Text: Monika Fischer, Fotos: Monika Fischer, Familienarchiv, Jutta Vogel
Sie war als Präsidentin der Bäuerinnen- und des Frauen- und Müttervereins Willisau bekannt. Näher kennen lernte ich Trudy Lötscher-Meier beim Austausch mit afrikanischen und indischen Bäuerinnen. Als Journalistin durfte ich die Frauen bei Begegnungen auf Bauernhöfen im Luzerner Hinterland sowie auf Reisen nach Burkino Faso und Indien begleiten. Diese hinterliessen bei der sechsfachen Mutter, der Gross- und Urgrossmutter nachhaltige Eindrücke im Hinblick auf mehr Gerechtigkeit und Lebensqualität für alle.
(Fortsetzung)
Nach Jahren treffe ich Trudy in ihrer Alterswohnung mit kleinem Balkon in Willisau wieder. Vor vier Jahren ist sie hier eingezogen. Die Familienfotos an den Wänden zeigen die sechs Kinder, die 14 Enkel und die drei Urenkel. «Ich grüsse ihn jeden Morgen», lacht Trudy vor dem Foto ihres vor 16 Jahren verstorbenen Mannes Franz, das mit den Namen der Enkelkinder umrahmt ist.
Während sie in einer Schachtel mit alten Fotos kramt, erzählt sie von ihrer Kindheit. Geboren am 8. Februar 1943 ist sie mit vier Geschwistern auf engstem Raum im Bauernhaus auf dem Hof Guggi in Willisau aufgewachsen. Neben Grosseltern und Eltern lebten noch ein Onkel, eine Tante und ein Verdingkind als Hüttenbub im Haus. Drei Kinder schliefen im Schlafzimmer der Eltern. «Es war ein schwieriges Familienleben», meint sie mit Blick auf das abgehärmte Gesicht der Grossmutter: «Sie konnte keine Liebe geben und hat wohl auch keine bekommen.» Sie berichtet von der Mutter, die kein einfaches Leben hatte: «Vor der Heirat war sie als selbständige Damenschneiderin auf die Stör gegangen. Später nähte sie zuhause für ihre Kundschaft, während die Tante den Haushalt führte.»
Trudy ging gerne in die Schule und wäre gerne Lehrerin geworden. Der Vater versagt es ihr mit den Worten: «Was soll ein Beruf, du heiratest ja doch.» Nach zwei Jahren Sekundarschule musste sie sechs Jahre zuhause mithelfen. «Ich bekam keinen Franken Lohn und weinte oft», sagt sie rückblickend. Umso mehr schätzte sie den Besuch der Bäuerinnenschule und die zwei Jahre Arbeit in andern Bauernhaushalten.
Vielseitiges
öffentliches Engagement
Mit
23 heiratete sie Franz Lötscher und führte mit ihm den Pachtbetrieb
in der Rossgass im Ostergau der Gemeinde Willisau-Land. «Es gefiel
mir. Ich konnte frei schalten und walten. Während mein Mann lieber
ruhig und zurückgezogen lebte, war ich voller Leistungsbereitschaft
und begann mich neben der Familie bald öffentlich zu engagieren.»
Sie wurde in die Schulpflege gewählt, kam in den Vorstand des
katholischen Frauenbundes, den sie später präsidierte, machte im
Pfarreirat, bei der landwirtschaftlichen Kreditkasse und in
verschiedenen bäuerlichen Organisationen mit. «Ich liebte es, zu
gestalten, das gab mir Selbstwertgefühl. Wichtig war mir, den
Zusammenhalt unter den Frauen zu stärken, Frauen durch Kurse,
Vorträge, Weiterbildungen zu fördern und sie so zu ermächtigen.»
Ein zentrales Anliegen war ihr ebenfalls der Einsatz für die
Landwirtschaft. Insbesondere setzte sie sich für die Bäuerinnen
ein. An einer Delegiertenversammlung des Schweizerischen
Bauernverbandes ergriff sie als Präsidentin der Luzerner Bäuerinnen
das Wort. Sie zeigte auf, wie viel die Bäuerinnen zum Gelingen eines
Betriebes beitragen und forderte eine finanzielle Absicherung für
die Bäuerinnen. «Ich höre noch heute, wie viele Männer geklatscht
haben», erzählt sie mit Genugtuung.
Getragen
vom Glauben
Mit
der religiösen Erziehung vermittelte ihr die Mutter einen tiefen
Glauben, was ihr bis heute sehr wichtig ist. Es ist der Glaube daran,
dass wir alle aufgehoben sind in einem grossen Ganzen. Das Vertrauen
auch, dass nach dem Tod etwas weitergeht. «Wir können es nicht
beweisen, bloss spüren, wenn wir zum Beispiel nachts das Firmament
mit dem Sternenhimmel anschauen.» Diese Zuversicht half ihr beim Tod
ihres Mannes, der oft krank gewesen war. «Es war wohl sehr traurig,
doch war es auch eine Erlösung und gab mir wieder Freiheit zurück.»
Als sie der aufgeschlossene Pfarrer bat, Gottesdienste im Altersheim
Zopfmatt durchzuführen, überlegte sie nicht lange, ob sie das
könne, sondern sagte sich: «Entweder jetzt oder nie.» Sie zeigt
die vier Ordner, in denen sie die während 15 Jahren sorgfältig
vorbereiteten monatlichen Gottesdienste aufbewahrt und erzählt:
«Ich nahm jeweils einen Text aus der Bibel und übersetzte ihn ins
Leben. Das kam bei den alten Menschen gut an. Es forderte mich wohl
heraus, machte aber auch enorm Freude.»
Mutig
auf das Unbekannte eingelassen
Ebenso
spontan sagte Trudy Lötscher um die Jahrtausendwende zu, bei einem
Austausch mit afrikanischen und indischen Bäuerinnen mitzumachen und
liess sich auf das Unbekannte ein. Organisatorin des Austauschs war
die Luzerner Ethnologin Hedi Bühlmann, Geschäftsführerin des
Conseil Mondial des Eleveuers CME, des Viehhalter Weltrates, einem
internationalen Netzwerk von Viehzüchtern aus dem Norden und dem
Süden, der eine neue Ethik in der Viehzucht finden wollte.
Unterstützt wurde das Projekt durch den Verein «Farm womens
network», der Frauen weltweit vernetzte und förderte. Begeistert
blättert Trudy in den beiden Fotobüchern mit Bildern von den
Begegnungen in der Schweiz, im afrikanischen Burkina Faso und den
indischen Bundesstaaten Gujarat und Rajasthan. Gerne denkt sie zurück
an die Tage mit den Afrikanerinnen Pendo und Fatumata, die bei ihr
gewohnt hatten. «Es war wunderschön, wir verstanden uns auch ohne
Worte auf Anhieb. Als ich unsere moderne Kuhhaltung im technisierten
Betrieb zeigte, war dies allerdings ein Riesensprung für die Frauen
aus Afrika und Indien. Ich erzählte ihnen, wie auch ich früher
zuhause die Kühe von Hand gemolken hatte und wie sich die
Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten in der Schweiz entwickelt
hatte.»
Bei den Reisen war es für sie besonders eindrücklich zu erfahren, was die Bäuerinnen vom Besuch aus der Schweiz mitgenommen hatten. Pendo z.B. konnte ihren Mann davon überzeugen, einen Teil der Kühe zu verkaufen, aus dem Erlös einen Hangar zum Aufbewahren von Heu für die Trockenzeit anzulegen und so letztlich von weniger Kühen mehr Milch zu erhalten. Oder sie zeigte, wie sie auch Ideen für die Vorratshaltung von Gemüse umgesetzt hatte, indem sie Tomaten getrocknet hatte oder daraus Sugo herstellte. Das von Trudy nach den Reisen geäusserte Zitat stimmt für sie noch heute: «Der Austausch von Erfahrungen und das gemeinsame Entwickeln von Ideen und Visionen über alle Grenzen der Länder, Sprachen und Kulturen hinweg hat mich fasziniert und berührt. Nachdenklich machte mich die Feststellung, wie stark sich das Handeln in den Industrieländern auf das Leben in den Entwicklungsländern auswirkt. Im Hinblick auf mehr Gerechtigkeit und Lebensqualität für alle ist deshalb ein Umdenken dringend angesagt.»
Glücklich
auch mit Einschränkungen
Die
Erinnerungen an den Bäuerinnenaustausch prägen bis heute Trudy’s
Leben. Nach der Familiengründung der Töchter und dreier der Söhne
lebte sie weiterhin mit dem alleinstehenden ältesten Sohn im
Bauernhaus und erzählt: «53 Jahre war ich auf der Rossgass
zuständig für die Schweine, den Garten und half überall, wo es
nötig war. So konnte ich mich nicht zurückhalten mit Hinweisen, was
alles noch gemacht werden müsste, was immer wieder zu kleinen
Konflikten führte. Schon länger hatte ich mich für eine dem
Alterszentrum Zopfmatt angeschlossene Alterswohnung angemeldet.
Nachdem eine frei war und der Sohn sagte, ich könne ruhig gehen, er
komme allein zurecht, packte ich die Gelegenheit und zog aus.»
Seither lebt sie selbständig in ihrer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung und pflegt einen guten Kontakt zu den andern HausbewohnerInnen: «Wir helfen uns gegenseitig, jassen manchmal in der Cafeteria und sitzen am Abend zusammen. Man muss etwas tun für ein gutes Zusammenleben, es kommt nicht von selber, es ist ein Geben und Nehmen.» Die Kinder besuchen sie regelmässig. Der jüngste Sohn kommt jede Woche vorbei, um die Medikamente zu richten, weil er sonst vergessen könnte, vorbeizukommen.
Gesundheitlich geht es Trudy gut. Doch kann sie wegen Problemen mit Hüften und Rücken keine langen Strecken mehr gehen. Seit einem Sturz vor zwei Jahren hat sie einen Rollator, mit dem sie täglich spazieren geht. Erst vor zwei Jahren hat sie ihr Auto abgegeben. «Ich wurde unsicher und hatte Angst, ich könnte einen Unfall verursachen und Schaden zufügen. Das ist wohl eine Einschränkung. Ich vermisse das Auto. Wenn ich irgendwo hinwill, muss ich so demütig sein und jemanden bitten. Das ist nicht einfach.» Sie schätzt es deshalb, wenn sie jeweils am Freitag gemeinsam mit einer Schwägerin nach dem Besuch des Gottesdienstes und eines Cafés die Wocheneinkäufe erledigen kann und hält fest: «Ich bin zufrieden und dankbar für mein erfülltes, schönes Leben. Es hätte nicht besser herauskommen können.»
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