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Ich war eine leidenschaftliche Bäuerin und Seelsorgerin

«Ohne Garten kann ich nicht leben», meint Margrit Kottmann-Wolfisberg in ihrem Zuhause am Waldrand mit Weitblick.
«Ohne Garten kann ich nicht leben», meint Margrit Kottmann-Wolfisberg in ihrem Zuhause am Waldrand mit Weitblick.

Text und Foto: Monika Fischer

Ich war eine leidenschaftliche Bäuerin und Seelsorgerin
Die vierfache Mutter, Pflegemutter zweier Töchter und Grossmutter von sieben Enkelkindern war Seelsorgerin, Katechetin und Bäuerin. Nach wie vor begleitet sie Menschen an Lebensübergängen. Ihr Leben ist geprägt durch ihre bedingungslose Liebe zu Menschen, Tieren, Natur und ihren Glauben, ihre spirituelle Heimat.

(Fortsetzung)

Sie sprüht nur so vor Energie, Begeisterung und Glück. Und doch fällt immer wieder ein Schatten über ihr Gesicht. Für mich verbindet er sich mit dem Wissen, wie viel Schweres sie in ihren 68 Lebensjahren erlebt hat. Viel davon hatte mir Margrit auf der gemeinsamen Reise in die Ukraine erzählt. Immer wieder sehe ich sie vor mir, wie sie ihren Rollkoffer zu Fuss über die grüne Grenze zieht. Umso mehr freut mich das Gespräch in ihrem Zuhause. «Ich hatte immer wieder Glück», lacht sie und erzählt vom schweren Sturz vor zwei Wochen auf der 3. Etappe der Strada alta im Tessin, wo sie im steilen Gelände mit dem Helikopter evakuiert werden musste. Doch ist ausser einer gebrochenen Nase wie durch ein Wunder nichts zurückgeblieben.

Ja zum Kind
Sie blickt zurück auf ihre Herkunft. Der Grossvater starb infolge eines Blitzschlags. Die 33jährige Grossmutter war mit fünf kleinen Kindern, darunter der dreijährige Vater, allein und musste den Hof verpachten. Die Kinder wuchsen teilweise als Verdingkinder auf. Später hätte ihr Vater den Hof gerne übernommen. Doch konnte er die Geschwister nicht auszahlen und wurde Hilfsarbeiter.

Margrit wuchs mit zwei Geschwistern in Oberkirch auf und besuchte das Kantonale Lehrerseminar in Luzern. Sie stand mitten in der Ausbildung, als sie mit 18 schwanger wurde. Der Arzt, die Eltern und der Freund fanden, sie solle das Kind abtreiben, um ihre Zukunft als Lehrerin nicht zu gefährden. Da dies im Kanton Luzern damals nicht erlaubt war, löste sie ihre Schriften heraus und wohnte drei Tage im Kanton Solothurn. «Ich war mutterseelenallein, lief herum und weinte viel», erzählt sie. Für die Bestätigung zur Abtreibung musste sie in Königsfelden eine Psychiaterin aufsuchen. «Diese hatte nach dem Gespräch grösste Zweifel, dass ich abtreiben wollte. Da ist in mir ein Schalter gekippt. Ich sagte ja zu meinem Kind und kehrte nach Hause zurück.»

Ich wollte ein Nest bauen
Sie gab die Ausbildung auf und arbeitete in der Küche des Spitals Sursee. Wie ihr Partner war sie von der Situation überfordert und heiratete noch nicht volljährig. «Er hatte zwei Jahre um mich geworben, es hatte für mich nie ganz gestimmt. Doch hatte ich kein Selbstvertrauen und sehnte mich nach Liebe. Ich heiratete, weil ich ein Nest bauen und alles ganz anders machen wollte, als ich es erlebt hatte. Ich war voller Zuversicht.»

1976, 78, 79 gebar sie die ersten drei, vier Jahre später das vierte Kind. In einem baufälligen Bauernhaus mit sieben Zimmern wollte Margrit für die Kinder ein gemütliches Zuhause schaffen. Doch war das Zusammenleben mit dem Mann von Anfang an schwierig. Mehr und mehr terrorisierte er die Familie und wurde gewalttätig, wenn Margrit sich wehrte. In der Hoffnung, es werde einmal besser, harrte sie aus und engagierte sich im Dorf in der Damenriege, bei voreucharistischen Gottesdiensten und im Einsatz für junge Familien.

Aufbruch in ein neues Leben
Als die Kinder während des Militärdienstes des Vaters fanden, das Leben ohne ihn sei viel schöner, suchte sie einen Anwalt auf, der ein Papier für die Scheidung entwarf. Der Mann war mit allem einverstanden, und schon nach zwei Wochen zog er aus. Da nach der Scheidung im Februar 1990 die Alimente nicht zum Leben reichten, machte Margrit nach einem entsprechenden Rotkreuzkurs Nachtwachen im Altersheim.

Nicht lange, denn Hans Kottmann, ein Jodlerkollege ihres Ex-Mannes, hatte ein Auge auf sie geworfen und akzeptierte sie mit allen vier Kindern. Schon am 22. Februar 1992 zogen sie zu ihm auf den Bauernhof auf dem Berg. Er war 33, sie 35 Jahre alt. «Ich kam nach Hause. Dank seiner Fürsorge klappte es von Anfang an gut. Auch die Schwiegereltern nahmen uns herzlich auf und sagten im Gegensatz zu meinen Eltern ja zu mir. Es war ein Wunder», freut sie sich und zeigt die Hochzeitsfoto mit den drei Söhnen und der Tochter. Da sie keine eigenen Kinder mehr bekommen konnten, nahm das Paar zwei Pflegetöchter, vier und sechsjährig, auf. Beide lebten bis zur Volljährigkeit in der Familie und pflegen bis heute einen guten Kontakt. Margrit zeigt das Geschenk, das sie ihr kürzlich zum Geburtstag gebracht haben. «Glück ist, eine Mama wie dich zu haben. Danke für alles», steht auf der Vase.

Bäuerin und Seelsorgerin
«Ich war Bäuerin mit Leib und Seele und besorgte auf dem kleinen Betrieb alle Arbeiten. Ich molk, fütterte die Tiere, fuhr mit den Maschinen, pflegte einen riesigen Pflanzblätz. Die Arbeit erfüllte mich, ich hatte eine Riesenenergie», erzählt sie. Ebenso wichtig wie die Natur, die Pflege des Bodens und der Tiere ist ihr der christliche Glaube mit der Botschaft Jesu im Einsatz für Liebe und Gerechtigkeit. Der unkonventionelle Dorfpfarrer motivierte sie zur Mitarbeit in der Pfarrei. Sie wurde Mitglied des Kirchenrates, machte die Ausbildung als Katechetin, erteilte Unterricht und wurde mit der Zeit pastorale Mitarbeiterin. Sie gründete die Jubla, führte einen Besuchsdienst ein, gestaltete Gottesdienste und baute das «Zäme-Zmittag» auf. Zehn Jahre ging sie in ihren Aufgaben auf – bis ihr diese durch einen neuen Seelsorger teilweise verweigert wurden. Als sie ein Gespräch verlangte, meinte er, sie habe als geschiedene und wieder verheiratete Frau keinen Platz in der katholischen Kirche. «Es war ein furchtbarer Schock. Ich hatte ja eine offizielle Beauftragung vom Bischof und war in der Bevölkerung bliebt.» Als Margrit eine Mediation verlangte, stritt der Diakon ab, jemals so etwas gesagt zu haben. Obwohl sie der Kirchenrat nicht gehen lassen wollte, kündigte sie und ging. «Ich wollte zu meiner Würde stehen.»

Da ihr Mann körperlich angeschlagen war, kaufte 2013 einer der Söhne den Hof. Für Margrit war der Abschied sehr schwer: «Wir hatten das Haus umgebaut und den Betrieb stets erweitert. Ich war mega gerne Bäuerin und bin es heute noch. Im Reihenhaus fühlte ich mich nicht wohl. Ich hatte keine Tiere, keinen Pflanzblätz, nicht einmal einen Garten. Es ging mir schlecht, ich war verzweifelt und merkte: wir müssen etwas ändern.» Mit viel Glück fand das Paar im Weiler Ohmstal sein Stück Land, auf dem sie ein Haus bauten und einen Wohlfühlgarten mit unterschiedlichsten Pflanzen und viel Gemüse, Beeren und sogar Obstbäumen einrichteten.

Ich war immer eine Grenzgängerin
Kurz nach ihrer Kündigung war sie von einem ehemaligen Schüler angefragt worden für eine Trauung im Freien. Es war für sie ein grosser Vertrauensbeweis. Sie sagte zu, wurde Ritualbegleiterin und stellt sich auf ihrer Website www.amwebstuhldeslebens.ch vor. Anstelle einer Taufe wünschen sich junge Eltern von ihr eine Segnung im Wald, für andere gestaltete sie eine Abschiedsfeier im Freien anstelle einer Beerdigung. Für das nötige Rüstzeug machte sie eine Ausbildung als Begleiterin bei Abschiedsfeiern. Bei der Gestaltung der verschiedenen Feiern ist ihr der Einbezug der betroffenen Menschen zentral. Deren Anliegen und Wünsche erkundet sie bei ausführlichen Vorbereitungsgesprächen. Der Boden für die Begleitung der Menschen ist für sie der persönliche Glaube, ihre spirituelle Heimat und erklärt: «Ich bin überzeugt, dass in jedem Menschen ein göttlicher Kern schlummert, den es zu entdecken gibt. Ich möchte sie dabei unterstützen. Dies wäre eigentlich die Aufgabe der Kirche, der Seelsorge. Sie müsste gemäss der frohen Botschaft von Jesus für die Menschen und ihre Bedürfnisse da sein. Leider ist dies vielerorts durch eine starre Hierarchie nicht möglich, was mich traurig macht.»

Ich konnte nicht untätig sein
Nach dem Umzug lebte sich Margrit rasch in der neuen Umgebung ein und begann sich erneut für andere zu engagieren. Sie arbeitete in einer Institution für Menschen mit psychischer Beeinträchtigung, gab Deutsch für Fremdsprachige und führte das Projekt «Zäme Zmittag» www.zaemezmittag.ch auch an ihrem neuen Wohnort Schötz ein. In einem Team von 26 Frauen und einem Mann kochen 6 Personen im Pfarreiheim wöchentlich für Jung und Alt ein Menü für sieben Franken für jeweils 45-50 Personen. Margrit freut sich, wie die Gemeinschaft durch das gemeinsame Essen gefördert wird. Regelmässig macht sie auch Spaziergänge mit den Bewohnerinnen und Bewohnern des Altersheims, die ihr dabei ihre Lebensgeschichten erzählen, eine Bereicherung auch für sie. Neben der Pflege des Gartens hütet sie die beiden jüngsten Enkelkinder und hält sich mit Schwimmen und Velofahren fit. Gemeinsam mit ihrem Mann möchte sie bei Wanderungen jede Gemeinde des Kantons erkunden und hat dabei schon viele schöne Entdeckungen gemacht.

Als Vorstandsmitglied des Vereins Parasolka www.parasolka.ch gestaltete sie letztes Jahr gemeinsam mit ihrem Mann in einem abgelegenen Heim in der Westukraine einen Begegnungsplatz. Während ihr Mann Sitzbänke zimmerte, suchte sie mit den beeinträchtigten Kindern und Jugendlichen Steine im nahen Bach und bemalte sie. Es war für sie eine grosse Freude, mit welchem Eifer die jungen Menschen, die sonst oft untätig herumsitzen, bei der Sache waren. Die Einweihungsfeier mit einem grossen Feuer schildert sie als magisches Erlebnis. Dankbar verweist sie auf ihren Leitspruch: «Man erntet, wie man gesät hat, aber nicht immer dort, wo man gesät hat.»

Begegnungsplatz im Kinder- und Jugendheim in Vilshany, Transkarpatien.
Begegnungsplatz im Kinder- und Jugendheim in Vilshany, Transkarpatien.

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