In meiner Familie war Sexualität kein Thema. Bei ihrem Aufklärungsversuch sagte meine Mutter: "Wenn du Fragen hast, kannst du kommen." Mir war schnell klar, dass ich nie Fragen stellen würde. Zu sehr hätte ich Mutter in Verlegenheit gebracht. In meinen Kinderjahren war alles, was un- terhalb des Bauchnabels lag, irgendwie schmutzig - ja gefährlich. Huren waren gefallene Frauen, fern jeglicher Moral. In späteren Jahren warnte uns der Priester im Sexualunterricht vor den Männern. Ich lernte, dass Männer für Frauen eine stete Gefahr bedeuten.
Geprägt von der Erziehung
Diese Erfahrungen
haben mich geprägt. Ich habe lange gebraucht, zu meinem Mann Vertrauen
aufzubauen und Sexualität zu geniessen. Wie lachen mich meine erwach-
senen Töchter aus, wenn ich ziemlich technisch von "Homosexuellen"
spreche. Sie nennen sie Schwule und Lesben und finden meine Sprache
kurios. Ich freue mich, dass sie ihre Sexualität ohne Skrupel leben
können.
Im Kopf habe ich begriffen, dass Schwulen die gleichen
Rechte zustehen wie allen andern Menschen, und dass sie miteinander eine
Heirat eingehen dürfen. Tief in meinem Innern tue ich mich aber
schwer. Ich beobachte mich, wie ich Filme zum Thema Homosexualität
übereilig abschalte oder mich von gleichgeschlechtlichen Paaren beim
Schmusen auf der Strasse abwende. Vom Thema Prostitution halte ich mich
fern. Diese Männer und Frauen sind für mich fremd, unfassbar, von
einer anderen Welt.
Es ist die Not…
Der Zufall will es, dass ich
bei meiner ehrenamtlichen Tätigkeit über das Thema Sexarbeit einen
Artikel schreiben soll. Ich spüre gleichzeitig Faszination und Angst
bei der Vorstellung, die Frauen einen
Abend lang bei ihrer Arbeit
aufzusuchen. In Luzern arbeiten sie in einem düsteren, menschenleeren
Industriequartier. Zu ihrer Sicherheit hat der Verein LISA einen
Container aufgestellt, wo sie Schutz und Unterstützung in Alltagsfragen
finden.
Es ist ein kalter Novemberabend. Der Container verbreitet
wohlige Wärme. Die Stimmung ist aufgekratzt. Ein Sprachengewirr
erfüllt den Raum. Die Frauen sind auffallend jung, 25 oder jünger.
Wenn sie von ihren Mädchen und Buben sprechen, strahlen ihre Augen. Die
meisten wurden von ihren Männern verlassen. Es ist die Not, die sie
auf den Strassenstrich führt. Einige glaubten, sie gingen in die
Schweiz putzen. Die Realität war anders.
Kontakt schafft Vertrauen
Draussen fahren die
Freier vorbei. Ein paar Frauen gehen hinaus und kommen nach einer halben
Stunde zurück – sie sind fast tiefgefroren. Sie rauchen, trinken einen
Kaffee, wenden sich mit Fragen an die Betreuerin. Äusserlich ist ihnen
nicht viel anzumerken. Arbeit wie jeden Tag. Ich mag ihr schäkern,
ihren Lebenswillen und ihren Stolz. Wie du und ich wollen sie eine
gesicherte Zukunft für ihre Kinder. Wie du und ich arbeiten sie hart
und suchen Würde und Anerkennung für diese Tätigkeit. In der direkten
Begegnung werden sie mir vertraut: Es sind Frauen wie ich.
Eine ungerechte Welt
Gegen zehn Uhr verlasse ich
den Container. Im fahlen Licht stehen die Frauen manierlich am
Strassenrand. Jede hat ihren Platz, da gibt es kein Pardon. Der
Container schliesst um elf. Die Arbeiterinnen werden bis lange nach
Mitternacht ausharren. Ich gehe heim zu meinem Mann in die warme Stube
und denke: "Wie ist diese Welt doch ungerecht." Ich entscheide, den
Verein LISA weiterhin zu unterstützen. www.verein-lisa.ch
© 2017 Bernadette Kurmann
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