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Ein Morgen mit Amelie

Es ist vor sieben Uhr, und du bist wach und weinst. Mama ist schon aus dem Haus und Papa bringt dich zu mir. Ich liebe diese Ruhe am Morgen mit dir. Du bist müde und noch anschmiegsam. Vertrauensvoll liegst du bei mir, ich spüre deine Wärme, deinen Herzschlag. Nach einer Viertelstunde schlägst du die Augen auf, schaust um dich. Dein Tag beginnt.

Nach dem gemeinsamen Frühstück geht es los. Du beschäftigst dich mit deinem kleinen Kochherd. Schlägst Pfannen und Geschirr mit der Kelle. Rührst einen Kuchen und sorgst für Ordnung im Geschirrschrank. Du wechselst zum Turnen. Du stehst auf, machst ein paar Schritte, fällst hin, stehst auf, machst Schritte. Unermüdlich.

Deutschstunde und Geometrie
Deutschstunde ist angesagt. Du holst ein Büchlein aus dem Regal und setzt dich zu mir auf den Boden. Mit Lauten deutest du mir, dass ich dir daraus erzählen soll. Ich zeige dir ein Huhn und spreche seinen Namen aus, ich zeige dir eine Katze und mache miau, es kommt der Hund, der bellt, die Gans, die schnattert… Konzentriert hörst du zu. Nach zehn Minuten langweilst du dich und wechselst zur Mathematik. Du holst einen Kasten voller Klötzchen mit unterschiedlichsten Formen und Farben. Ein Holzstück nach dem anderen nimmst du in die Hand, drehst es und betrachtest es von allen Seiten. Denn steckst du es in die entsprechende Aussparung im Kasten, es folgt das Dreieck, der Stern, der Mond, das Kreuz, das schmale und breite Rechteck, schliesslich das Quadrat usw. Einzig deine Feinmotorik ist noch nicht ausgefeilt. Nicht immer findest du die Aussparung auf Anhieb. Dann bist du verzweifelt und brauchst Hilfe.

Musikunterricht und Tanzstunde
Fertig mit der Geometrie, Musik ist an der Reihe. Du torkelst in deinem Windelpack zum Bücherregal und bringst ein neues Büchlein mit. Noch blätterst du ungeschickt, aber meisterlich zielst du mit dem Zeigefinger auf den Punkt, der eine Musik auslöst. Es ertönt eine Geige, auf der nächsten Seite ein Horn, dann die Klarinette, ein Schlaginstrument, und schliesslich spielen auf dein Drücken hin alle Instrumente zusammen: Alle Vögel sind schon da. Ich singe mit und du klatscht in deine putzigen Händchen. Ich hebe dich hoch, und zum Schluss tanzen wir. Du findest das unglaublich lustig. Jetzt ist Kulinarik angesagt, will heissen: Zeit für den Znüni.

Bis sich die Augen schliessen
Das Turmbauen mit kleinen Kübelchen ist seit Monaten deine Lieblingsbeschäftigung. Am meisten magst du, wenn der Turm wieder zusammenfällt. Dann lachst du ausgiebig. Danach ist ein Formen-Zusammensetzspiel an der Reihe. Es fordert dich noch sehr, du findest die Aussparung des Flugzeugs, Autos, Velos… nicht immer auf Anhieb. Du wirst undgeduldig und brauchst Unterstützung. Du reibst die Augen, verlierst die Geduld, und Konzentrieren fällt dir schwer. Zeit, um dich ins Tragetuch zu packen. Mit dir an meinem Bauch, spaziere ich durch das Wohnzimmer. Du wirst schwer und schwerer. Nach zehn Minuten schliessen sich deine Augen. Ich lege dich ins Bettchen. Du wirst jetzt eine, zwei Stunden schlafen. Zum Glück für mich, denn auch ich bin todmüde und lege mich kurz hin. Ich muss ja fit sein, wenn du wieder aufwachst. Der Tag ist noch lange.
Deine Nana

© 2019 Bernadette Kurmann

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