Text: Bernadette Kurmann
Was passiert gerade mit unserer Jugend?
Wie war ich als Kind verwirrt, als bei der Geburt eines Prinzen 20 Salutschüsse angekündigt wurden, im Falle einer Prinzessin nur deren zehn. Ich rätselte: Warum der Unterschied? Später verstand ich nicht, warum ich mit zwanzig nicht wie meine Brüder abstimmen durfte. «Ich kann denken, bin eine gute Schülerin wie sie, aber abstimmen darf ich nicht.» Allmählich realisierte ich: Mann und Frau sind in unserer Gesellschaft aufgrund ihres Geschlechts ungleich. Für mich wurde es zu einem Kampf um Gleichstellung.
(Fortsetzung)
In der Zwischenzeit haben die Frauen viel erreicht. Die Mädchen haben realisiert, dass sie in der Mathe genauso gut sind wie die Buben. An den Unis bilden Frauen inzwischen die Mehrheit. Sie sind top ausgebildet: sind Professorinnen, Direktorinnen, Managerinnen, Chefinnen, Dirigentinnen und koordinieren diese anspruchsvollen Jobs meistens auch mit ihrer anspruchsvollen Rolle als Mutter. Nun scheint dieser kometenhafte Aufstieg irgendwie auf die Frauen zurückzufallen.
Umschwung im Gang
Ich stelle fest, dass den Frauen Amerikas das Recht auf Abtreibung genommen wurde. Im gleichen Land wird ein Mann zum zweiten Mal zum Präsidenten gewählt, der Frauen unbehelligt «an die Pussy greifen» darf. Der reichste Mann der Welt, Elon Musk, darf es sich leisten, mit diversen Frauen viele, viele Kinder zu zeugen, um seine genialen(!) Gene zu vervielfältigen.
Dass ein solches Gebaren irgendwann auch auf die Schweiz übergreifen würde, war klar. Amerika ist für die ganze Welt eine Vorreiterin – im Guten wie im Schlechten. Prompt haben seit Trumps Wahl zum Präsidenten einige Schweizerfirmen ihre Bemühungen um Frauenförderung abgeschwächt. In der Politik werden polternde SVP-Männer gefeiert, und einige Politiker schwärmen wieder auffallendund öffentlich von der alten Familienordnung.
Nicht genug. Im Internet treten Männer wie die Tate-Brüder mit frauenverachtenden Sprüchen auf: Sie diffamieren Frauen mit zum Teil obszönen Aussagen: Sie seien Eigentum des Mannes, seien beschränkt, könnten nicht einmal richtig Auto fahren, und ohne Unterstützung des Mannes seien sie nicht erfolgreich. Und ja, Frauen, die vergewaltigt werden, trügen Mitverantwortung usw. usw. Die beiden Brüder werden weltweit – auch hierzulande – millionenfach geliked.
Die Geschlechter driften auseinander
Ihre Anhängerschaft besteht vor allem aus jungen Männern, den sogenannten «Incels». Incel steht für «Involuntary celibate» - auf Deutsch - «unfreiwillige Enthaltsamkeit». Es sind junge Männer mit oft geringer Ausbildung, die keine Frauen finden. Verständlicherweise sind sie verzweifelt. Aber es sind Männer, die die Verantwortung für ihr unerfülltes Sexleben den Frauen zuschieben. Und gleichzeitig machen die Tate-Brüder mit ihrer verheerenden Propaganda ein Millionen-Geschäft.
Wo führt das hin? Junge Frauen und Männer driften auseinander. In der Tendenz wählen junge Frauen eher links, junge Männer eher rechts. Die jungen Frauen bleiben lieber single und verzichten auf Kinder. Viele junge Männer sind frustriert und reagieren mit Gewalt. Eine gefährliche Situation.
Was ist Mann sein heute?
In der Sternstunde Philosophie zum Thema «Mannsein heute» diskutierten zwei Männer: Markus Theunert, Fachmann für Männer- und Geschlechterfragen, und Tobias Haberl, Autor mehrerer Bücher u.a. «Der gekränkte Mann. Verteidigung eines Auslaufmodells».
Theunert meint, das traditionelle Männlichkeitsbild sei krisenhaft geworden. Weil unsere Gesellschaft sich auf Männlichkeitsanforderungen beziehen würde, die kulturell bestimmt wurden. Diese «echte Männlichkeitskultur» sei zwar verheissungsvoll, doch gelte es, sich von ihr zu verabschieden. Es müssten neue Bilder von Männlichkeit gefunden werden: «Wir müssen Männer anleiten, ganz Mensch zu werden und Verletzlichkeit zuzulassen. Bis heute erwarten wir, dass Männer keine Gefühle zeigen. Das ist eine Form von struktureller Gewalt.»
Hat der Feminismus übertrieben?
In eine andere Richtung zielt Tobias Haberl. Er ist der Meinung, dass in der Vergangenheit Fehler gemacht worden seien. Es habe kaum mehr eine Zeitung gegeben ohne diffamierende Sätze über Männer. Männer seien als feige und gewalttätig dargestellt worden. «Sie wurden von der Krone der Schöpfung zur Latrine der Gegenwart.»
Markus Theunert widerspricht:«Das Narrativ ist falsch, dass Feministinnen übertrieben haben, deshalb selber schuld tragen und das Pendel jetzt zurückschlägt.» In keinem Land der Welt hätten Männer die Sorgearbeit übernommen. Es gebe kein Land, in dem Jungs gemobbt würden, weil sie den harten Kern herausnehmen. «Dieses Narrativ ist ein Phantom, um einen legitimen Backlash zu konstruieren.»
Die Tragik sei, dass viele junge Männer dächten, der Feminismus habe ihnen ihr Privileg genommen. Das wahre Problem sei ihr Festhalten an alten Männlichkeitsbildern. «Diese Männer sind überfordert und brauchen Angebote. Wir erwarten von ihnen einfühlsam und zugewandt zu sein. Aber um den Platz in ihrer Peergroup zu halten, denken sie, sie müssten stark und unbeugsam sein.»
In unsicheren Zeiten
Die beiden Gäste waren sich einig. Je unsicherer die aktuelle Weltlage sei, desto stärker werde der Ruf nach starken Männern wie Trump, Putin, Musk, Orban oder Milei. Doch sie seien keine starken Männer. Sie hätten ein enormes Dominanzproblem, indem sie andere Menschen demütigen und beherrschen. Stark sein heisse, mit sich selbst in Verbindung und im Reinen zu sein und nicht andere klein zu machen, um sich selber aufzumöbeln.
Was tun?
Was tun als Gesellschaft? Theunert sagt, dass wir nach wie vor in einer patriarchal geprägten Kultur leben würden. Das bedeute, der Mann sei die Krone der Schöpfung, und er habe den legitimen Anspruch auf Dominanz. «Incel-Männer erleben starke Frauen als Kränkung. Sie haben gelernt, dass sie als Mann Anspruch haben auf weibliche Zuwendung und dazu gehört Sex.» Das werde zwar seit vierzig Jahren hinterfragt, aber die Gesellschaft habe es verpasst, diesen Männern eine Alternative zu zeigen, damit sie in Würde vom Sockel steigen könnten.
«Das hängt mit Erziehung zusammen», meint Haberl. Damit sich etwas ändere, brauche es einen langen Prozess. Markus Theunert ergänzt, dass es vor allem politischen Willen erfordere und die Einsicht: «Wir müssen den Jungs etwas geben, damit sie diesen Rattenfängern nicht auf dem Leim gehen.»
Mannsein jenseits der traditionellen Rollen
Tobias Haberl fragt, wie wir für junge Menschen Identitätsangebote schaffen können, bevor sie in die Fänge des Internets geraten und antwortet: «Menschlichkeit muss über Ideologie gestellt werden. Das bedeutet: respektvollen Umgang mit anderen, Verantwortung übernehmen, lernen mit Kränkungen und Niederlagen umzugehen, eigene Machtansprüche und Privilegien überdenken. Das gilt für Männer und Frauen.»
Markus Theunert ergänzt: Es sei wissenschaftlich belegt, das die Verinnerlichung von traditionellen Männlichkeitsnormen dazu führe, dass Männer früher, einsamer und bitterer sterben. «Das will kein Mann, auch der grösste Alphamann nicht. Die Antwort heisst: Gestalte dein Mannsein jenseits der traditionellen Rollen. Dann lebst du freudvoller und mit mehr Lebensqualität.»
Und jetzt?
Muss ich als Feministin ein schlechtes Gewissen haben, weil ich mich ein halbes Leben lang für Frauenrechte eingesetzt habe? Nein, finde ich: Das Ungleichgewicht der Gesellschaft war ungerecht, und eine Veränderung überfällig. Aber, was können wir als Gesellschaft tun, damit junge Menschen, wie Haberl sagt, «nicht in die Fänge dieser Rattenfänger geraten»?
Die Grossmütter Revolution ist eine Organisation, die das Thema «Unterstützung für junge, verunsicherte Männer» auf die politische Ebene tragen kann. Wir Grossmütter haben ein Interesse daran, dass unsere Enkel und Enkelinnen zu einem liebevollen Umgang miteinander finden. Für solche Forderungen braucht es die Politik. Das heisst: Grossmütter - und ich meine dringend auch Grossväter, ja die gesamte Gesellschaft - müssen sich vernetzen, um auf dieses friedvolle Miteinander hinzuarbeiten. Es eilt.
Warum ihr Engagement?
Tobias Haberl hatte eine gute Kindheit mit der klassischen Arbeitsteilung der Eltern. Der Nachteil: Sein Vater habe mit 49 Jahren am Herzen notfalloperiert werden müssen. «Er hatte zu wenig zu sich geschaut, und meine Mutter konnte sich zu wenig entwickeln.»
Theunerts Vater war ein Kriegsflüchtling, der Vergewaltigungen gesehen und Tod erleben musste: «Er hatte seelische Schäden erlitten. Das war die Triebfeder für mein Engagement. Die Schadensbilanz des Patriarchats ist desaströs. Es macht Frauen, Kinder und Männer unglücklich, und es zerstört die Umwelt.»
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