Text und Bilder: Diana Bertschi
Die 85-jährige Ursina Stoll-Flury, geboren im Oberengadin, wohnt und engagiert sich seit vierzig Jahren in Burgdorf. Als Journalistin, Schauspielerin, Vorleserin, Stadtführerin, engagierte Grossmutter (romanisch «nona») ist sie stadtbekannt, nicht zuletzt durch ihre herzliche und farbenfrohe Art. Vor ca. einem Jahr habe ich Ursina spazierend an einem gelben Rollator gesehen. Es war ihre «Jungfernfahrt» am neuen Gefährt. Spontan hat sich ein offenes Gespräch über veränderte Mobilität und den Willen, bewegt und sichtbar in der Öffentlichkeit zu bleiben, ergeben. Ich freue mich darauf dieses heute fortzusetzen.
(Fortsetzung)
An diesem sonnenwarmen Tag sitzen wir gemütlich auf der Terrasse mit Sicht auf den Teich, der Ursina und den Grosskindern zum Schwimmen und «Schwaderen» dient. Wir sprechen über die Mobilität im Alter und wie sich durch Einschränkungen der Alltag verändert. Aber auch darüber, wie lebenswert jeder Tag ist.
Eine einschneidende Veränderung erlebte Ursina durch das mehrmals operierte Knie, das nun einfach nicht mehr will. Schwierig anzunehmen für einen Menschen, der zeitlebens ein bewegtes Leben geführt hat. Und herausfordernd zu akzeptieren, dass der Körper nicht mehr so belastbar ist und einfach mehr Pausen benötigt.
Optimistisch
und neugierig
Doch
die Lebensfreude lässt sich Ursina nicht nehmen. Sie beschreibt sich
als Optimistin und immer noch sehr neugierig auf jeden Tag.
Schmunzelnd erzählt sie, dass sie sogar täglich 30 Kniebeugen
mache, damit es nicht noch schlimmer werde. Gut werde das Gelenk halt
nicht mehr.
Theaterbesuche lässt sich
Ursina nicht nehmen, zwar seltener als früher und leider kann sie
nicht mehr mitspielen, es gibt zu wenig Sitzrollen. Und sie liebt es
zu lesen, immer mehrere Bücher parallel oder einfach die Gedanken
schweifen zu lassen. Nach kurzem Zögern gesteht sie jedoch, dass ihr
die Betriebsamkeit im Alltag, die bis vor ein paar Jahren
selbstverständlich war, fehlt. Sie vermisst die spontanen Kontakte,
denn jede Begegnung muss organisiert werden. Auch der Freundeskreis
ist älter geworden und deren Mobilität hat sich ebenfalls
verändert.
Nur
eine «Zweckgemeinschaft» mit dem Rollator
Der
Rollator sieht zwar schnittig gelb aus, heisst Gepard und trotzdem
ist sie nicht befreundet mit dem Gefährt, es ist eine
Zweckgemeinschaft. Extrem wertvoll zwar, dass man sich hinsetzen und
ausruhen kann. Aber auch sehr schmerzlich, dass plötzlich Ursina von
der Umgebung als alte und behinderte Frau wahrgenommen werden könnte.
Ich wende ein, dass mein Bild ein ganz anderes ist, nämlich eine
Ursina Stoll, die auch mit Rollator bewegt und quirlig wirkt,
interessiert ist und Gespräche sowie Kontakte mit Mitmenschen aktiv
pflegt.
Kindheit im Oberengadin
«Ich
bin in Samedan mit zwei Schwestern aufgewachsen. Meine Mutter hatte
es nicht einfach mit mir. Ich verfügte schon damals über einen
ausgeprägten Willen und war wohl nicht sehr konform. Einmal hatte
sie zu mir gesagt, dass es für sie ein Rätsel sei, wie sie zu einer
solchen Tochter gekommen sei. Und ich hatte, frech wie Anton,
erwidert, «das muesch scho sälber wüssä!» Mädchen hatten in
dieser Zeit angepasst zu sein und es galt als selbstverständlich zu
heiraten und Kinder zu kriegen. «Ich bin wohl eher ein Vaterkind
gewesen, er war auch kulturell sehr interessiert.»
Heute lebt Ursina selbstbestimmt, wie sie es immer gewollt hatte und sie schildert kurz ihr heutiges Leben: «Ich lebe seit vielen Jahren alleine und fühle mich gut so, ich brauche Freiheit und Freiräume. Natürlich ist meine Familie, drei Kinder und Grosskinder, sehr wichtig und bereichernd für mich. Manchmal frage ich mich, was ich anders hätte machen können in meinem Leben. Und dann sage ich mir, dass ich eigentlich für meinen Jahrgang viel unternommen habe, viel gereist und gearbeitet habe in vielseitigen interessanten Bereichen.»
Abschliessend noch ein persönlicher Gedanken von Ursina Stoll, den sie mitgeben will. Wie wichtig es nämlich sei über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Auch wenn die Welt heute gar nicht erfreulich ist, doch immer wieder im Leben das Positive sehen. Dies ist ihre Lebenshaltung, die lässt sie sich nicht nehmen.
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