Erfahrungsbericht, aufgezeichnet von Christine Künzler
Sofie Meier ist 78 und gehbehindert. Sie, die in Wirklichkeit anders heisst, muss ihr Leben neu ausrichten. Der Verlust der Mobilität im Alter hat Folgen. Damit umzugehen ist eine tägliche Herausforderung.
(Fortsetzung)
Alles begann mit einem geschwollenen Fuss. Der ratlose Hausarzt schickte mich zum Fussspezialisten, der eine Diagnose stellte, die sich nicht bewahrheitete. Der Orthopäde in der Gruppenpraxis fragte dann nach Muskelkrankheiten in der Familie. Ja, hatten wir. Danach schickte mich der Arzt zur Genanalyse. Diese bestätigte, dass mir mein Vater die seltene Krankheit Charcot Marie Tooth mit auf den Lebensweg gegeben hatte. Als ich das vernahm, war ich etwa 70 Jahre alt. Diese Erkrankung des peripheren Nervensystems führt zu schwachen Muskeln, tauben Gefühlen und Fehlstellungen an Händen und Füssen. Kraftverlust, Gleichgewichtsstörungen und Versteifungen sind die Folgen. Irgendwann sitze ich vielleicht im Rollstuhl. Oder auch nicht, niemand weiss das. Mein Vater verbrachte «nur» sein letztes Lebensjahr im Rollstuhl. Medikamente gegen diese Krankheit gibt es keine.
Ungewisser Verlauf
Der Verlauf dieser neurologischen Krankheit erfolgt schubweise. Das zeigt sich auch daran, dass ich als Kind und als junger Mensch einfach als «gstabig» galt, richtig ausgebrochen ist die Krankheit erst im Alter. Wenn ich ganz viel Glück habe, dann bleibt sie stabil. Das lässt sich nicht voraussagen. Im Moment bin ich noch mit dem Stock unterwegs – und am liebsten mit einem hilfreichen Arm auf der anderen Seite. Ist der Trottoirrand zu hoch, schaffe ich den Tritt nicht mehr. Meist kommen mir freundliche Menschen zu Hilfe oder ich suche einen niedrigeren Zugang. Treppen ohne Handlauf, auch wenn sie nur aus zwei Stufen bestehen, sind für mich unüberwindbar. Ich kann nicht mehr ohne Hilfe in den Zug und aus dem Zug steigen. Wie ich meine S-Bahn liebe, die mir einen ebenerdigen Ausstieg ermöglicht! Als reisefreudiger Mensch sind solche Einschränkungen der Mobilität schmerzhaft. Ohne die Begleitung von Freundinnen, Freunden oder Töchtern kann ich keine Reise mehr unternehmen.
Die Angst ist gegenwärtig
Kürzlich bin ich auf der Strasse gestürzt, allein vom Boden aufzustehen ist mir nicht möglich. Mein grosses Glück war, dass gerade eine Pflegefachfrau zugegen war: Zusammen mit einem Mann hat sie mich fachgerecht wieder auf die Beine gestellt. In einem Park habe ich mich auf eine Bank gesetzt, um etwas auszuruhen. Weil die Parkbank niedrig war, konnte ich nicht mehr aufstehen. Ein Mann zog mich dann hoch. Das sei hier festgehalten und betont: Ich mache ausschliesslich positive Erfahrungen mit meinen Mitmenschen, auch im Ausland. Alle sind sehr hilfsbereit, die allermeisten bieten mir im vollen Zug oder Bus ihren Platz an.
Allgegenwärtig und einschneiden ist meine Angst vor Stürzen. Sie führt mir meinen Mangel an Mobilität drastisch vor Augen. Eine leider reale Angst, sagt die Physiotherapeutin. Infolge Versteifungen am Fuss, werde ich in den allermeisten Fällen auf den Hinterkopf fallen. Das ist bereits zweimal passiert, einmal in meiner Wohnung, einmal im Freien. Diese Angst schränkt mich ein, verunsichert mich, hindert mich daran, meine Wohnung zu verlassen. Den Einkauf besorge ich online. Kleine Dinge kaufe ich im nahe gelegenen Tankstellenshop und trage sie in meiner Cross-Over-Tasche nachhause.
Das Leben neu ordnen
Ich raffe mich auf und mache immer wieder kleinere Spaziergänge und Zugsfahrten allein. Wöchentlich bin ich in der Physio, zuhause absolviere ich meine Übungen. Ich geniesse das Leben, versuche es zumindest, was mir nicht an jedem Tag gelingt. Für meine grundsätzlich positive Lebenseinstellung bin ich sehr dankbar. Sie hilft mir, mich auf das zu konzentrieren, was möglich ist.
Einen Rollator? Ja, das ist möglicherweise der nächste Schritt. Dadurch wird das Reisen noch komplizierter und meine Begleiterinnen sind noch mehr gefordert. Ja, der Rollator kann helfen, Stürze im Freien zu verhindern. In der Wohnung würde er mich bei meinen Hausarbeiten behindern. Also würde ich ihn vor der Wohnungstüre deponieren.
Mobilität ist ein grosses und wundervolles Geschenk. Das wird einen erst so richtig bewusst, wenn sie abhandengekommen ist. Ist die Beweglichkeit eingeschränkt, muss das Leben neu geordnet, Liebgewonnenes losgelassen werden. Kontakte sind essentiell, um nicht in die Einsamkeit zu rutschen. Dass mir das bisher gelungen ist, dafür bin ich unendlich dankbar.
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