Unsere Tochter ruft an und fragt, ob wir in zwei Monaten unser Enkelkind hüten könnten. Sie wolle ihren Mann zum Geburtstag mit einem Konzert überraschen. Es werde der erste gemeinsame Ausgang sein seit der Geburt vor drei Monaten. Ich schaue im Kalender nach und sehe, dass ich besetzt bin. "Das ist kein Problem, dein Dad ist da, und wie ich ihn einschätze, wird er gerne übernehmen."
Eine Woche vor dem Hütetag wieder ein Anruf meine Tochter. "Du, kann Dad das überhaupt, unsere Kleine hüten?" Ich bin perplex und sage: "Was ist das für eine Frage". Ich spüre das Nachdenken am anderen Ende der Leitung.: "Ja, er kann das", sagt sie schliesslich überzeugt. Ich bin beruhigt und vergewissere mich bei meinem Mann: "Traust du dir den Hütedienst von nächster Woche zu?" Seine Antwort: "Was ist das für eine Frage!"
Tatsächlich ist mein Mann ein aktiver Kinderhüter, der vielleicht - wie ich auch - etwas aus der Übung gekommen ist. Vor dreissig Jahren war er als Vater ein ziemlicher Exot, weil er an einem Tag in der Woche unsere Kinder übernahm. Einmal sagte er zu mir: "Du, mein Familientag ist der strengste Tag in der Woche, strenger als jede Arbeit im Geschäft." Mich freute das, ich fühlte die Wertschätzung in seinen Worten. Als unsere erste Enkelin zur Welt kam, war es uns beiden wichtig, die Kleine zu sehen, sie in den Armen zu halten, zu schmusen mit ihr - ja, und sie auch zu wickeln. Wir waren stolz, als wir die Wicklerei - ob nass oder dick - noch immer beherrschten.
Die Tochter und der Schwiegersohn treffen zum vereinbarten Termin ein, erklären meinem Mann dies und jenes. Sie sprechen von abgepumpter Milch und den ersten Breiversuchen, die aber noch nicht richtig klappen wollten. Sie zeigen ihm die Kleider für die Nacht. Dann verabschieden wir uns: Ich gehe zu meiner Veranstaltung, die jungen Eltern zu ihrem Konzert.
Als ich nach fünf Stunden heimkomme, ist alles friedlich. Die Kleine trinkt an Mutters Brust und schläft dann ruhig ein. Beim Gutenachtsagen frage ich: "Und, wie war’s - streng?" "Zum Fussballspiel anschauen bin ich nicht wirklich gekommen", meint mein Mann scherzend. Nach und nach erzählt er, welche Kunst er aufbringen musste, um der Kleinen den Brei einzugeben, wie sie nicht genug bekommen konnte von der abgepumpten Milch, wie wenig sie schlief und immer wieder kaum zu trösten war. Sie hatte Bauchweh und an diesem Abend die Windel - halbdick! -vollgemacht. Kein Problem für Gropa. Er hat alles hinbekommen. Aber anstrengend war es auch dieses Mal wieder.
© 2020 Bernadette Kurmann
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