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Wirtschaft-Arbeit-Haushalt

Als Lehrerin für Hauswirtschaft hat Susanne Marti (1958) die Entwicklung des Fachs, heute Wirtschaft-Arbeit-Haushalt (WAH), bis zur Dozentin miterlebt.
Als Lehrerin für Hauswirtschaft hat Susanne Marti (1958) die Entwicklung des Fachs, heute Wirtschaft-Arbeit-Haushalt (WAH), bis zur Dozentin miterlebt.

Interview und Fotos: Monika Fischer

In den letzten Frauenweisheiten hatte ich berichtet, dass ich dank meinen Haushaltlehrtöchtern in Teilzeit ausserhause tätig sein konnte. Im Nachhinein fand ich die Broschüre über hauswirtschaftliche Berufe, die ich 1994 geschrieben hatte. Nachdem unsere Geschäftsstellenleiterin einen Ausschnitt gesehen hatte, schrieb sie zurück: «Oh, das ist ja der Hit! Den müsstest du in den nächsten Frauenweisheiten in einen weiterführenden Artikel verpacken. Was damals eine richtige Ausbildung war, sollte heute jede/r einfach so nebenbei noch machen.» Dies motivierte mich mehr über die Entwicklung der hauswirtschaftlichen Bildung zu erfahren.

(Fortsetzung)

Zufällig traf ich die ehemalige Kollegin Susanne Marti, 67, ausgerechnet in einer Haushaltwarenabteilung. Sie hatte als Lehrerin für Hauswirtschaft (HW) alle Stufen des Fachs unterrichtet und war zwischen 2002-2023 Dozentin und Praxisbegleiterin in der Ausbildung Wirtschaft-Arbeit-Haushalt an der Pädagogischen Hochschule Luzern. Seither engagiert sie sich als Klassenassistenz an der Volksschule Stadt Luzern. Sie beantwortete ein paar Fragen zur Entwicklung der Hauswirtschaft und ihrer Bedeutung im Bildungswesen heute.

Warum bist du Lehrerin für Hauswirtschaft geworden?
Als Älteste einer kinderreichen Familie hatte ich keine grosse Wahl, wie es damals in einer Bauernfamilie üblich war, musste ich vorerst das bäuerliche Haushaltlehrjahr absolvieren. Das war jedoch ein absoluter Glücksfall, da die Lehrmeisterin eine sehr vorbildliche und geschätzte Hauswirtschaftslehrerin war. Ich profitierte nicht nur von ihrem grossen Fachwissen, sondern auch von ihrem Lebensstil, als emanzipierte Bäuerin und Lehrerin. Nach diesem «lebenspraktischen» Jahr wollte ich mich jedoch weiterbilden, ich musste etwas wählen, was für das Leben und die Familie nützlich war. Hauswirtschaft war naheliegend und mich interessierte vor allem die Wirtschaft. Zudem war ich erfreut, dass ich mit dem HW-Diplom zugleich auch das Sport-Diplom erwerben konnte.

Wie hat sich das Fach während deiner Unterrichtstätigkeit verändert?
Die Fachinhalte von HW orientieren sich am Lebensalltag von Menschen. Dieser Lebensalltag wandelt sich ständig durch verschiedene gesellschaftliche Einflüsse wie Industrialisierung, Mechanisierung, Rationalisierung, Digitalisierung, usw. HW hat sich darum auch stets weiterentwickelt und verändert. Zu Beginn meiner Unterrichtstätigkeit im Jahr 1979 im bäuerlichen Umfeld ging es vorwiegend um die innerhäuslichen Arbeiten mit Selbstversorgung, Verwertung und Zubereitung von damals noch viel selbstproduzierten Nahrungsmitteln. Glücklicherweise hatten wir damals noch ein grosses Zeitgefäss zur Verfügung, um uns mit diesen Inhalten thematisch und praktisch auseinanderzusetzen. Mit den zunehmenden Konsumangeboten und Dienstleistungen richtete sich der Blick vermehrt auch auf die damit verbundenen ausserhäuslichen Möglichkeiten. Grundsätzlich geht es heute im Fach immer noch um die Bewältigung des komplexen Alltags, nämlich sich selber versorgen und durchschlagen zu können (Ernährung, Produktion von Gütern und Dienstleistungen, Umgang mit Geld…). Im Hauptteil des Faches geht es um Nahrungsproduktion, Nahrungsauswahl und praktische Nahrungszubereitung. Was sich auch verändert hat, ist das Zeitgefäss. Im Verlauf der Jahre kamen immer mehr Fächer in die Stundentafel. (Informatik, Lebenskunde, Sprachen). HW wurde stets abgebaut und zunehmend verdrängt.

Was hat diese Veränderungen ausgelöst und beeinflusst?
Mit der Abstimmung und Verankerung der Gleichstellung von Mann und Frau in der Bundesverfassung 1981 kamen die Knaben und die Mädchen ab ca. 1986 gemeinsam in den HW-Unterricht. Dies hatte zur Folge, dass der Unterricht für die Mädchen gekürzt wurde. Denn die Mädchen hatten (ungerechterweise) vor dieser Änderung ca. 4 Lektionen mehr Unterricht als die Knaben. Mädchen, die das Gymi besuchten, mussten während den Sommerferien das Obli (Rüebli-RS) absolvieren. Das hat natürlich die Attraktivität des Faches nicht unbedingt gefördert. Trotzdem war der HW-Unterricht für beide Geschlechter ein wichtiger Schritt zur Emanzipierung und auch Sichtbarmachung der hauswirtschaftlichen Tätigkeiten, d.h. der Care-Works.

Wir HW-Lehrerpersonen mussten stets um das Fach kämpfen. Es wurde immer wieder in Frage gestellt und man diskutierte darüber, ob die Inhalte von HW überhaupt gesellschaftlich bildungsrelevant seien. Das hat die Fachschaft der HW-Lehrpersonen politisiert, und wir mussten stets deutlich machen, weshalb dieses Fach für eine emanzipierte Gesellschaft wichtig sei. Inzwischen ist das Fach mit seinen Inhalten unbestritten. Allerdings ist das Zeitgefäss, das nebst anderen Fächern zur Verfügung steht, sehr knapp bemessen.

Was steht heute im Zentrum des Lehrplans?
Dies zeigt ein Ausschnitt aus dem aktuellen Lehrplan 21:

«Mit der Einführung des neuen Lehrplans 21 erhält das bisherige Fach Hauswirtschaft (HW) auf der Sekundarstufe l die Fachbezeichnung Wirtschaft – Arbeit – Haushalt (WAH). Hauswirtschaftliche Bildung thematisiert Situationen, mit denen Menschen tagtäglich in ihrem Alltag konfrontiert werden und die von ihnen zu bewältigen sind. Im privaten Alltag trifft alles zusammen, was für ein selbstbestimmtes Leben von Bedeutung ist. Gesellschaftliche Veränderungen haben sich seit jeher auf die hauswirtschaftlichen Inhalte ausgewirkt. Der Alltag und damit die Alltagsbewältigungen sind in den letzten Jahren komplexer geworden, was sich auch im aktuellen Fach Hauswirtschaft zeigt. Sichtbare Beispiele dafür sind die ständig wachsenden Angebote in Konsum und Dienstleistungen. Auch die zunehmende Flexibilisierung, Rationalisierung und Globalisierung der Arbeit haben Auswirkungen auf Konsumgüter, Arbeitsplätze und in der Folge auch auf Ökologie, Ökonomie und Soziales. Hier sind Menschen gefordert, sich vertieft auseinanderzusetzen, um verantwortungsvolle Entscheide treffen zu können. Die neue Gewichtung mit Wirtschaft und Arbeit nimmt diese Komplexität auf und stärkt somit die ursprüngliche Bedeutung der hauswirtschaftlichen Bildung.

Lehrplan 21 Wirtschaft – Arbeit – Haushalt (lu.lehrplan.ch)

Sind die Schülerinnen und Schüler am Fach WAH interessiert?
Gemäss meinen Erfahrungen sind die meisten Schülerinnen und Schüler sehr motiviert, vor allem für den ernährungspraktischen Teil mit der konkreten Zubereitung von Mahlzeiten.

WAH bietet einen Kontrast zu anderen Fächern, wo sie eher weniger ganzheitlich gefordert sind. Zudem schätzen sie, dass sie gemeinschaftlich etwas Handwerkliches, Sinnliches anpacken und gestalten können. Ebenso schätzen sie auch das gemeinsame Essen und Austauschen am Tisch.

Im Weiteren eignet sich dieser Unterricht, um anschaulich und erfahrbar zu thematisieren, was Arbeit und Wirtschaft im Alltag erfordert und bewirkt. Dazu gehören: Wo, wie und von wem werden die Nahrungsmittel produziert, die wir hier kaufen, essen und verarbeiten? Was sind die Folgen unseres Konsums, unseres Lebensstils, kurz- und längerfristig? Was sind die gesundheitlichen Auswirkungen?

Ich selber habe HW stets sehr gerne und mit Überzeugung unterrichtet, weil ich die Inhalte als sinnstiftend und wichtig empfand. Durch das gemeinsame praktische Tun in einem Blockunterricht von 3-4 Lektionen konnten wir HW-Lehrpersonen (WAH) gute Beziehungen zu den Schülerinnen und Schüler aufbauen und ihre Fähigkeiten entdecken und fördern. Von daher war dieser Unterricht sehr dankbar und sinnvoll.

Wie beurteilst du die Entwicklung?
Die Entwicklung des Fachs HW zu WAH ist grundsätzlich eine dynamische Geschichte. Wie oben erwähnt, mussten wir uns häufig rechtfertigen, um das Fach kämpfen, auch darum, dass das Fach nach der seminaristischen Ausbildung in die pädagogische Hochschulbildung eingebunden wurde. Mit der gleichwertigen Ausbildung an der PH hat das Fach eine Gleichstellung gegenüber den anderen Fächern erreicht. Allerdings mit einem zeitlichen Abbau von Lektionen, was ich im Kontext der Vielfalt von Fächern zwar verstehe, jedoch immer noch bedaure. Das hat Auswirkungen auf die fachliche Vertiefung und somit auf die Fähigkeiten. Zudem müssen Studierende, die heute das Fach WAH wählen, sehr viel investieren, um den grossen Anforderungen gerecht zu werden.

Mit der neuen Ausbildung wurde letztlich jedoch erreicht, dass HW, neu WAH, nicht mehr isoliert betrachtet wird, sondern selbstverständlich in die ganzheitliche Bildung des Lehrplans 21 integriert wurde. Das gilt jedenfalls für den Kanton Luzern.

Ich finde das Fach nach wie vor wichtig und bedeutsam für eine ganzheitliche Bildung.

Könntest du dir vorstellen, den Kurzfilm «Wirtschaft ist Care» in der Schule zu zeigen?
zum Film Wirtschaft ist Care

Ja, dieser Film thematisiert Wirtschaft und Arbeit, wie das im aktuellen Lehrplan verankert ist. Hinter jedem Produkt oder jeder Dienstleitung steht Arbeit, die geleistet werden muss. Die Frage ist, wer leistet diese Arbeit und zu welchem Preis? Bei Arbeit und Wirtschaft geht es nicht nur um die Finanzwirtschaft, sondern um die sozioökonomische Wirtschaft. Eine Wirtschaft, die für alle (Mensch/Tier/Umwelt) ein gutes Leben bewirken soll.

Der Ausschnitt über die Anforderungen für hauswirtschaftliche Berufe aus der Broschüre von 1994 zeigt eindrücklich, wieviel sich zur Lebenszeit der heutigen Grossmütter verändert hat.
Der Ausschnitt über die Anforderungen für hauswirtschaftliche Berufe aus der Broschüre von 1994 zeigt eindrücklich, wieviel sich zur Lebenszeit der heutigen Grossmütter verändert hat.

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