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Von Schuld und Nichtschuld

Ein kleines Kind in unserem Dorf ist gestorben. Es wurde von einem Auto auf einer Nebenstrasse überfahren. Die Nachricht las ich in der Zeitung. Ich weiss nicht einmal, ob das Kind ein Mädchen oder Bub war, und wie alt es wurde. An der Strasse liegen ein paar Spielsachen, und Menschen haben Kerzen hingestellt.
Fragen hämmern in meinem Kopf. Wie kam das Kind unbeobachtet auf die Strasse? Wer war einen Moment lang unaufmerksam, dass ein so schreckliches Ereignis seinen Lauf nehmen konnte: War es die Mutter, die mit anderem beschäftigt war, der Vater, der gerade einen Fussballmatch schaute, die Grossmutter, die eingeschlafen war? All diese Vorstellungen sind schrecklich. In meiner Fantasie stelle ich mir vor, wie die traurige Geschichte ihren Lauf nehmen könnte.
Die Eltern sind zunächst geschockt und sprachlos traurig. Sie liegen im Bett mit der Decke über dem Kopf. Oder sie sitzen stumm in der Stube, taub vor Schmerz. Und was ist mit der schuldigen Person, die sich ihre Unachtsamkeit ein Leben lang nicht verzeihen wird. Vorwürfe müssen nicht einmal formuliert werden. Die Anwesenheit des je Anderen ist ein einziger Vorwurf. Auf die Phase der Trauer und Sprachlosigkeit folgt oft die Wut. Unschöne Worte werden ans Gegenüber geschmettert. Verletzungen entstehen, Verletzungen, die ein Leben lang haften bleiben. Ein solches Erlebnis bringt manch eine Ehe zum Scheitern. Gar nicht erst zu sprechen von der Person am Steuer, auch sie leidet wohl ein Leben lang.
Kinder sind nicht in jedem Moment in Griff zu halten. Mein Mann und ich hatten drei Kinder, und wir wussten, dass jederzeit etwas mit ihnen geschehen kann. Zum Glück verläuft im Alltag eine Unachtsamkeit meist harmlos. Noch heute wache ich manchmal schweissgebadet auf und bin heilfroh, dass ich mit meinen drei Töchtern so viel Glück hatte. Ich spüre noch immer die grosse Verantwortung für die zarten Wesen und gleichzeitig die Ohnmacht, dass ich sie nicht in jeder Sekunde ihres Lebens beschützen kann.
Jetzt bin ich Grossmutter und hüte bisweilen meine Enkelin. Und wieder trage ich diese grosse Verantwortung. Unvorstellbar, dass es die Grossmutter war, die das Kind in einen Moment aus den Augen verlor, denke ich. Wie würden sich Mutter und Tochter in Zukunft begegnen? Ich wünsche den Eltern des toten Kindes - oder der Tochter und der Mutter -, sie könnten irgendwann einmal wieder ins Gespräch kommen oder sie holten sich Hilfe, dass Auseinandersetzung möglich ist. Die vordergründige Schuld für ein solches Unglück ist letztlich relativ. Eltern und Grosseltern wissen, dass diese Schuld allen widerfahren kann. Darum macht dieser Tod des kleinen Kindes so betroffen.

© 2019 Bernadette Kurmann

Text als PDF (158 KB)

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