"Übers Wochenende habe ich "die Prinzessin" zu Besuch", sagte eine Bekannte. Zuerst war ich irritiert, doch dann erinnerte ich mich, dass sie von ihrem Enkelkind sprach. Sie sei sehr verwöhnt, das einzige Kind ihres Sohnes. "Sie trägt nur jene Kleider, die ihr gefallen und hat ein Zimmer voll von teuren Spielsachen", erzählte sie mir.
Sie aber sei gut vorbereitet auf das Wochenende. Am Samstag gehe sie mit ihr ins Schwimmbad, am Nachmittag in den Wald. "Ja, und wer weiss, vielleicht besuche ich mit ihr am Sonntagmorgen ein Kindertheater." Ich war perplex, fand dass der Aufwand für sie sehr gross sei, und dass ich mir das nie antun würde. "Du hast ja keine Ahnung, wenn Grosskinder kommen, dann erwarten sie von dir das volle Programm. Du wirst das auch noch lernen."
Meine Bekannte ist sehr direkt und klar. Ich mag sie, weil ich jederzeit weiss, woran ich mit ihr bin. Zaghaft erwähnte ich meine Erziehungsprinzipien zur Zeit meiner Töchter. Dass es mir wichtig war, dass sie auch mit Langeweile umzugehen lernten. Dass ich deswegen auch gerne Nörgelei und Unmut in Kauf genommen habe. Sie lachte mich regelrecht aus und winkte ab: "Du wirst dich auch noch anpassen. Bei den Grosseltern zu sein, ist etwas ganz anderes als das Leben mit den Eltern.“
Nun ja, was sollte ich dazu noch sagen? Ich bin eine noch ganz junge Grossmutter mit tatsächlich wenig Erfahrung. Ich bekam fast ein wenig Angst, weil ich mir so schwere Programme sehr anstrengend vorstelle. Doch ich überlegte und blieb mir treu: Langeweile kann für Kinder etwas Gutes sein. Sie spüren sich auf andere Weise und lernen, einen Weg aus dem unangenehmen Zustand zu finden. Bei meinen Kindern habe ich festgestellt, dass daraus oft ein sehr kreatives Schaffen entstanden ist. Was tun Kinder später, wenn ihnen niemand mit Programmen zur Seite steht?
Zwei Wochen später erzählte ich einer Kollegin, dass Grossmütter heute doch sehr unter Druck seien. Ob sie das auch so erlebe? Sie verstand nicht und wollte mehr erfahren. Ich erzählte ihr das Erlebnis mit meiner Bekannten. "Ach", lachte sie: "Mach dir deswegen keine Sorgen. Grossmütter und Grossväter haben das Privileg, ihre Beziehung zu den Enkeln so zu gestalten, wie das für sie richtig ist." Dann erzählte sie mir von ihrer Tochter, die ihr sage: "Lass die Kinder so weit wie möglich sein, auch wenn sie sich mal langweilen. Weisst du, auch ich als Mutter habe nicht ständig die Zeit, mich mit ihnen zu beschäftigen." Irgendwie hat mich die unkomplizierte Art dieser Tochter erlöst. Ich finde: Recht hat sie!
© 2019 Bernadette Kurmann
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