Text: Barbara Bischoff Frei, Foto zvg
Das Buch «Revolution der Verbundenheit» von Franziska Schutzbach, hat mich im Kapitel «Frauenbeziehungen in Familien» zum Nachdenken angeregt, wie ich in meiner Familie durch andere Frauen und weibliche Ahnen geprägt wurde. Dazu gehören verschiedene Tanten und Grosstanten, die alleinstehend und selbständig das Leben bewältigten.
(Fortsetzung)
Ich wuchs in einer konventionellen Familie auf. Mein Vater war berufstätig, meine Mutter für die Familie und die Carearbeit zuständig. Dieses Leben war sicher meine erste Prägung.
In meiner Herkunftsfamilie existiert ein langer Stammbaum über sieben Generationen des väterlichen Stamms. Es hat mich immer gestört, dass ich (als Frau) mit meiner Familie zwar im Stammbaum noch erwähnt wurde, dann aber verschwand. Mein Bruder jedoch wird mit seinen Kindern weiter aufgeführt.
Dazu kommt, dass ich aus einer Familie stamme, wo es bedeutend mehr Frauen als Männer gibt:
Meine Mutter hatte drei Schwestern, mein Vater zwei Schwestern, meine Grossmutter eine Schwester, mein anderer Grossvater fünf mir bekannte Schwestern und einen Bruder.
Vor allem diese Grosstanten, die Schwestern meines Grossvaters, kannte ich sehr gut. Bei meinen Erinnerungen an diese Tanten staune ich, wie selbstständig sie ihr Leben gelebt hatten: Tante Roseline trat in ein Frauenkloster ein, was ihr die Möglichkeit gab, eine gute Ausbildung zu absolvieren. Sie arbeitete als Sekundarlehrerin in der Innerschweiz. Von ihrer Herkunft her hätte sie nie die Möglichkeit für ein Studium gehabt. Vielleicht war das Frauenkloster für sie die einzige Möglichkeit, einen anderen Weg zu wählen als Heirat, Familie und Kinder.
Tante Babette war meine Lieblingsgrosstante. Sie führte selbstständig ihren eigenen Gasthof auf dem Land. Ich durfte einige Male Ferien bei ihr verbringen. Sie war sehr nett, liess mich den ganzen Tag in Ruhe. Ich konnte irgendwo im Dorfe mit anderen Kindern spielen, und ich sah Tante Babette eigentlich nur beim Essen. Hin und wieder fragte sie mich, ob ich mich auch manchmal wasche. Kontrolliert hat sie meine Antwort nicht. Wahrscheinlich war ich sehr verschmutzt nach dem Spielen in der Landwirtschaft.
Am Abend sassen die Bauern bei ihr in der Gaststube und politisierten angeregt. Tante Babette diskutierte als ebenbürtige Gesprächspartnerin mit und äusserte auch oft ihren Unmut über die Behörden.
Unanständiges Benehmen oder Pöbeleien duldete sie im Gasthof nicht. Sie spedierte entsprechende Männer mit klaren Worten aus der Wirtschaft.
Einmal musste sie aufs Gemeindeamt und nahm mich mit. Sie erklärte mir: «Weisst du, es macht sich gut, wenn ich mit einem Kind komme, dann sind die Beamten anständiger.» Tante Babette war ledig. Die Männer im Dorf behandelten sie mit viel Respekt. Später erfuhr ich, dass sie ärmere Bauernfamilien oft finanziell unterstützt hatte.
Tante Marie führte ebenfalls einen Gasthof. Sie hatte ihre fünf Kinder praktisch alleine erzogen und war anscheinend froh, dass ihr gewalttätiger Ehemann früh verstorben war. Auch sie lebte sehr selbstständig und versorgte ihre grosse Familie mit ihrem Einkommen.
Auch zwei Schwestern meiner Mutter blieben das ganze Leben alleinstehend:
Hedwig hatte als Fremdsprachenkorrespondentin einen spannenden und anspruchsvollen Beruf. Sie unternahm stets interessante Reisen in europäische Länder, die kaum als gängige Ziele bekannt waren. In ihrem Haushalt wurde nicht gekocht, das Essen wurde ihr von einem Restaurant geliefert. Sie wollte nie heiraten und sagte noch im Alter: «Wozu heiraten, ich hatte es viel besser alleine».
Diese weiblichen Vorfahren in meiner Familie haben sich kaum mit Feminismus befasst, kannten vielleicht dessen Bedeutung nicht einmal. Sie haben sich aber für einen Lebensweg entschieden, der für Frauen dieser Generationen nicht einfach so vorgezeichnet war. Sie hatten ein eigenständiges Leben geführt. Auch ohne Stimm- und Wahlrecht mussten sie für ihren Lebensunterhalt aufkommen und Steuern bezahlen.
Wurde ich auch geprägt durch diese weibliche Verwandtschaft? Es war bei uns selbstverständlich, dass Frauen alleine lebten und mit ihrem Leben zufrieden waren. Wählten die Frauen diesen Weg, weil sie keine Kinder, keinen Ehemann wollten? Ich hatte diese Tanten sehr gerne. Sie waren nett, aber nicht besonders herzlich zu mir. Ich denke, sie waren unsicher, wie man mit einem Kind umgeht.
Unsere Generation hier in der Schweiz und natürlich unsere Nachkommen haben eine Wahl. Sie können eine gute Ausbildung machen und ihr Leben meistens so gestalten, wie sie es gerne möchten. In der Gesellschaft ist es (mehr oder weniger) akzeptiert, wenn eine Frau alleine oder kinderlos leben möchte.
Wir sind aber immer noch weit entfernt von einer Gleichberechtigung.
Auch wir heutigen Frauen der Grossmüttergeneration können Vorbilder für unsere Nachkommen sein. Obwohl in unserer Gesellschaft noch immer das Bild des lieben, alten «Grosis» existiert, sind wir nicht die Generation, die zuhause auf Besuch wartet. Wir sind politisch aktiv, arbeiten viel vor allem im Bereich der Carearbeit ist, welche noch immer als «nette Beschäftigung» angeschaut wird.
Ich bin aber sicher, es lohnt sich für uns alte Frauen, weiter aktiv zu bleiben, den Austausch mit den jüngeren Generationen zu pflegen und sogar zu intensivieren.
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