Text: Monika Fischer, Fotos: Sandra Kaufmann
Erstmals fand am 3. November 2023 die Tagung des Vereins GrossmütterRevolution zum Thema «Wir haben Kompetenzen» in den Räumen der Pädagogischen Hochschule Luzern statt. Im weiten Kreis der 50 Frauen und in den Gruppengesprächen zeigte sich eindrücklich, wie viele Kompetenzen sich dank Wissen und Lebenserfahrung angesammelt hatten. Wie können sie sichtbar und für die Gesellschaft nutzbar gemacht werden? Ein erster Schritt dazu ergab sich bei den Begegnungen mit den jungen Studierenden in den Gängen und bei deren neugierigen Blicken in die Gruppenräume sowie bei kurzen Gesprächen beim Warten auf der Toilette.
(Fortsetzung)
Nach dem lustvollen Start zeigten die vier Organisatorinnen Regina Ammann, Veronika Bossard, Anne Giger und Maru Stocker, wie schwierig es ist, die im Leben gesammelten Kompetenzen möglichst ohne Worte darzustellen. Dies machte deutlich: Wir haben ein Feuerwerk an Kompetenzen und möchten diese sichtbar machen. Sie stellten die Definition vor, damit alle dasselbe unter dem Begriff verstehen: «Eine Kompetenz ist die Fähigkeit, unsere Erfahrung mit unserem Wissen und unseren praktischen Fähigkeiten zu verbinden und die Bereitschaft, damit spezifische Aufgaben zu erfüllen.» Da sich Kompetenzen im Leben verändern, tauschten sich die Frauen gruppenweise darüber aus, welche Kompetenzen sie erworben, welche geblieben, welche verloren gegangen sind und welche sie weiterentwickeln möchten, um etwas bewirken zu können. Wie die Fülle der kleinen, auf einer Wäscheleine aufgehängten Zettel zeigten, ist es ein Feuerwerk an Fähigkeiten.
Aus der Rolle fallen
In den folgenden vier Workshops konnten die Anwesenden Neues kennenlernen:
Gerade im letztgenannten Workshop zeigte sich die Ohnmacht angesichts der weltweiten Situation, wo die Klimakrise angesichts von Kriegen und Gewalt nur noch eine geringe Bedeutung findet. Trotzdem war für die beteiligten Frauen die Diskussion wichtig. «Wir haben keine allgemeingültigen Lösungen gefunden. Aber der Austausch der engagierten Frauen motiviert mich, trotz allem Negativen dranzubleiben, die kleinen Errungenschaften zu sehen und daran Freude haben», meinte Barbara Bischoff Frei.
Zum Abschluss ging ein Podiumsgespräch im runden Kreis der Frage nach, wie die Kompetenzen der Frauen der GrossmütterGeneration in der Gesellschaft klug eingesetzt werden können. Die vier befragten Frauen stellten sich mit ihrer Kernkompetenz vor. Claudia Küttel-Fallegger hatte die Frauensynode zum Thema «Wirtschaft ist Care» mitorganisiert und bekam spontanen Beifall für ihren Leitspruch «Lasst uns aus der Rolle fallen, damit wir aus der Falle rollen». Es sei gut, manchmal etwas ver-rückt zu sein, seien wir doch durch Lernfelder zu dem geworden, was wir sind. Sie bezeichnete sich als gute Vernetzerin, die sich ausgehend von guten Ideen zu deren Realisierung gerne mit andern zusammentut. Die Erwachsenenbildnerin und Eltern-Paar-Beraterin Rosmarie Wydler-Wälti engagiert sich seit 2016 mit Herzblut als Co-Präsidentin der Klima-Seniorinnen, wobei sie eine Fülle von Kompetenzen erworben hat. Zentral geworden ist für sie die Fähigkeit zum Auftreten: «Wenn ich das sage, was mir ganz wichtig ist, habe ich dabei kein Lampenfieber mehr.» Die Erwachsenenbildnerin und ehemalige Politikerin Barbara Gurtner engagiert sich seit deren Beginn für die GrossmütterRevolution. Zu ihren wichtigsten Erfahrungen im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt gehört die Erkenntnis, dass alles Private auch politisch ist und umgekehrt. Heute ist die Zufriedenheit ihre Kernkompetenz. Seit der Abgabe des Pfarramtes ist Rosmarie Brunner als freischaffende feministische Theologin tätig. Sie bezeichnet sich als angeschmuste Grossmutter, für die Wörter im Zentrum stehen, indem es ihr immer wieder gelinge, auch das Unausgesprochene in Worte zu fassen.
Visionen entwickeln und Dranbleiben
Auf die Frage, ob sich eine Entwicklung in der gesellschaftlichen Wahrnehmung der alten Frauen zeige, war die Antwort zwiespältig. Wohl würden politische Diskussionen vermehrt auch aus Sicht der betroffenen Frauen geführt. Gesamtgesellschaftlich würden die Frauen der GrossmütterGeneration jedoch nach wie vor eher negativ mit strickenden Grosis verbunden. Selbstkritisch wurde bemerkt, dass manche Frauen durch die Abwertung der ungeliebten Haus- und Sorgearbeit selber zu einer solchen Sicht beigetragen haben. Diese Bemerkung führte zu einigen Wortmeldungen aus der Runde. Die Rede war von den 90er-Jahren mit den Bemühungen, die bei der Haus- und Familienarbeit erworbenen Kompetenzen zu erfassen und bei Bewerbungen einzubringen, um eine bessere Anerkennung und Aufteilung der Erwerbs- und Familienarbeit zu erreichen. Trotz vieler Bemühungen auch in der Sprache, die unbezahlte Familien- und Betreuungsarbeit konsequent als Arbeit zu bezeichnen, hatte das Projekt das gewünschte Ziel nicht erreicht.
Wie bringen wir so viel Weisheiten, so viele Kompetenzen in die Gesellschaft? Wie schaffen wir es, damit wir sichtbar und gehört werden, lautete eine weitere Frage von Maru Stocker.
Es geht nicht ohne politische Forderungen und hartnäckiges Dranbleiben, meinte eine der Podiumsfrauen. Eine andere möchte erleben, wie das Ansehen der alten Frauen in der Gesellschaft mehr geschätzt und ihr Wissen gefragt wird, analog dem Rat der 13 indigenen Grossmütter. Gewünscht wurde im Verein GrossmütterRevolution eine Arbeitsgruppe, die zu aktuellen Themen Statements herausgibt, sowie die Vision einer Care-Bewegung, die sich ausgerichtet am Slogan « Lustvoll handeln statt leidvoll lächeln» mithilft, die Wirtschaft neu auszurichten.
Es ist zu hoffen, dass dieses Feuerwerk an Kompetenzen der GrossmütterGeneration den Beteiligten nicht nur Anerkennung und Wertschätzung bringt, was sich in den zufriedenen Gesichtern abzeichnete, sondern seine Wirkung auch in der Gesellschaft entfalten kann.
Drei Fragen zur Herbsttagung an Veronika Bossard
Als Vorstandsmitglied des Vereins GrossmütterRevolution hast du zusammen mit Anne Giger, Maru Stocker und Regina Amman die Herbsttagung zum Thema «Wir haben Kompetenzen» organisiert. Was hat dich an der Tagung am meisten beeindruckt?
Es hat mir grossen Spass gemacht, diese Tagung im Team zu organisieren. Aus einer Sitzung mit den Matronatsfrauen kam die Erkenntnis, dass es wichtig ist, unsere Kompetenzen sichtbar zu machen und zu überlegen, was dies gesellschaftlich bedeutet. Interessant für mich waren unsere Auseinandersetzung mit dem Thema und der Weg zu dessen Umsetzung. Gefreut hat mich die grosse Offenheit der Frauen bei der Diskussion. Das Feuerwerk der Vielfalt der Kompetenzen ist einfach beeindruckend. Ungefähr 500 farbige Zettel hingen an der Wäscheleine.
Die Teilnehmerinnen sind sich an der Tagung über ihre im langen Leben erworbenen Kompetenzen bewusst geworden und haben diese sichtbar gemacht. Welches Bild hat sich dabei für dich gezeigt?
Diese Kompetenzen fließen in unsere Gesellschaft ein, ob bewusst oder unbewusst. Ich finde es wichtig, ihnen die nötige Anerkennung zu geben. Das stärkt uns erfahrenen Grossmütter und unterstützt uns, unsere besonderen Aufgaben in der Gesellschaft wahrzunehmen. Die Wichtigkeit dieser Aufgabe wurde mir an der Tagung aufgezeigt.
Was ist für dich die zentrale Botschaft vom Podiumsgespräch, wo und wie die Kompetenzen der Frauen der GrossmütterRevolution in der Gesellschaft eingesetzt werden können?
Den Satz «Lustvoll handeln, statt leidvoll lächeln» nehme ich mit vom Podium. Dafür einzustehen, dass der Wert der Grossmütter in der Gesellschaft ganzheitlicher gesehen wird, motiviert mich. Es ist meine Vision, wie bei den indigenen Völkern einen Rat der weisen Grossmütter in der Politik zu haben. Die starke Kraft dieses Grossmütterkreises schicke ich in die ganze Welt. Möge sie Frauen unterstützen, die sich mit existentiellen Problemen befassen müssen oder deren Bildung unterdrückt wird. Danke an alle Frauen, die gekommen sind.
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