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​Emanzipierte Väter haben es schwer

Wir haben einen wunderbaren Schwiegersohn: freundlich, charmant und mit gutem Benehmen. Das tönt nach einem Schwiegersohn, den sich alle Mütter wünschen. Stimmt, aber meiner ist weit mehr: Wir zwei streiten auch zusammen. Er wehrt sich, wenn ich wieder einmal eine Grenze überschritten habe. Ich meinerseits wage Gegenreaktionen, und er kann damit umgehen. Das schätze ich ungemein. Ich würde mich auch mit einem Mimosen-Schwiegersohn arrangieren (müssen!). Aber das Miteinander wäre weit strapaziöser.
Seit er Papa ist, hat er sich verändert. Früher war sein Beruf alles für ihn, und manchmal wirkte er deswegen gestresst und müde. Heute ist er müde wegen der schlaflosen Nächte, und trotzdem erlebe ich ihn als viel lockerer. Er wirkt glücklich, und seine Tochter liess ihn zärtlich und weich werden. Er würde alles für sie tun. In seiner Gegenwart würde ihr nie auch nur ein Härchen gekrümmt.
Nerven braucht unser Schwiegersohn dennoch mehr denn je. Vor allem dann, wenn seine Schwiegermama den Säugling unbedingt selber wickeln will, und ihr die Übung zwischenzeitlich etwas abhanden gekommen ist. Denn, versucht er Unterstützung zu bieten, bleibt er erfolglos. Die Schwiegermutter macht auf stur: „Ich kann das noch.“ Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie er beim Zuschauen fast verzweifelt.
Neulich waren wir in einem Restaurant. Die Kleine hatte Hunger und schrie herzerweichend. Die Bedienung willigte ein, den Brei in der Mikrowelle zu wärmen. „Es braucht rund 30 Sekunden“, sagte mein Schwiegersohn fachkundig. Als er ihr schliesslich den Brei eingeben wollte und die Kleine noch mehr schrie als zuvor, reagierten meine Tochter und ich schlagartig: „Mein Gott, der Brei ist zu heiss!“ Dieses Mal blieb der Schwiegersohn nicht so souverän wie üblich. Er war sichtlich gekränkt. Er hatte vorher den Brei längst geprüft und die Wärme für richtig befunden. Dass wir Frauen ihn für nicht fähig hielten, seine Tochter gefahrlos zu füttern, verletzte ihn. Ich verstehe ihn, es ist wirklich ärgerlich, dass wir Frauen uns noch immer für unersetzbar halten.
Von der Frauenfront kam an diesem Tag aber noch mehr. Meine Schwester, also die Grosstante, hatte sich der Kleinen bemächtigt. Sie trug sie herum, plauderte mit ihr, streichelte sie liebevoll, roch an ihr… Dann setzte sie sich wieder und fragte meine Tochter über den Tisch hinweg: „Mmh, wie gut sie riecht, welches Waschmittel verwendet du?“ Der Schwiegersohn reagierte jetzt schärfer, blieb aber entsprechend seinem Naturell gelassen: „Das müsstest du eigentlich mich fragen. Bei uns mache ich die Wäsche.“ Sein Einwand war entlarvend, und ich habe die Lektion verstanden: Wir Frauen haben die Emanzipation der heutigen Männer immer noch nicht internalisiert. Emanzipierte Väter haben es wirklich nicht leicht!

© 2019 Bernadette Kurmann

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