Vor wenigen Wochen bekam ich wie alle zwei Jahre die Aufforderung vom Strassenverkehrsamt Luzern, meine Fahrtüchtigkeit vom Vertrauensarzt medizinisch untersuchen zu lassen. Sollte ich mit meinen bald 82 Jahren weiterhin selber Auto fahren? Oder meinen Führerschein vielleicht doch abgeben, da ich das Auto seit unserem Umzug in die Stadt nur noch selten brauche? Lange überlegte ich hin und her. Ich dachte daran, wie sehr ich Jahrzehnte auf das Auto angewiesen war und dieses für mich ein Stück Unabhängigkeit bedeutet.
(Fortsetzung)
Vor über 60 Jahren machte ich die Fahrprüfung. Es war 1968, als ich nach meiner Heirat auf dem Land lebte. Gut erinnere ich mich an den Wortwechsel mit dem Prüfungsexperten. Nach seiner Aufforderung, rückwärts seitwärts zu parkieren, sagte ich: «Das konnte ich noch nie richtig.» Und wirklich klappte es erst beim zweiten Versuch. Trotzdem bekam ich den Führerschein.
Für meine Arbeit als Journalistin war ich aufs Auto angewiesen. Es gab für die Besuche für Interviews oder Veranstaltungen auf dem Land meistens keine andere Möglichkeit. Dies war für mich so selbstverständlich, dass ich für Gespräche sogar mit dem Auto nach Zürich, Bern oder Basel fuhr. Beim Besuch von Sitzungen war das Auto für mich neben der Haus- und Familienarbeit auch der Zeitgewinn ein wichtiger Faktor.
Zu den eindrücklichsten Erfahrungen gehörten die Fahrten für IV-Abklärungen bei Hausfrauen auf abgelegenen Höfen im Napfgebiet, wo diese neben der Haus- und Familienarbeit sehr viel Arbeit auf den kleinen Landwirtschaftsbetrieben leisten mussten. Regelmässig kamen sie auf 70 – 80 Arbeitsstunden pro Woche, was die IV nicht akzeptieren wollte. Oder ich denke an die Fahrten mit den Kindern in die rund zehn Kilometer entfernte Badi. Jubelnd standen sie in meinem Trois-Chevaux und guckten aus dem offenen Dach. Oder an das Jahr in den USA, wo ich regelmässig mit dem Dienstauto des damaligen Mannes unsere und die Kinder von Kollegen in die Schule fuhr. Oder an die Autofahrt nach Italien nach der Scheidung allein mit den fünf Kindern. Während ich am Patrozinium der heiligen Theresia am Morgen die Orgel spielte, bepacken die Kinder das Auto – und los ging’s nach meiner Heimkehr. Einer der Buben beobachtete kniend vor dem Loch zwischen all dem Gepäck den Verkehr und meldete, wenn ich überholen konnte.
Mein eigenes Auto war ein wesentlicher Bestandteil meines Lebens. Es machte mich unabhängig und ermöglichte später unter anderem das langjährige Hüten der Enkelkinder.
Alles änderte sich mit dem Umzug in die Stadt vor zehn Jahren. Mit dem Auto transportierte ich nicht nur unzählige Bücher ins Brocki, sondern auch einen schönen Teil des Hausrats. Da sich meine journalistische Arbeit in die Stadt verlagert hatte, entdeckte und nutzte ich mehr und mehr den hier gut ausgebauten öV. Seit ein paar Jahren gönne ich mir gar ein GA. Seitdem auch mein zweiter Mann, der nie gerne Auto fuhr, pensioniert ist, sind wir meistens mit dem öV unterwegs. Das Auto brauche ich vor allem für Besuche bei den jungen Familien und von Freunden auf dem Land (zum Wohnort der Tochter gibt es am Wochenende keine öV-Verbindung) sowie zum Einkaufen. Das ist schneller und praktisch.
Allerdings habe ich jetzt weniger Fahrpraxis. Auch vermeide ich es, nachts zu fahren.
Ist es also Zeit, den Fahrausweis abzugeben? Wohl hatte ich wegen zu schnellem Fahren mehrere Bussen kassiert und auch mehr als einmal einen geringen Parkschaden verursacht, jedoch nie einen Unfall. Dafür bin ich dankbar. Bei meinen Überlegungen überprüfte ich meine Fahrtüchtigkeit selber. Ich sehe gut, kann den Kopf problemlos drehen und reagiere gut im Strassenverkehr. Aus meiner Sicht bin ich weiterhin fahrtüchtig und entschied mich, den Fahrausweis zwei weitere Jahre zu behalten.
Meine Fahrtüchtigkeit wurde beim medizinischen Untersuch vom Hausarzt bestätigt. Ich nahm mir allerdings vor, künftig wenn auch nicht unnötig, so doch regelmässig zu fahren, um die Praxis nicht zu verlieren. Im Wissen, dass es ein Ende haben wird, geniesse ich die Fahrten aufs Land durch vertraute Landschaften umso mehr.
Fürsorge oder Altersdiskriminierung?
Beim Schreiben dieses Textes lese ich im Newsletter der VASOS (Vereinigung aktiver Seniorinnen und Selbsthilfeorganisationen der Schweiz) vom 22. August 2026 unter dem obigen Titel einen Text von Ursula Zeller vom Redaktionsteam. Es ist eine Reaktion auf ein Postulat von Nationalrätin Marionna Schlatter (Grüne Partei) vom 18.06.2026, in dem diese die Fahrkompetenz der über 70jährigen infrage stellt. Im Hinblick auf eine Verbesserung der Verkehrssicherheit fordert die Politikerin strengere Regeln für die über 70jährigen Autofahrerinnen und Autofahrer, u.a. durch obligatorische Fahrkurse, Praxistests sowie Fahrverbote bei Nacht und auf Autobahnen. Das Postulat behauptet pauschal: «Mit zunehmendem Alter nehmen verkehrsmedizinische Einschränkungen wie beispielsweise mangelndes Sehvermögen oder Hirnleistungsstörungen deutlich zu».
Ursula Zeller wehrt sich gegen den Generalverdacht gegen ältere PW-Lenker und zitiert aus der Broschüre der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) «Senioren im Strassenverkehr»: «Seniorinnen und Senioren ab 65 verhalten sich im Schweizer Strassenverkehr grundsätzlich sehr sicher. Sie fahren selten alkoholisiert, sind weniger häufig nachts unterwegs, schnallen sich im Auto praktisch immer an und fahren kaum zu schnell.»
Wenn ich daran denke, wie fast fahrlässig ich in jungen Jahren selbst mit Kindern im Auto früher hie und da unterwegs war, ärgere auch ich mich über solche Pauschalansichten und bin dankbar für die Position der VASOS:
«Eine breite Sensibilisierung für individuelle Verkehrsrisiken ist richtig und wichtig, doch einen Generalverdacht gegen Seniorinnen und Senioren lehnen wir entschieden ab. Denn das biologische Alter allein sagt nichts aus über das individuelle Unfallrisiko und eignet sich nicht als Ausschlusskriterium für PW-Lenkende vom Verkehr. Vielmehr müssen alle Verkehrsteilnehmer altersunabhängig ihre individuellen Fähigkeiten richtig einschätzen und gegebenenfalls überprüfen lassen. Das gilt genauso für Auto- wie für Radfahrende. Die Arbeitsgruppe AG Wohnen+Mobilität der VASOS hat sich deshalb in der Vergangenheit mehrfach für freiwillige Angebote, die Fahrkompetenz von Seniorinnen und Senioren überprüfen zu lassen, und für Risikosensibilisierung ausgesprochen.»
Gemäss Bericht in der Luzerner Zeitung vom 25. 08. 26 mit dem Titel «Bundesrat bremst Verschärfungen für Senioren aus» möchte der Bundesrat keine vertieften Abklärungen vornehmen. Als nächstes entscheidet der Nationalrat über den Vorstoss .
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