Text und Foto: Monika Fischer
Eigentlich wollte ich am 23. März eines der letzten Schirennen anschauen. Als ich den Fernsehknopf drückte, fielen mir die Worte «Care-Arbeit» und «Fürsorge» ins Ohr. Gebannt verfolgte ich den Rest der Predigt der jungen Pfarrerin. Danach schaute ich mir den Gottesdienst zum Thema «Wahre Grösse» gleich nochmals an – und war zutiefst erschüttert. Da sehen wir seit Monaten in den Medien, wie machtbesessene Männer die Welt und das Leben von Millionen von Menschen zugrunde richten. Und da ruft eine junge Frau in ihrer Fernsehpredigt dazu auf, ein Kind in die Mitte zu stellen und Macht als Verantwortung für das Leben wahrzunehmen.
(Fortsetzung)
Spontan dachte ich, der Film von Ina Praetorius «Wirtschaft ist Care» Film WIC müsse dieser Predigt zugrunde liegen. Die Pfarrerin Sibylle Forrer bezog sich jedoch auf Jesus, der auf die Frage seiner Jüngerinnen und Jünger, wer der Grösste und Mächtigste sei, ein Kind in die Mitte stellte. Das sei ein Prüfstein für jede Macht: Macht als Auftrag, seine Verantwortung wahrzunehmen.
Das Kind im Zentrum verändere den Blickwinkel der Mächtigen hin zu den Menschen ohne Lobby und habe eine spirituelle, gesellschaftliche und politische Sprengkraft. Denn ein Kind überlebe nur, wenn sich jemand kümmert. Die Predigerin bezeichnete die Sorgearbeit als Fundament, ohne das jede Gesellschaft verfalle. Ein Kind in die Mitte zu stellen zeige, dass die Fürsorge das Leben überhaupt möglich macht. Es ist deshalb für sie nicht nachvollziehbar, dass die Care-Arbeit, die Fürsorge in der Gesellschaft oft geringgeschätzt wird und nicht die Anerkennung und Wertschätzung bekommt, die sie verdient. Denn die Grösse einer Gesellschaft zeige sich darin, wie sie mit den Schwächsten umgeht, gelinge das Leben doch nur in Beziehung: «Was uns als stärkste Kraft verbindet, ist die Fürsorge, auf der das Leben wächst.»
Die Predigtworte der jungen Pfarrerin wühlten mich auf. Seit Jahren beschäftigen wir uns in der GrossmütterRevolution wie viele andere Gruppierungen mit der Bedeutung der Care-Arbeit und kämpfen um ihre bessere gesellschaftliche Anerkennung. Wir leben in einer Gesellschaft, die zumindest dem Namen nach noch immer christlich ausgerichtet ist. Auch in der Präambel unserer Bundesverfassung heisst es, das Wohl einer Gesellschaft müsse sich nach den Schwächsten ausrichten. Warum ist es dann so schwierig, diesen dem Leben dienenden Forderungen nach einem anderen Stellenwert der Care-Arbeit, wie sie auch bei «Wirtschaft ist Care» formuliert sind, zum Durchbruch zu verhelfen?
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