Was meine 15-jährige Enkelin wohl nach 22 Uhr noch von mir will? Sie ist doch seit heute im Emmental im Landdienst. „Mémé, es hät ganz viel furchtbari Viecher, wo i mim Zimmer umeflüged“, begrüsst sie mich. „Was söll ich mache? Es isch soo grusig. Ich getrau mich nid is Bett zgo.“
Ich bin etwas überrascht, dass sie gerade mich anruft, und auch etwas ratlos, versuche aber, sie zu beruhigen und eine Lösung zu finden. Ich schlage vor, die Bauersleute zu rufen. Sie aber meint, diese schlafen bereits, und sie wolle nicht schon am ersten Tag wie eine „Tussi“ dastehen, was ich natürlich begreife. Immer wieder bittet sie mich, zu warten, da sie eines der furchtbaren Tiere erschlagen muss, die umherschwirren und auf ihrem Bett landen.
Ich überlege angestrengt, wie ich Leonie dazu bringen könnte, schlafen zu gehen und schlage vor, sie solle doch das Licht löschen und die Decke über den Kopf ziehen. Auf keinen Fall wolle sie das Licht löschen, sonst könne sie die Viecher nicht mehr sehen, meint sie. Nach längerem Zureden verspreche ich ihr, dass ich gleich morgen früh ein Paket mit einem Moskitonetz ins Emmental schicken werde. Endlich hat sie sich etwas beruhigt und sich ins Bett unter die Decke gelegt. Sie hat grosse Bedenken, ob sie die 14 Tage wohl überstehen werde, da sie ja so Heimweh habe und es hier auf keinen Fall so lange aushalten werde, obwohl die Bauersleute nett seien. Ich schlage vor, sie am Sonntag zu besuchen und mit ihr den freien Tag zu verbringen. Sie ist begeistert, und wir beenden das Gespräch.
Noch lange geht mir der Telefonanruf nicht aus dem Kopf. Warum hat sie wohl gerade mich angerufen? Könnte es sein, dass die etwas neutralere Grossmutter sie nicht gleich auslachen und verstehen würde, vielleicht sogar eine Lösung wusste und sie Angst vor der Reaktion ihrer Familie hatte?
© 2019 Bernadette Hattan
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