Text und Foto: Monika Fischer
«Trag Sorge zu den Bienen, den Fischen und den Hirschen!» Diesen Auftrag hatte Viola Schmid, 63, vom Vater bei der Übergabe des 12,8 ha grossen Biobetriebs erhalten. Sie hat diesen im Einklang mit der Natur und den Bedürfnissen der Menschen weiterentwickelt. Bei meinem Besuch lebten 14 Menschen dreier Generationen auf dem Hirschenhof auf 927 M.ü.M. Der Traum einer Alters-WG ist jedoch wegen der Vorschriften der Behörden gefährdet.
(Fortsetzung)
Viola brachte neuen Schwung in den Stamm des Regioforums Zentralschweiz, als sie von ihrem Leben auf dem Biohof und dem Grossmüetere-Kongress erzählte. Ende August holte ich mein Versprechen ein und wollte den Besuch mit einer Wanderung verbinden. Doch herrschte bei der Ankunft der steilen Standseilbahn auf dem Zugerberg dickster Nebel. Wie froh war ich, dass mich Viola mit dem Auto abholte. Auf der kurzen Fahrt erzählte sie, wie wichtig ihrem Vater die Natur neben seinen Tätigkeiten als Bäcker-Konditor, Polizist und Geschäftsmann gewesen war. Darum hatte er den Hof auf dem Walchwilerberg gekauft. Anstelle von schweren Kühen, die den Boden zertrampeln, hielt er Damhirsche, was dem Hof den Namen gab.
Der Biobetrieb ist für Viola ein Zeichen gegen die Ausbeutung der Natur und der Tiere in der intensiven Landwirtschaft. Der Hirschenhof soll eine Lebensschule sein, ein Ort, wo der Lebensfluss nicht durch krankmachenden Stress gestört wird. «Es ist doch ein krankes System, in dem die Banker Millionen verdienen und Handwerker für wenig Geld den ganzen Tag krüppeln müssen,» ereifert sie sich.
Für eine gesunde Alterskultur
Nach dem Parkieren zeigt sie
auf das Haupthaus, aus dem sie vor acht Jahren auszog. Heute wohnt dort
eine ihrer Töchter mit Mann und drei Kindern. «Es ist ein
Mueterland-Betrieb mit Sichtfeld-Bewirtschaftung», erklärt sie den
Einfluss der keltischen Kultur, bei der die Frauen und Mütter mehr Macht
hatten und diese über die Linie der Mütter vererbten. Entsprechend dem
keltischen Lebensmodell (weiss für Kindheit und Jugend, rot für die
aktive Zeit, schwarz für das Alter) hat sie die Verantwortung für den
Betrieb aufgeteilt. Die Tochter ist zuständig für Schullager,
Agrotourismus mit verschiedenen Wohnmöglichkeiten und für die
Damhirsche. Sie selber sei in der schwarzen Phase, «der Zeit, wenn die
Periode aufgehört hat und wir unser Wissen und unsere Erfahrungen als
alte Weise weitergeben können.»
Als Pflegefachfrau und Übergangsbegleiterin bei Geburt und Tod ist Viola vielen einsamen alten Menschen begegnet. Im Hinblick auf ein gesundes Altwerden und eine gesunde Alters-Kultur entstand die Idee der Schaffung einer Alters-WG auf dem Hof. «Zusammen mit meinem Partner Marco Kunz, einem Allrounder, wollten wir bedürfnisorientiert einen Ort schaffen, wo sich Natur und Leben durchdringen, wo alte Menschen in gesunder Umgebung eine sinnvolle Tätigkeit haben, in Gemeinschaft leben und sich auch zurückziehen können.» Vorbei an einem kleinen verträumten See gelangen wir durch eine Birkenallee (die Birke sei der Baum der geistigen Reinigung) am Stall und Werkstattgebäude vorbei zur Alters-WG. Ausgediente Zirkus-Baustellen- und Forstwagen mit Aussen- und Innenisolation wurden teilweise mit Anbauten zu Wohnraum umgestaltet und einfach und gemütlich eingerichtet. Fünf der acht Einheiten verfügen bereits über ein WC und eine kleine Küche. Viola führt mich durch ihre persönlichen Wohnräume mit vielen bunten Farben, lauschigen Ecken im Freien und einem Büroplatz.
Gärten, Weiden und Gemeinschaftsräume
Die
vierfache Mutter und sechsfache Grossmutter berichtet, wie sie in
Gemeinschaft mit andern das nötige Wissen erarbeitet hat, um selbständig
aus und mit der Natur zu überleben. Der Gang durch den Stall und das
Werkstattgebäude zeigt, wie für den Betrieb, für die Bewohnenden und
Gäste alles gut eingerichtet und organisiert ist. Dazu gehören ein
Gesundheitszimmer und Räume, wo Kräuter getrocknet und gedörrt, wo
Gemüse verarbeitet und konserviert wird ebenso wie Räume für Werkzeug,
ein Kasten für Kleider und Schuhe, falls jemandem etwas fehlt, der
Grossmutter-Kasten mit Produkten aus dem eigenen Betrieb für den Verkauf
oder für Eigenbedarf, ein Schrank mit Süssigkeiten und Sandwiches aus einer
Bäckerei gegen Food-Waste. Für verschiedene Anlässe steht das
Hirschenbeizli zur Verfügung. Auch das Chnopfstübli ist ein gemütliches
Beizli mit Selbstbedienung, wo auch Eigenprodukte verkauft werden und
Bücher, Farben, ein Fernsehapparat zum Verweilen einladen.
Neben Weiden werden in verschiedenen Gärten nach dem Prinzip der Permakultur Kräuter und Gemüse gezogen. Im Waldgarten wachsen neben Gemüse und Obstbäumen am Südhang Reben. Neu angepflanzt ist ein Kastanienhain. Im Valipini, einem natürlichen Schutzraum mit speziellem Klima, werden Setzlinge angezogen und heikle Pflanzen überwintert. Mehrere Sitzplätze laden zum Verweilen ein. Auf einer der Weiden erinnert ein verwitterter Maibaum an das Fest mit 40 Personen, das wie andere Feste im keltischen Jahreskreis auf dem Hof begangen wurde.
Alle helfen mit
Es
fragt sich, wie dieses alternative Arbeiten und Leben organisiert und
finanziert wird. «Wir sind alle Mieter und bezahlen Zins, damit wird das
Betriebskapital gefüllt. Wer noch im Berufsleben steht, arbeitet
auswärts und hilft daneben im Betrieb mit. Die Arbeiten werden in einem
Wochenplan aufgelistet. Jede Person hat ein Ressort, für das sie
verantwortlich ist», erklärt Viola. Sie ist neben der Alter-WG für
weitere Projekte verantwortlich, während ihr Partner Marco, der
«Mueterland-Mann», überall mithilft und für die Engadiner Schafe und die
Hühner sorgt. Isabelle, 75, wohnt in einem Tiny-Haus, einem einzigen
überraschend grossen Wohnraum mit einer Terrasse unter Bäumen. Da sie
verschiedene Sprachen spricht, ist sie für die Praktikanten zuständig
und verarbeitet Früchte und Gemüse. Nach vier guten Jahren wird sie bald
zu ihrer Tochter ziehen, um näher bei den Enkelkindern zu sein und
Antroposophie zu studieren. Der Journalist Stephan rühmt das Leben auf
dem Hof, wird jedoch wegen der Lage wegziehen. Der Schwyzerörgelibauer
Alex ist für die Permakultur und die Hecken verantwortlich. Er schätzt
mit seiner Partnerin Steffi die naturnahe Lebensweise. Die
Pflegefachfrau Psychiatrie ist für die Kräuter, Salben, Tinkturen
zuständig.
Regelmässig helfen auch Praktikanten von wwof (word wide organic farms) mit, die für einen Einsatz von 25 Stunden/Woche freie Kost und Logis haben. Aktuell sind dies zwei Frauen aus Japan und Deutschland und ein junger Amerikaner. Neben Mietern sind Menschen aller Altersstufen, die eine Auszeit brauchen, auf dem Hirschenhof herzlich willkommen.
Gefährdeter Traum
Neben Projekten mit
ihrem Partner Marco pflegt Viola im Grossmüetere-Netz regelmässigen
Austausch mit anderen Frauen vor allem über gesundheitliche Fragen.
«Leider belasten Sorgen mein Leben», sagt Viola nach der Führung und
erzählt: «Um die restlichen drei Wohnwagen für die Alters-WG mit einem
Anbau für Dreckschleuse, WC und Küche zu versehen, haben wir eine
Baueingabe gemacht. Da kam vom Kanton Zug ein Baustopp mit der
Begründung, in der Landwirtschaftszone dürfe keine Alters-WG gebaut
werden. Es gab sogar eine Abrissverfügung für die bestehenden Bauten.»
Mit allen Mitteln wehrt sie sich gegen diesen Beschluss, bleibt
weiterhin dran und freut sich über Gäste.
Es ist unmöglich, bei einem einzigen Besuch alle die Ideen und Lebensräume, die sich wie die Natur in der idyllischen Umgebung frei entfalten können, zu erfassen und zu beschreiben. Ich wünsche mir neben Vorschriften auch Raum für Experimente für ein gutes Alter einer neuen Generation. Reich gefüllt mit bunten Eindrücken wandere ich angesichts dieser gefährdeten Vision in knapp anderthalb Stunden durchs Hochmoor zurück auf den Zugerberg.
Siehe www.sueren.ch
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