Text: Marianne Stohler
Gut erinnere ich mich an meine Primarlehrerin, ans Fröilein Essig. Sie war streng, aber korrekt und legte grossen Wert darauf, Fröilein genannt zu werden.
(Fortsetzung)
Sie stand dort während meiner Primarschulzeit schon recht kurz vor der Pensionierung und war sehr stolz darauf ein Fröilein zu sein. Für sie war es wohl das Zeichen, dass sie sich auch ohne Mann eine sichere Existenz aufgebaut hatte und ihr Leben selbständig bewältigte. Das Fröilein quasi als Leistungsausweis, als Zeichen, unabhängig und selbstbestimmt zu sein.
Sie nahm das Fröilein bestimmt nicht als Verniedlichung von Frau wahr, als Abwertung, vielmehr war es für sie eine Auszeichnung.
Ich erinnere mich gerne an sie, obwohl ich unter einem Diktat im Heft immer wieder die Bemerkung fand: «Oh, schon wieder Fehlerkönigin!» Dazu hatte sie eine Krone gemalt.
Mich beunruhigte das nicht sehr. Ich war stolz darauf eine Königin zu sein, auch wenn ich dann mehrmals bei ihr zu Hause in der Studierstube etwas üben musste.
Noch bis heute habe ich eines dieser Hefte aufbewahrt und habe es mir erst kürzlich wieder angeschaut. Dabei musste ich schmunzeln in der Erinnerung an dieses so selbstbewusste Fröilein.
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