Augen und ich erfuhr Jahre später, dass sie relativ jung gestorben war. Wie genau erfuhr ich nie.
Während der Lehre hatte ich viele Bekannte, mit denen ich mich sehr gut fühlte. Mit Charly verstand ich mich besonders gut. Wir waren die Wortführer aller KV-Lehrlinge im Betrieb und bei diesen dadurch besonders geschätzt. Weniger hingegen bei den Abteilungsleitern, da wir immer auf Missstände aufmerksam machten. Nach der Lehre trennten sich alle unsere Wege. An der Klassenzusammenkunft vor einigen Jahren habe ich Charly wieder getroffen und festgestellt, dass wir heute in völlig anderen Welten leben.
Später in Lausanne traf ich verschiedene Menschen, mit denen ich näheren Kontakt und viel Spass hatte. Als Freundin würde ich meine zweite Mitbewohnerin bezeichnen. Zurück in Solothurn war es ein jüngerer männlicher Kollege, mit dem ich viel Zeit verbrachte. Wir erzählten uns (fast) alles und bezeichneten uns als Bruder und Schwester. Die meiste Zeit verbrachte ich jedoch mit Thesi, ebenfalls eine ehemalige Schulkollegin, mit der ich lange Zeit Freud und Leid teilte. Weshalb diese Beziehung nachliess, weiss ich nicht mehr so genau. Ein Versuch meinerseits, den Kontakt aufleben zu lassen, scheiterte.
Alles, was danach kam, waren kollegiale Verbindungen, aber keine Freundinnen im herkömmlichen Sinn, keine Seelenverwandten mehr. Und heute? Da sind es Frauen zum Beispiel im Umfeld der GrossmütterRevolution ,mit denen ich mich freundschaftlich verbunden fühle. Und Paare, die mein Mann und ich als unsere gemeinsamen Freunde bezeichnen können. Mit dem Schreiben dieser Zeilen habe ich mich gefragt, ob ich eine Freundin vermisse, mit der ich über alles, auch intime Dinge, sprechen kann. Ja, vielleicht ab und zu. Möglicherweise.
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