Text und Foto: Monika Fischer
Muttertag
Wenn in den Ritzen der Natursteinmauern die ersten Blumen gelb, violett, blau und weiss leuchten und auf den Wiesen der Löwenzahn blüht, denke ich an den Muttertag meiner Kindheit. Verbunden mit einem wohligen Gefühl von Wärme und Geborgenheit.
(Fortsetzung)
Mit den ersten Frühlingsblumen vom Garten oder aus der Wiese pflückten wir Sträusschen für den Tisch am zweiten Sonntag im Mai. Dazu legten wir Zeichnungen und vielleicht gar ein Briefchen für die Mutter mit einem Dank, dass sie immer für uns da ist. In der Schule schrieben wir die ersten Aufsätze: «Die Mutter kocht. Sie wäscht und putzt…» Nach dem Gottesdienst brachte die Musikgesellschaft vor der Kirche ein Ständchen für alle Mütter. Dies zeigte, wie wichtig die Mütter für die ganze Gesellschaft sind.
Ja, die Mutter war die wichtigste Person in der Familie, darin waren sich meine Schwester und ich nach einer Diskussion einig. Als einmal der Vater die von einem Kollegen selbst gesuchten Pilze nach Hause brachte, befürchteten wir, diese könnten giftig sein. Der Vater soll sie zur Probe zuerst essen, entschieden wir in der Überzeugung, dass dieser ohnehin meist fort und für die Familie nicht so wichtig sei.
Als später die eigenen Kinder am Muttertag den Tisch mit selbst gesuchten Blumensträusschen, Zeichnungen und kleinen Briefchen schmückten, freute ich mich. Gleichzeitig störte es mich, dass wir Mütter an einem Tag im Jahr geehrt und beschenkt wurden, wenn möglich gar mit einem Gerät, das die Haushaltarbeit erleichtert. Mehr und mehr empfand ich den Muttertag als reine Alibiübung einer patriarchalen Gesellschaft und Erfindung der Blumen- und Schmuckläden. Ich ärgerte mich lautstark über die Muttertagsreden mit dem Lob auf die Bedeutung der von den Müttern geleisteten Carearbeit und deren geringe Bedeutung im gesellschaftlichen und politischen Alltag.
Meine Worte fielen bei den erwachsenen Kindern auf fruchtbaren Boden. Als jedoch darauf am Muttertag weder die Tochter noch die Söhne etwas von sich hören liessen, wurmte dies mich doch sehr, hatte ich doch gezwungenermassen ein traditionelles Rollenbild gelebt. Ich konnte es nicht verkneifen, dies kleinlaut in der Familie zu äussern, worauf sie mich mit einem verspäteten Muttertagessen überraschten.
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