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Ihre Leidenschaft ist und bleibt der Flügel

Marie-Anne Reber an ihrem Lieblingsplatz.
Marie-Anne Reber an ihrem Lieblingsplatz.

Text und aktuelle Bilder: Irmgard Bayard

Marie-Anne Bernhard wuchs in Rothrist auf, wo die Eltern ein Coiffeurgeschäft führten. Für sie war damals klar, dass sie Coiffeuse werden wollte. Doch das Leben hatte andere Pläne. So richtete sie ihre Zukunft auf die Musik aus, der sie trotz schwieriger Umstände treu geblieben ist. Noch heute, im Alter von 79 Jahren, sitzt sie gerne an einem ihrer Flügel.

(Fortsetzung)

Zum Interview treffe ich Marie-Anne Reber-Bernhard bei ihr im Eigenheim im bernischen Oberaargau, wo sie seit vielen Jahren wohnt, zuerst mit ihrem Mann und den Kindern und heute mit ihrem Lebensgefährten. «Wynau ist mein Zuhause», sagt sie. «Hier fühle ich mich wohl».

Aufgewachsen ist Marie-Anne in Rothrist mit zwei Schwestern. «Christine kam nur 14 Monate nach mir zu Welt. Mit ihr hat mich immer viel verbunden.» Fünf Jahre später kam eine weitere Schwester, Lilo, dazu. Die Eltern lebten zuerst ein damals übliches Modell. «Mein Vater war Coiffeur, meine Mutter Hausfrau. Sie war Schneiderin und hat viel für uns genäht. Aus ‚Hudeln‘ konnte sie jeweils etwas Schönes machen.» Als Marie-Anne etwa 12 Jahre alt war, zog die Familie in ein neues Geschäftshaus. «Im Coiffeurgeschäft meines Vaters war auch die Sport-Toto-Annahmestelle. Jeden Freitag brachten die Leute ihre ausgefüllten Zettel, die ich stempeln, die Beträge zusammenzählen und einkassieren musste. Das war eine grosse Verantwortung für mich als Kind», blickt sie zurück. Auch mussten die beiden grösseren Töchter im Haushalt und im Salon mithelfen. «Wir haben unter anderem Bigoudis gewaschen und sortiert, Rasierschaum weggeräumt und den Boden gewischt.»


Musikerin statt Coiffeuse
Nach einer «Schnellbleiche» als Coiffeuse führte die Mutter später den Damensalon. Marie-Anne besuchte die Primarschule in Oberwil/Rothrist und danach die Bezirksschule. Schon während der Schulzeit entdeckte sie ihre Liebe und ihr Talent zur Musik.

Marie-Anne (ganz links) am Kinderfest in Rothrist. (Foto: privates Archiv)
Marie-Anne (ganz links) am Kinderfest in Rothrist. (Foto: privates Archiv)

«Die Mutter wurde krank, so dass mein Vater den Salon verkaufen musste und Vertreter für Haarprodukte wurde.» Also wandte sich Marie-Anne nach der Schule der Musik zu. Umso mehr, als sie schon lange Klavier spielte und ihre Klavierlehrerin sie animierte, dieses Instrument zu studieren. «Aber sie hatte keine Ahnung was damals verlangt wurde. Ich ging voll Zuversicht nach Basel, wo mir allerdings beschieden wurde, ich sei nicht reif fürs Konservatorium und solle weiterhin die Musikschule besuchen.» Nach vier Jahren war Marie-Anne dann bereit fürs Konservatorium.

Es folgte eine schwierige Zeit. Sie kam zu einem neuen Lehrer, der sich nicht besonders für sie interessierte, da sie angeblich zu wenig talentiert war. «Für die geplante Vortragsübung bekam ich vom Lehrer die Aufgabe, zwei Bach-Präludien mit Fuge zu üben. Das Vorspielen war ein Erfolg, und der Lehrer war zufrieden. Einige Mitstudenten haben mir gratuliert.» Dann folgte für Marie-Anne eine nicht bestandene Abschlussprüfung in Gehörbildung. Das war ein grosser Schock für sie. Sie reiste fluchtartig nach Hause und brach das Studium ab. Eine Bekannte gab ihr schliesslich die Adresse eines bekannten Pianisten in Bern. Dieser wiederum schickte sie zu einer Kollegin, so dass sie sich weiterhin im Klavierspiel weiterbilden konnte.

Marie-Anne als junge Frau. (Foto: privates Archiv)
Marie-Anne als junge Frau. (Foto: privates Archiv)

Ein junger Mann sucht musikalische Begleitung
Ein Wende in ihrem Leben brachte eine Begegnung der 18-Jährigen. «Ein Kollege stellte mir Andreas Reber vor, einen jungen Tenor, der jemanden suchte für die musikalische Begleitung. Fortan musizierten die beiden zusammen. Nach drei Jahren heirateten sie. «Wir mussten wegen des Klaviers heiraten», sagt Marie-Anne. «Nein, nein, das ist natürlich nur Spass», fügt sie lachend an. Denn schon nach etwa einem Jahr merkten beide, dass sie mehr verband als die Musik.

Durch seinen Beruf als Buch- und Offsetdrucker, seine Arbeit als SP-Gemeinde- und Kantonspolitiker, später als Redaktor bei der «Tagwacht» und durch seinen Gesangsunterricht in Bern waren die beiden oft gezwungen, erst abends spät zusammen zu musizieren. Also war es einfacher zusammen zu wohnen. Zuerst fanden sie im Haus eines alten SP-Politikers eine Wohnung, wo sie ihren Passionen nachgehen konnten. Marie-Anne ihrerseits gab Kindern und Erwachsenen Klavierunterricht. Ein Traum von Andreas war es, dass Marie-Anne Geld verdiene und er einmal in einer Operette mitwirken könne.

Hochzeitsfoto mit Andreas Reber.
Hochzeitsfoto mit Andreas Reber.

Tragödie auf dem Heimweg
Im Januar 1971 kam Sohn Heinz, zwei Jahre später Wendelin zur Welt. «Als die Kinder noch sehr klein waren, entschlossen wir uns, ein Haus zu bauen. Zusammen mit meiner Schwester Christine und deren Familie schauten wir uns ein Doppelhaus als Vorlage an. Dieses fand ich allerdings zu eng, ich hätte mich darin nicht wohlgefühlt. Also rief ich die Baufirma an und fragte, ob man diese Version auch etwas grösser bauen könne und was das koste.» So entstand das Doppelhaus, in dessen einen Hälfte sie heute noch wohnt. Ihre Schwester musste später leider ausziehen, da sie die Fehldiagnose Multiple Sklerose (MS) erhielt. Mit Tochter und Schwiegersohn bauten sie ein rollstuhlgängiges Doppeleinfamilienhaus. Die Trennung war schlimm für Marie-Anne.

Doch das glückliche Familienleben im neuen Haus dauerte nicht an. Am 23. September 1984 gab Res Reber ein Konzert in Rothrist. Es sollte sein letztes sein. Am 29. September besuchte er eine Klassenzusammenkunft im Nachbardorf Murgenthal. «Ich ermahnte ihn noch, nicht zu viel zu trinken, da er am Sonntag Dienst hatte. Was er mir übelnahm.» Das ungute Gefühl, mit dem sie auseinandergingen, macht sie immer noch nachdenklich. Denn nicht er hatte damals zu viel getrunken, sondern ein junger Autofahrer, der ihn übersah und in der Nähe seines Zuhauses totfuhr. «Noch heute sehe ich ihn mit dem Rad und seinem offenen, flatternden Kittel davonfahren.»

Fortan war Marie-Anne mit den beiden Buben, damals 11,5 und 13,5 Jahre alt, allein. «Glücklicherweise erhielt ich gute Renten, so dass wir im Haus bleiben konnten», sagt sie rückblickend. Sie besuchte weiterhin Klavierstunden, machte 1989 endlich ihr Diplom, gab Unterricht und spielte in verschiedenen Kirchgemeinden Orgel. Sie betätigte sich politisch, indem sie mithalf, die SP-Frauengruppe zu gründen und von 1997 bis 2000 im Gemeinderat ihrer Wohngemeinde sass. «Es war eigentlich nicht mein Ding, ich wurde jedoch angefragt, sagte zu und wurde gewählt. Aber ganz wohl habe ich mich nie gefühlt. » Danach war sie 15 Jahre im Kirchgemeinderat mit dem Ressort ‚Kultur in der Kirche‘ und lange Präsidentin der SP Sektion Wynau. «Politisch engagiere ich mich aktuell in der SP 60+ Oberaargau. »

Marie-Anne und ihr Partner German Heiniger. (Foto: privates Archiv)
Marie-Anne und ihr Partner German Heiniger. (Foto: privates Archiv)

Heiraten wieder erlaubt, aber keinen der befiehlt
«Wenn ich mal wieder traurig war, dann liessen mich die Jungs wissen, dass sie nichts gegen eine erneute Heirat hätten, allerdings nur einen, der ihnen keine Befehle erteile.» Geheiratet hat Marie-Anne Reber zwar nicht mehr. Seit vielen Jahren ist sie jedoch mit German Heiniger liiert, einem früheren Nachbarsjungen und politisch wie kulturellen Weggefährten ihres Mannes. Wir waren zusammen in der Musikgesellschaft Wynau. » German (Euphonium) 62 Jahre und Marie-Anne (Glockenspiel und Xylophon) 36 Jahre. «Zusammen haben wir die Aktivzeit beendet und waren seit 2011 an der Fasnacht als Schnitzelbänkler unterwegs. » Ihr jetziger Gefährte war es auch, der mit ihrer Unterstützung und Mitarbeit der Kultur-Welle Wynau über ihren verstorbenen Mann ein Buch verfasst und damit an dessen Verdienste erinnert hat.

Klavier spielt die 79-Jährige heute nur noch zu Hause. Aktuell übt sie zum Beispiel die zwei Arabesken von Debussy. Infolge eines Rückmarkinfarktes hat sie oft Mühe mit Gehen, was bereits zu Stürzen mit schweren Konsequenzen, unter anderem einem gebrochenen Kinn, führte und sie körperlich einschränkt. «Auch lässt das Gedächtnis nach», sagt sie. Das stört sie, auch wenn sie weiss, dass dies anderen in ähnlichem Alter ebenso geht. Nach und nach gibt sie Tätigkeiten und Ämter ab. Nur eines will sie auf keinen Fall aufgeben: das Klavierspielen.

Marie-Anne bei der Laube in ihrem geliebten Garten. (Foto: privates Archiv)
Marie-Anne bei der Laube in ihrem geliebten Garten. (Foto: privates Archiv)

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