Text und Foto: Monika Fischer
Die Juristin, Frauenrechtsaktivistin, Organisationsberaterin und Feministin Zita Küng, 69, begeisterte die Frauen an der Frühlingstagung 2023 der GrossmütterRevolution mit ihren mutmachenden Voten. Ihr unermüdlicher Einsatz für eine gerechtere Gesellschaft und eine bessere Welt hat seinen Ursprung in der Kindheit, wo ihre Mutter neben dem invaliden Vater die Familie mit den vier Kindern mit Heimarbeit durchbrachte. Für ihr Engagement zugunsten der Gleichstellung zwischen Frau und Mann in Beruf, Justiz, Politik und Gesellschaft wurde sie 2021 als Erste mit dem Emilie Kempin-Spyri-Preis ausgezeichnet.
(Fortsetzung)
Begleitet wird Zita Küng von ihrem grossen Vorbild, der Revolutionärin und Autorin Rosa Luxemburg. Auf deren Bild in ihrem Büro steht der Satz: «Wie Lassalle sagte, ist und bleibt die revolutionärste Tat, immer ‘das laut zu sagen, was ist’.» Dieser Leitsatz ist für Zita Küng wichtiger, als von allen geliebt zu werden.
Wo liegt diese konsequente Haltung begründet? Immer wieder von ihrem hellen Lachen unterbrochen, erzählt Zita Küng ausführlich von ihrer Kindheit und Jugend in Zürich, als drittes von vier Kindern einer Arbeiterfamilie. «Im Quartier mit Mietwohnungen bin ich im Rudel unglaublich frei und unbewacht aufgewachsen. Auf der Strasse, wo selten ein Auto kam, spielten wir ‘Himmel und Erde’ und verschiedene andere Spiele.» Sie wird ernst, wenn sie vom Unfall des Vaters mit 30 Jahern, als Folge eines Bienenstichs spricht. «Er lag im Koma, musste wieder gehen, essen, schreiben lernen und hat seinen Job in der Industrie verloren, da er die Leistungsfähigkeit nicht mehr erreichte und nicht stressresistent war.» Er bekam eine kleine Suva-Rente. Später verkaufte er als Vertreter Produkte einer Invalidengemeinschaft von Tür zu Tür. Mit Einführung der IV bekam er eine 50%-Rente, die mit der Begründung, er verdiene zu viel, wieder gestrichen wurde.
Die Mutter managte die Familie und brachte sie mit Schwarzarbeit durch. «Es war für mich wohl spürbar, dass wir eng durch mussten. Wir bekamen Gratismilch in der Schule und Kleider von der Vinzenz-Konferenz der Kirchgengemeinde. Gleichzeitig machte ich die Erfahrung, wie unglaublich tüchtig eine Frau sein kann.» Dass die Mutter heillos überfordert war, erfuhr Zita Küng erst, als sie diese mit 87 im Altersheim begleitete, um Rechnungen zu bezahlen. «NIEMAND hat mir damals geholfen.» So sei es aus ihr herausgebrochen. Sie hatte sich nie beklagt und auch niemanden informiert über die prekäre Situation und wollte alles selber machen. «Es ist unmöglich, dass wir ein System haben, in dem eine Mutter mit vier kleinen Kindern in solche Not kommt», ärgert sich Zita Küng.
Feministin mit 15 Jahren
Sie war 14, als sie im Zusammenhang der 68er-Bewegung früh politisiert wurde. «Auf dem Weg zum Unterricht an der katholischen Sekundarschule im Hirschengraben 66, wurde ich im Zusammenhang mit einer Demo von der Polizei abgespritzt und wusste nicht warum. Im Globus-Provisorium auf der Bahnhofbrücke erlebte ich erstmals sit-in-Aktionen. Die Welt schien in Flammen zu stehen. Ich fand das interessant und begann, mich mit aktuellen Fragen zu beschäftigen. Als junge Person hat man ein unglaubliches Sensorium dafür, was gut und was richtig ist.» Schnell war sie bei den Feministinnen gelandet und diskutierte in verschiedenen Gruppen darüber, was es in dieser bewegten Zeit persönlich und gesellschaftlich heisst, eine Frau zu werden. «Wir haben uns empört über gängige stereotype Vorstellungen, wollten uns nicht mehr von anderen definieren lassen und selber sagen, was eine Frau ist.» Zita Küng bezeichnet es als ihre Rettung, intellektuell nachzudenken, Erklärungen für bestimmte Situationen zu finden, Zusammenhänge zu verstehen und Zukunft zu entwickeln. «Mir war klar, es geht nicht so weiter mit diesem Mief, dieser Doppelmoral, diesem Geklüngel.» Sie verfolgte ihre Ziele hartnäckig und kompromisslos und trat baldmöglichst aus der katholischen Kirche aus, ein Schock für den Vater. «Die Gesellschaft muss sich ändern, das wusste ich schon mit 15.» Später wurde sie Gründungsmitglied der Organisation für die Sache der Frau (OFRA) und 1979-81 deren nationale Sekretärin.
Erfahrungen mit der Politik
Als Nebensache bezeichnet sie rückblickend ihre Ausbildung. Sie wurde Primarlehrerin und studierte danach am Berner Konservatorium Gesang. In der Familie wurde oft gesungen, beim Abwaschen oder «wenn bei der grossen Wäsche die Waschküche voller Dampf war und wir einander nicht sahen.» Motiviert fürs Gesangstudium hatte sie ihre Musiklehrerin an der Sekundarschule: «Die Schubertlieder waren etwas anderes als die Hudigäggeler in der Familie, das war ein Teil meiner Emanzipation.»
Das Konsi ohne Abschluss zu verlassen, war eine echte Krise. Sie hatte den schwelenden Machtkampf als Studierenden-Präsidentin mit dem Direktor unterschätzt. Der war Teil der ExaminatorInnen und auch Rekursinstanz. Geleitet vom Wunsch, die Gesellschaft zu verändern, wollte sie die Mechanik des Rechts verstehen und studierte 1982-87 Jus an der Uni Zürich. 1983-1987 vertrat sie als Kantonsrätin die POCH und die Gruppe «Frauen macht Politik!» im Zürcher Kantonsrat. «Dabei kapierte ich, wie die Politik funktioniert, wie Menschen aneinander vorbeireden und keine gemeinsame Linie finden. Es war für mich eine wertvolle Erfahrung. Wichtig war mir, immer klar zu sagen, was ich meine, wodurch ich nie zum Mainstream gehörte.» Woher nimmt sie das nötige Selbstbewusstsein? Wieder verweist sie auf ihre Kindheit. Als sie wie die Mutter auf der Tretmaschine auch nähen wollten, hat sie diese machen lassen. «Schon mit sieben habe ich einen richtigen Jupe selber genäht. Dabei habe ich gelernt, dass ich vieles selber machen kann, auch denken und entscheiden.»
Gleichstellungsbüro, Gewerkschaft und eigenes Unternehmen
Ab 1990 baute Zita Küng zusammen mit Linda Mantovani Vögeli in Zürich das «Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann» auf und leitete die Fachstelle bis 1996. «In Stadtpräsident Josef Estermann hatten wir einen Chef, der die Frauenfrage als politische Frage verstanden hat, die durch alles hindurchgeht und die ganze Gesellschaft betrifft», freut sie sich im Rückblick. Im Rahmen dieser Arbeit führte sie zahlreiche Kampagnen und Sensibilisierungsaktionen durch. Dazu gehört unter anderem die Kampagne «Männergewalt macht keine Männer». Bei der städtischen Polizei ging es um die Änderung des Einsatzdispositivs bei häuslicher Gewalt. Die gesamtschweizerische Kampagne «Berufe haben (kein) Geschlecht» im Hinblick auf eine weniger stereotype erste Berufswahl brachten sie in die Berufsberatung und in die Haushalte mit Kindern unter 16 Jahren. Danach war sie bei der Gewerkschaft Bau und Industrie Mitglied der nationalen Geschäftsleitung, wo sie die Dienstleistungsgewerkschaft Unia – gemeinsam mit Christiane Brunner auf der Seite des SMUV – aufbaute. Sie merkte, dass sie sich nicht gut genug auf dieses Männergremium in der Gewerkschaft vorbereitet hatte. «Ich bin das Machtthema nicht bewusst angegangen: Ich habe mir und den Kollegen nie klar gemacht, welche Position und Autorität ich habe und stand plötzlich ohne Einfluss da. Deshalb bin ich gegangen und habe mich selbständig gemacht.»
1999 gründete sie das Unternehmen «EQuality», ein Beratungsunternehmen für Organisationen und Unternehmen mit einem Fokus auf Geschlechterfragen, Personalführung und Produkteentwicklung. Sie ist in Deutschland, Österreich und in der Schweiz tätig und wurde 2018 für die «Verdienste im universitären Bereich sowie in der Gleichstellung und Antidiskriminierung» vom Bundesland Tirol mit dem Adler-Orden in Silber ausgezeichnet. Als Expertin begleitete sie die Einführung der Gender-Mainstreaming-Strategie, die auf der 4. UN-Weltfrauenkonferenz in Beijing verabschiedet wurde. Ihr Unternehmen führt sie noch heute, wobei die Thematik heute Gender und Diversity heisst.
Kraft für tiefgreifende Veränderungen
Das Leben und Wirken von Zita Küng ist unglaublich vielseitig. Sie erzählt anschaulich, es ist spannend, ihr zuzuhören. Zum Beispiel, wie sie beim Frauenstreik 1991 im Bewusstsein, dass die Frauen bedingt durch Erwerbs- und unbezahlte Familienarbeit doppelt streiken, in ihrer Gewerkschaft beantragt hatte, den Frauen und Kindern eine Streikküche anzubieten - mit überwältigendem Erfolg. Oder sie berichtet von ihrem jahrzehntelangen Einsatz mit einer Frauengruppe für das Labyrinthprojekt in Zürich. Seit 1991 steht das Pflanzenlabyrinth im Zeughausareal und wurde, frei zugänglich für alle, zu einem Ort der Besinnung und Neuorientierung in der Gegenwart, zu einem Kulturmuster für Umgangs- und Begegnungsformen im öffentlichen Raum. Es erfüllt sie mit besonderer Genugtuung, dass zum Frühlingsanfang dieses Jahres endlich auch die zweite Hälfte des ursprünglichen Labyrinthprojektes, das Steinlabyrinth auf dem Grossmünsterplatz in Zürich, feierlich eröffnet werden konnte.
Seit 1994 engagiert sich Zita Küng ebenfalls ehrenamtlich im FRI - Schweizerisches Institut für feministische Rechtswissenschaft und Gender Law und war 2001 eine der vier Gründerinnen und bis 2020 Vorstandsmitglied der Juristinnen Schweiz. Als Co-Initiantin gründete sie 2017 die «fem! feministische fakultät» und leitet die ganzjährigen feministischen Lehrgänge. «Damit schaffen wir einen Raum, in dem wir uns neues Wissen mit all unseren Sinnen und Fähigkeiten erarbeiten. Dem Erlebten und Gefühlten kommt dabei eine zentrale Rolle zu, denn erst aus der Verbindung von Intellekt, den Sinnen und dem Körper entsteht die Kraft für tiefgreifende Veränderungen – im Kleinen wie im Grossen», so die Zielsetzung gemäss Website.
Nicht müde geworden
Zu einem Erfolg wurden trotz Pandemie die Aktivitäten und Anlässe des Vereins CH 2021, den Zita Küng zum Jubiläum «50 Jahre Frauenstimmrecht» initiiert und präsidiert hatte. Am 11. Juni 2021 wurde sie als Person, «die sich im besonderen Masse um die Belange von Gleichstellung zwischen Frau und Mann in Beruf, Justiz, Politik und Gesellschaft verdient gemacht hatte», vom Schweizerischen Anwaltsverband als Erste mit dem Emilie Kempin-Spyri-Preis ausgezeichnet. Es war eine Wertschätzung, die sie ausserordentlich freute.
Es erstaunt, wie frisch und unternehmensfreudig Zita Küng, die mit ihrer Partnerin in einer Alters-WG lebt, mit bald 70 Jahren wirkt. Müde geworden ist sie nicht, doch mag sie nicht mehr so viel arbeiten wie früher. Für 2024 hat sie sich vorgenommen, nach ihren Arbeitseinsätzen jeweils gleich viel Zeit für Erholung zu blockieren. Wobei Erholung für sie heisst, die Beine hochstrecken und einfach nichts, wirklich nichts zu machen.
Und welche Gefühle erfassen sie, die seit ihrer Jugend die Welt besser und gerechter machen möchte, angesichts der aktuellen Situation in der Welt? «Es macht mich unglaublich wütend. Doch habe ich mit 23 Jahren von den Sahraoui-Frauen in den Flüchtlingslagern im Süden Algeriens gelernt, dass schwierige Situationen auszuhalten, ohne zynisch, bitter, hart, gleichgültig zu werden, die ultimative Aufgabe ist. Mich immer wieder neu mit der Situation auseinandersetzen und weiterhin dranbleiben, auch Chancen erkennen. Nicht resignieren ist das Allerschwierigste, aber auch das Einzige, das Sinn macht.»
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