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Wie sich KI in unser Leben eingenistet hat

Bildlich zeigte der Referent an der Seniorenuni auf, welchen Fragestellungen von KI wir vertrauen können (blau) und welche ethisch fragwürdig sind.
Bildlich zeigte der Referent an der Seniorenuni auf, welchen Fragestellungen von KI wir vertrauen können (blau) und welche ethisch fragwürdig sind.

Text und Fotos: Monika Fischer

Wie sich KI in unser Leben eingenistet hat
Wir haben noch mit Griffel und Schiefertafel schreiben gelernt, schätzen den Computer und kommunizieren mit dem Handy mit der ganzen Welt. Doch jetzt, da wir alt sind, bestimmen Digitalisierung und KI mehr und mehr unser Leben. Wie mit den neuen Technologien umgehen, damit sie uns nicht überfordern?

(Fortsetzung)

Die Folgen der schnell fortschreitenden Digitalisierung bereitet manchen alten Menschen Mühe. Reservationen für Anlässe sind oft nur noch digital möglich. Für öffentliche WC-Anlagen braucht es einen Zugang per Whatsapp. Unterlagen von Verwaltungen, Versicherungen, Banken usw., die früher per Post zugestellt wurden, müssen heute über ein Passwort im Netz abgeholt werden. Der digitale Zahlungsverkehr hat wohl für die einen vieles vereinfacht, andere sind ratlos. Mühe kann auch der Umgang mit den Passwörtern bereiten. Mehr und mehr sind in Restaurants die Menükarten nur noch digital abrufbar.

Vor einiger Zeit hatte sich Meta zuoberst auf meinem Handy bei Whatsapp eingenistet. Als ich aus Versehen darauf drückte, kam die Frage: «Wie kann ich dir helfen?» Ich hatte keine Hilfe angefordert und wollte die unerwünschte ‘Person’ löschen. Dies sei nicht möglich, erklärte eine Enkelin: «Das ist KI.»

Wie ein Erdbeben
An seinem Vortrag «Wie sind alt – na und?» vom Forum Luzern60plus zum Tag des Alters bezeichnete alt Bundesrat Moritz Leuenberger die Digitalisierung als grösste Diskriminierung der alten Menschen. Bei den Covid-Impfungen seien ausgerechnet die älteren Menschen, also die Risikopatienten, regelrecht ausgeschlossen worden, weil der Zugang nur online möglich war. Wenn es nur noch die digitale Kommunikation mit online Formularen bei gleichzeitig abgeschafften telefonischen Kontaktmöglichkeiten gebe, sei diese Entwicklung mit der Würde des Menschen nicht vereinbar. «Zu ihr gehört das Anrecht auf ein persönliches Gespräch an einem Schalter oder Telefon, um etwas erklärt zu bekommen und auf alternative Lösungsvarianten hingewiesen zu werden.» Nur wer eine kritische Distanz zur Digitalisierung habe, könne sich gegen deren Vereinnahmung wehren. Die Älteren seien deswegen ein Seismograf für ein Erdbeben, welches sich durch die Digitalisierung abzeichnet und alle betreffen werde. Der Referent forderte eine kritische Distanz gegenüber der Digitalisierung als Voraussetzung, sich dagegen wehren zu können. «Das bedeutet eine Verpflichtung der älteren gegenüber der jüngeren Generation. Sie kann dieser ein Leben in Freiheit und Eigenverantwortung aufzeigen, einer Demokratie, statt einer Technokratie. An dieser Hoffnung kann und muss sie mitarbeiten. Das ist ein Privileg. Das Privileg des Alters.»

Es braucht neue Kompetenzen
Ich merkte: Ich muss mich vermehrt mit den neuen Technologien auseinandersetzen, damit ich nicht von ihnen überrollt werde. So besuchte ich den Vortrag über Digitalisierung und KI der jungen Fachfrau Ramona Sprenger von ,Dezentrum’, einer Organisation für digitale Transformation, die der Gesellschaft dient. Die Referentin bezeichnete die Digitalisierung als einen Prozess, der alle Lebensbereiche betreffe. Es sei entscheidend, diesen mitzugestalten statt einfach zu ertragen. «Es geht um ein Aushandeln der Neugestaltung von Beziehungen zwischen Technologie und Gesellschaft» betonte sie. Der Computer «lerne» die Regeln selber aus Daten. Deshalb hänge das Ergebnis stets von den Eingaben ab. Es sei entscheidend, mit welchen Daten das System gefüttert wird. Als Chancen bezeichnete sie Effizienz und Automatisierung, massgeschneiderte Angebote, personalisierte Medizin. Die neuen Technologien erleichtern den Zugang zur Integration durch Angebot für Übersetzungen, durch Räume und Fähigkeiten für Partizipation. Doch erfordere sie auch neue Kompetenzen: Muss müsse sich z.B. eine Meinung bilden, wie man Werbung durchschauen kann, Reflexion und Gegenstrategien finden. Denn Technologie sei nie neutral, werde immer von bestimmten Interessen, Werten und Zielen geprägt und somit auch eine politische Angelegenheit. Im Raum blieb die grosse Frage, ob wir wirklich mitbestimmen können, wird doch KI durch riesige ausländische Firmen betrieben.

Doris Kaufmann ist begeisterte Nutzerin von KI-Assistenten und zeigt die verschiedenen KI-Apps auf ihrem Handy.
Doris Kaufmann ist begeisterte Nutzerin von KI-Assistenten und zeigt die verschiedenen KI-Apps auf ihrem Handy.

Dranbleiben und einfach experimentieren
Der Vortrag hatte in mir neue Fragen ausgelöst. So war ich dankbar für das Gespräch mit Doris Kaufmann, 73, Erwachsenenbildnerin, Kunst-, Mal- und Gestaltungstherapeutin. «Ich bin seit drei Jahren eine begeisterte Nutzerin von multimodalen KI-Assistenten», erzählte sie und schwärmte von den vielen kreativ-gestalterischen Möglichkeiten der neuen Technologien, die sie gerne andern Menschen in Kursen aufzeigt. (Digilab) In Sekundenschnelle bekomme sie Tipps für eine Wanderwoche, könne Bilder, Grafiken, Videos, Musik, Storybooks und Texte generieren lassen. Voraussetzung für gute Resultate sei stets das kluge «Prompting» (Anweisungen an Chatbots), wie auch das transparent machen der KI-Nutzung. Auf meine Frage einer möglichen Mitbestimmung zeigte sie die verschiedenen KI-Apps auf ihrem Handy. Sie zieht grundsätzlich schweizerische KI-Assistenten wie «Lumo», «Apertus (SwissAI)» oder «myAI (Swisscom)» den bekannteren amerikanischen «Chat GPT» oder «Gemini» vor, da diese datenschutzfreundlicher seien. (Als ich dem 48-jährigen Sohn vom Gespräch erzählte, lachte er: «Da unterhalten sich eine 73- und eine 81-jährige über Themen, von denen auch wir Jüngeren wenig Ahnung haben.»)

Sinnvolle Nutzung
Erhellend war für mich der Vortrag «KI und Demokratie» an der Seniorenuniversität Luzern. Professor Peter G. Kirchschläger begann mit einer ethischen Einordnung und der Frage, ob der Name KI wirklich stimme. Da KI von Maschinen ausgeführt werde, treffe der Begriff ‘künstlich’ zu. «Doch ist KI wirklich intelligent?», stellte er als Frage in den Raum. Beim Umgang mit grossen Datenmengen überragen die Maschinen die Menschen bei weitem. Ebenso bei allem, was mit Rechnen zu tun hat. Anders sei es jedoch, wenn es um Fragen rund um die emotionale und soziale Intelligenz gehe. Maschinen könnten keine Gefühle vermitteln, im Gegenteil sei es einem KI-System völlig egal, was es mache, führe es doch nur aus, was ihm antrainiert wurde. Es habe keine Moralfähigkeit zu erkennen, was richtig und was falsch ist. Der Referent verglich KI-Systeme mit einer antrainierten Kuh, die in perfekter Sprache ausspuckt, womit sie gefüttert wurde. Das könnten auch völlig erfundene Infos sein. So bezeichnete er den aktuellen Umgang mit KI als viel zu unkritisch in Bezug auf den Wahrheitsgehalt. Deshalb ist für ihn der Begriff der Künstlichen Intelligenz nichtzutreffend. Er spricht stattdessen von Datenbasierten Systemen DS. Entsprechend riet er dazu, KI dort einzusetzen wo grosse Rechenleistungen gefordert sind, was noch viel zu wenig gemacht werde.

Weder fair noch objektiv oder neutral
Damit zeigte er auf, dass wir Maschinen nicht vertrauen können, wohl aber den Menschen hinter den Maschinen. Deshalb sei es extrem gefährlich, wenn politische Entscheide und politisches Handeln einem KI-System übertragen werden. Sinnvoll könne es z.B. dagegen sein, Regierungsprogramm in Bezug auf ihre Umsetzung mittels KI zu überprüfen. Weiter wies der Referent auf die Gefahren der ethisch höchst problematischen subtilen Manipulationen hin, gegen die wir keine Chance hätten. So sei KI eine Gefahr für die Demokratie. Deshalb setzt er sich bei der UNO für eine globale Zusammenarbeit und für eine Regulierung der DS resp. KI auf der Basis der Menschenrechte in Verbindung mit einen Durchsetzungsmechanismus analog des Umgangs mit der Nukleartechnologie ein.

Der Ethikprofessor plädierte dafür, sich gut zu überlegen, wann und wofür man KI einsetzt. Denn KI sei weder fair, noch objektiv oder neutral. «Im Zusammenhang mit dem enormen Energie- und Wasserverbrauch besteht zudem die Gefahr, dass wir das Ökosystem an die Wand fahren, bevor die Menschheit KI in den Griff bekommt», warnte er. Die Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen und Nutzer zu manipulieren wurden bisher unterschätzt. Wer z.B. nach dem besten Kaffeehaus in Wien frage, dem zeige KI nicht das beste, sondern jenes Kaffeehaus an, das am meisten bezahlt habe.

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