Text und Foto: Monika Fischer
Zufrieden und dankbar mit grossem Bekanntenkreis
«Ich bin über 90, aber immer noch im Schuss», meinte Berti Felder-Bieri am Telefon. Was das konkret heisst, erzählte sie später farbig mit kleinsten Details, schöpfte dabei aus einem Fundus an Erinnerungen und meinte: «Ich habe viel und hart gearbeitet und fühle mich nicht hochaltrig, jedenfalls geistig nicht, vielleicht um die 80, 85. Nach wie vor bin ich neugierig und am Weltgeschehen interessiert.» Sie geht fast täglich hinaus und kontrolliert mit dem Schrittzähler, ob sie 1000 Schritte gemacht hat. «Meistens sind es 5000», lachte sie zufrieden.
(Fortsetzung)
Ich hatte Berti Felder-Bieri im Zusammenhang mit dem Projekt «Hohes Alter» des Forums Luzern60plus kennengelernt. Für das Buch mit 24 Porträts von Menschen über 80 besuchte ich sie in ihrer Dreizimmerwohnung.
Sie zeigte auf den von ihr bemalten Schrank des Vaters, einem Bauernsohn aus Flühli im Entlebuch, der für die Arbeit in einer Baufirma nach Luzern gekommen war und meinte: «Ich hatte liebe Eltern und erlebte mit meinem älteren Adoptivbruder an der Moosmatt- und an der Unterlachenstrasse eine karge, aber gute Kindheit.» Sie war acht, als der Krieg ausbrach und der Vater einrücken musste und erzählte: «Es war furchtbar, ich vermisste ihn sehr. Die Mutter ging waschen und putzen. Selbstverständlich habe ich die Kleider der Cousine nachgetragen. Uns fehlte das Geld, um Notvorrat zu kaufen, wir lebten von dem wenigen Gemüse im Garten. Aus dem Erlös der Eier kauften wir Futter für die Hühner. Im Kunsthaus konnten wir gratis Kartoffeln und Schnitze beziehen und assen 14 Tage «Schnitz und Härdöpfel». Mit diesen Erfahrungen ärgert sie sich heute über Kinder, die unzufrieden sind mit dem Essen.
Freude am guten Lehrabschluss
In den acht Schuljahren war sie eine gute Schülerin, spielte Handorgel und sang viel. Die Sekundarschule durfte sie nicht besuchen. «Dort waren die aufgeputzten kleinen Fräuleins, während ich eine Schürze trug und Köchin werden wollte.» Mit den im Landdienst gehüteten Kindern hat sie noch heute Kontakt. In Fribourg lernte sie in einer Familie Französisch und machte danach eine zweijährige Ausbildung in einer Papeterie am Paulusplatz. Mit Genugtuung erzählt sie: «Um sieben Uhr musste ich zuerst den Boden spänen und blochen und dann natürlich verkaufen. Nach zwei Monaten habe ich den Laden eine Woche allein geschmissen und nach zwei Jahren einen guten Lehrabschluss gemacht.» Ein halbes Jahr servierte sie im Café Holzmann am Löwenplatz und arbeitete danach mehrere Jahre als Verkäuferin in der Papeterie Bürgisser.
Kraft aus dem Glauben
Mit 22 heiratete sie Josef Felder, die vier Kinder wurden zwischen 1955 und 1966 geboren. Auch als Familienfrau war sie erwerbstätig, machte z.B. Interviews für Marktforschung, während ihre Mutter die Kinder hütete. Vielseitig interessiert, malte und strickte sie. Sie schrieb Gedichte, ritzte Glas und sammelte Kräuter. «Deshalb gehe ich bis heute nur selten zum Doktor.»
Schwierig waren die Jahre, als ihre jüngste Tochter mit zweieinhalb Jahren an Leukämie erkrankte und vier Jahre später starb. «Die Ärzte sagten schon am Anfang, es sei hoffnungslos. Trotzdem versuchten wir alles und machten sogar eine Wallfahrt zur Muttergottes. Ich bin sehr gläubig, auch wenn ich nicht regelmässig den Gottesdienst besuche und nicht mit allem aus Rom einverstanden bin. Der Glaube ist mir Hilfe und Halt.» So war es auch beim Tod ihres Mannes Seppi 2008, den sie immer noch vermisst. Er hatte lange bei den Verkehrsbetrieben Luzern in verschiedenen Positionen gearbeitet, war kurze Zeit Hausmeister im Viva Eichhof, dann Abwart im Schulhaus Utenberg. «In diesen 17 Jahren habe auch ich mit Putzen sehr viel gearbeitet», erzählt Berti Felder, die auch sonst viel für ihren Mann gemacht hat. In der Zeit seiner Grossratstätigkeit bei den Liberalen schrieb sie hie und da sogar eine Motion für ihn. Das damals noch fehlende Frauenstimmrecht stört sie rückblickend nicht. «Es war einfach so. Ich wusste nichts anderes. Zudem war ich nicht gerne in der Öffentlichkeit und gebe nicht viel auf Äusserlichkeiten», erklärt sie und erzählt von der Zeit nach der Pensionierung, wo das Ehepaar oft in der Toskana weilte.
Grosser Bekanntenkreis
«Ich bin trotz meiner starken Arthrose zufrieden und glücklich, dass ich täglich aufstehen und selbständig wohnen kann», freut sie sich und möchte so lange wie möglich in der Genossenschaftswohnung der Allgemeinen Baugenossenschaft Luzern (ABL) bleiben. Der älteste Sohn kommt alle zwei Wochen zum Staubsaugen, alle drei Wochen erledigt eine Putzfrau jene Arbeiten, die sie nicht mehr selber bewältigen kann. Auch der andere Sohn und die Tochter besuchen sie regelmässig und unterstützen sie bei Bedarf.
Täglich steht sie gegen halb sieben auf und grüsst ihre Lieben auf den Fotos. Danach macht sie Frühstück und besorgt den Haushalt, die Blumen, die Vögel. «Ich brauche eben für alles viel mehr Zeit.» Da sie nicht mehr so viel tragen kann, geht sie fast täglich mit dem Bus einkaufen. Seitdem sie zweimal wegen einer Unebenheit gestürzt ist, geht sie nur noch mit dem Stock aus dem Haus. Zum Mittagessen kocht sie oft einen Eintopf, der für zwei bis drei Tage reicht. Zum Abendessen begnügt sie sich mit einer Suppe, Brot und Käse.
Mit dem Bus reist sie auch, um ihre ehemaligen Hausbewohnerinnen im Heim oder Bekannte zu besuchen. Offen und kontaktfreudig freut sie sich über ihren grossen Bekanntenkreis in der ganzen Schweiz, den sie mit Briefen und Besuchen pflegt und meint: «Die vielen lieben Menschen sind mir einfach zugeflogen.» Sie erzählt von ihrer Freundin, die jede Woche einmal vorbeikommt: «Dann klönen wir und klagen einander unser Leid, das tut so gut.»
Jeweils am Donnerstag besucht sie den auf die Bedürfnisse der alten Menschen ausgerichteten Quartiertreffpunkt Vicino. Am Abend liest sie viel und schaut besonders gerne Krimis. Bevor sie «nie vor elf Uhr», wie sie betont, schlafen geht, sitzt sie auf dem Bettrand, schreibt kurz auf, was sie heute gemacht hat und betet.
Ein erfülltes Leben
Sorgen macht sie sich nicht um sich, sondern um die jungen Menschen, die «nicht mehr gerne arbeiten, stets mit dem Handy herumlaufen, vor allem studieren und kein Handwerk mehr lernen wollen». Sie findet, dass die Migrantinnen und Migranten besser integriert werden müssten und sagt: « Ich muss mich fast schämen, so alt zu sein und den Jungen Platz wegzunehmen.»
Gerne möchte sie noch stricken, nähen und Handorgel spielen können wie früher. Auch wünschte sie sich, ihr Mann, mit dem sie eine gute Ehe führte, würde noch leben und meint: «Logisch, dass nicht mehr alles geht wie früher, ich kann ja nicht gesund sterben. Ich habe viel Schönes, aber auch viel Schweres erlebt. Jetzt kommt so viel zurück. Dafür bin ich dankbar. Wenn der Wecker abgelaufen ist, möchte ich ohne zu viele Schmerzen gehen und in Ruhe sterben. Ich habe ein erfülltes Leben gelebt.»
Nachdem ich Berti Felder zu ihrem Geburtstag im Januar gratuliert hatte, bekam ich bereits am nächsten Tag die in sehr schöner Handschrift geschriebene Dankeskarte. Bei der Buchvernissage Ende März traf ich sie wieder. Es freute sie besonders, mir die Tochter und die beiden Söhne vorzustellen. Es gehe ihr nach wie vor gut, meinte sie und lud mich ein, sie bald wieder einmal zu besuchen.
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