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«Damenprogramm» und «Damentour»​

Foto: Theres Roth-Hunkeler (rechts) an der Buchvernissage in Zug im Gespräch mit ihrer Lektorin Ina Brückel.
Foto: Theres Roth-Hunkeler (rechts) an der Buchvernissage in Zug im Gespräch mit ihrer Lektorin Ina Brückel.

Text und Fotos: Monika Fischer

«Damenprogramm» und «Damentour»
Die beiden letzten von insgesamt acht Büchern der Schriftstellerin Theres Roth-Hunkeler handeln von sieben ganz unterschiedlichen Frauen zwischen 60 und 70 Jahren. In ihrem Alltag und in einer Auszeit setzen sie sich zwischen Aufatmen und Bedauern ehrlich und ungeschönt mit dem Älterwerden und dem Alter auseinander. Damit, was es für sie persönlich und im gesellschaftlichen Umfeld bedeutet. «Unser Leben ist nicht vorbei, auch wenn wir nicht mehr mit Pfirsichhaut und straffen Körpern aufwarten können. Wir brauchen neue Pläne, neue Zuversicht und so etwas wie Neugier auf die Zukunft», heisst es unter anderem.

(Fortsetzung)

Im Roman «Damenprogramm», kurz DP, gehen die beiden besten Freundinnen Anna und Ruth der Frage nach, wie sich Rollenbilder, Lebensumstände und Bedürfnisse der Frauen im «reifen Alter» seit der Zeit ihrer Mütter verändert haben. Anna, deren Leben oft zu sehr von ihrer suchtkranken Tochter bestimmt war, erfährt «erst unmerklich und wie unter der Hand, das Alter begann, sich in den Körper einzuschreiben, in die Gelenke und in die Knochen». Wir erfahren auch von ihrer Liebe zu ihrem Mann Arno, den sie in seiner Demenzkrankheit nicht so heldinnenhaft zu begleiten vermochte, wie sie es sich vorgestellt hatte. Die Trauer um seinen Tod teilt sie mit dessen Schwester Ruth, ihrer besten Freundin, die eine Kinderkrippe leitet. Aufgewachsen in einer Direktorenvilla, erinnert sich diese an die wöchentlichen Treffen ihrer Mutter mit anderen Damen, die sich für gemeinnützige Anliegen einsetzten. In Briefen und Gesprächen machen sich die beiden Freundinnen Gedanken über das Altern und «was es heissen kann, sich als gestandene Frau neu zu erfinden. Nicht grossmütterlich neutralisiert, weder griesgrämig noch selbstoptimiert. Anna und Ruth mischen sich ein.» So reift in ihren Köpfen die Idee für ein ganz neues Damenprogramm, ein konkreter Plan, die von Ruth geerbte Villa ihrer Eltern im Tessin mit ihrem Vermögen umzubauen und Frauen eine dreimonatige Auszeit zu ermöglichen: das Damenprogramm. Dabei sollten sie sich eigenständig mit dem Altern auseinandersetzen und ein eigenes Projekt entwickeln.

Der andere Blick aufs Alter
Nach dem Lesen des Buches wartete ich gespannt auf die angekündigte Fortsetzung, den Roman «Damentour», kurz DT, und verschlang ihn sofort nach seinem Erscheinen. Ich lebte mit Mathilde, Vera, Claudia, Louise und Hella, die begleitet von den beiden Gastgeberinnen Ruth und Anna auf ihr bisheriges Leben zurückblicken, ihre Projekte entwickeln, sich in der Gruppe zusammenfinden und ihre Erfahrungen, Befindlichkeit, Ängste und Wünsche zum Altern austauschen. Nach einem Referat der Gerontologin Ines äussern sie auch klar ihre Wünsche: «Was wir wollen».

«Das ist ja vergleichbar mit dem, was ich in den letzten 14 Jahren bei der GrossmütterRevolution erleben und erfahren durfte», ging mir durch den Kopf. Ich dachte daran, wie in den ersten 12 Jahre dank der «Mäzenin» Migros Kulturprozent Projekte wie das Verfassen eines Manifests, von Broschüren zum Alter, der Druck eines Nacktkalenders usw. möglich waren. Doch auch ohne die finanzielle Unterstützung beschäftigt sich die nun als Verein organisierte Bewegung ebenso wie die Protagonistinnen in den Romanen von Theres Ruth-Hunkeler mit einem anderen Blick auf das Alter. «Wer wir sind und was wir wollen» heisst es über dem Manifest des Vereins GrossmütterRevolution von 2022.

Beeindruckt von der Verbindung zwischen den beiden Büchern Damenprogramm und Damentour der Schriftstellerin Theres Roth-Hunkeler und zur GrossmütterRevolution wollte ich mehr von der Schriftstellerin wissen und stellte ihr nach dem Besuch der Buchvernissage in Zug einige Fragen.

Du hast das Buch «Damenprogramm» deinen vielen Freundinnen gewidmet. Es zeigt, wie wichtig dir die Freundschaften sind.
Ja, Freund:innen jeden Alters sind mir ausserordentlich wichtig. Beziehungen zu Freund:innen sind weniger befrachtet mit Erwartungen wie es Partnerschaften sind. Freundschaften haben einen grossen Gestaltungsraum. Freund:innen sind Lebensbegleiter:innen. Ich habe welche, die kennen mich seit der 1. Primarklasse. Das heisst, wir kennen auch unsere jüngeren Ichs, teilen Erlebnisse und Erinnerungen aus allen Lebensphasen und es kommen stets noch neue dazu. Gleichzeitig habe ich aber auch jüngere Freund:innen, die im Alter meiner Kinder und jünger sind, was ich auch als sehr bereichernd empfinde, diesen Austausch und die Wertschätzung zwischen den Generationen. Das wache gegenseitige Interesse. Mit verschiedenen Freund:innen kommen unterschiedliche Themen / Interessen zur Sprache und diese Vielfalt, das ist immer wieder neu ein Geschenk.

Warum hast du das Thema des Älterwerdens aufgegriffen?
Wie gesagt, ich habe ältere Freund:innen und auch zwei Halbgeschwister, die fast eine Generation älter sind als ich und mir zeigten, wie sie zu Beginn beinahe unmerklich älter wurden und nun zeigen, was und wie das hohe Alter sein kann und wie man da hineinwächst. Wie wichtig körperliche und psychische Gesundheit, Verbundenheit mit nahen Menschen und Interesse an der Welt sind. Prägend für das Thema war auch der langjährige Austausch mit der Schriftstellerin Helen Meier (1929 – 2021), die mir schon vor vielen Jahren bei unserer ersten Begegnung anvertraute, sie fürchte sich vor dem hohen Alter. In ihrem Werk begegnen wir dann auch verstörend oft ungemütlichen, eigensinnigen älteren Frauen mit einem gewöhnungsbedürftigen Humor – das hat mir imponiert und mich inspiriert. Und vor allem geht es mir in meinen letzten beiden Büchern mit den älteren Protagonistinnen darum, zu zeigen, dass ‘die Damen’ durchaus da sind, sich ihre Persönlichkeitskonturen nicht abgeschliffen haben, im Gegenteil, dass sie Pläne, Ideen, Wünsche, Vorhaben, Träume und Sehnsüchte haben, sprich, dass sie sich bewusst sind und zeigen, dass ihr Leben nicht vorbei ist. Sie tun Dinge, die sie schon immer tun wollten oder fahren fort in dem, was sie schon immer getan haben. Feministische Ideen sind ihnen alles andere als fremd, im Gegenteil, sie haben, so gut sie es konnten, mitgeholfen, das Feld für den heutigen Feminismus zu bestellen, die einen stärker, die anderen weniger.

In deinen beiden Büchern zeigt sich in einigen Ausdrücken wie ,Alter als Schmach’oder ,Ekel vor dem Siechtum des Alters, die gesellschaftlich verbreitete negative Einstellung zum Alter.Wie erfährst du persönlich das Älterwerden? Was ist dir dabei wichtig?
Ich wollte bewusst die heiklen Themen ‘Angst vor dem Alter’, ‘Angst vor dem Unvermögen, den eigenen Partner/die Partnerinnen’ pflegen zu können ansprechen, Stichwort: ‘Liebesdienst’. Aber in weiten Teilen habe ich genau das Gegenteil gezeigt. Dass Äusserlichkeiten bedeutungsloser werden. Dass die Frauen zwar nicht älter, aber wilder, sprich freier werden. Dass sie reden über das, was sie quält. Über ihre Ängste, die sie an dunkle Orte bringen. Ausgesprochene Ängste verlieren ja ein Stück weit das Bedrohliche. Dass sie reden über ihre Müdigkeit und ihren Überdruss, ständig die liebe Oma zu spielen. Was nicht heisst, dass Grossmutter/Grossvater zu sein nicht auch bereichernd ist und sich Vera z.B. zu ihrem eigenen Erstaunen unbändig darauf freut – und doch nicht weiss, wie sie die Rolle ausfüllen möchte. Denn das Grosselternbild muss sich ändern so gut wie die Frauen- und Männerbilder/Rollen. Wir waren und sind berufstätig. Die Angst vor der Einsamkeit schwindet, wenn ältere Menschen, und damit meine ich nicht ausschliesslich Frauen, sondern Frauen und Männer, sich freundschaftlich austauschen. Zu fragen wagen. Hinschauen.

Hat sich bezüglich deiner Haltung bei Schreiben etwas verändert?
Mir ist immer stärker bewusst, dass ich in dem Sinne privilegiert und sehr dankbar bin, dass ich gesund bin, viel Energie habe und einen Beruf, in dem man nicht pensioniert wird. Der Blick in die Welt allerdings ist alles andere als vielversprechend und stimmt wohl niemanden zuversichtlich. So viel Gewalt, so viel Flucht, Grauen und Entsetzen. Da werden Fragen und Sorgen um die eigene Zukunft sehr klein und von geringer Bedeutung.

Die Schriftstellerin Theres Roth-Hunkeler
1953 geboren, ist Theres Roth-Hunkeler in Hochdorf LU auf einem Bauernhof mit sechs Geschwistern und dem Berufswunsch ,Leserin’ aufgewachsen. Nach der Erstausbildung zur Lehrerin, Sprachaufenthalten in Paris und Florenz folgten journalistische Weiterbildungen und die Ausbildung der Erwachsenenbildnerin HF. Als alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern und einem Sohn jonglierte sie über viele Jahre hinweg zwischen Familien-, Lohn-, journalistischer und literarischer Arbeit. Neben Erzählungen, Essais und journalistischen Texten hat die Autorin bisher acht Romane publiziert. Ein wichtiger Schwerpunkt neben dem eigenen Schreiben und Lesen bildet die Literaturvermittlung. Sie dozierte an der Hochschule der Künste HKB in Bern und am Literaturinstitut in Biel. Die Grossmutter eines Enkels wohnt heute in Baar und gerne immer wieder in Berlin.

Angaben zu den beiden vorgestellten Büchern von Theres Roth-Hunkeler: Damenprogramm, Verlag edition bücherlese GmbH, ISBN 978-3-906907-79-6

Damentour, Verlag edition bücherlese GmbH, ISBN 978-3-03981-017-8

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