Schliessen

Was Frauen sich fürs hohe Alter wünschen

Frauen in Auseinandersetzung mit Hochaltrigkeit am Forum der GrossmütterRevolution
Frauen in Auseinandersetzung mit Hochaltrigkeit am Forum der GrossmütterRevolution

Monika Fischer

Viele Frauen im dritten Lebensalter haben grosse Mühe mit der Abhängigkeit. Sie möchten im hohen Alter nicht von den Angehörigen gepflegt werden. Neben der Spitex brauche es deshalb gut ausgebaute Betreuungsangebote. Dies zeigt die dritte, im Auftrag der Manifestgruppe der GrossmütterRevolution verfasste Studie «Selbstbestimmung und Abhängigkeit. Erwartungen von Frauen an das hohe Alter.» Die Verfasserinnen Marie-Louise Barben und Elisabeth Ryter präsentierten sie anfangs November am ausgebuchten Herbstforum der GrossmütterRevolution. Basierend auf neun Fokusgesprächen mit 68 Frauen im Alter zwischen 55 und 75 Jahren möchte sie die Stimmen der heutigen GrossmütterGeneration sicht- und hörbar machen und zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Alter anregen. Jessica Schnelle, Projektleiterin Generationen beim Migros-Genossenschafts-Bund, freute sich über die spürbare Energie der rund100 anwesenden Frauen. Diese sei nötig für den Dialog, wie wir in Zukunft in unserer Gesellschaft mit Fragen der Hochaltrigkeit umgehen, wenn nicht die Kosten, sondern die Lebensqualität der Menschen im Zentrum stehen soll.

(Fortsetzung)

Bedürfnisse der Betroffenen im Zentrum
Eine hohe Lebensqualität sei besonders wichtig, wenn im vierten Lebensalter Menschen im Alltag auf fremde Hilfe angewiesen sind, betonten Marie-Louise Barben und Elisabeth Ryter im Gespräch mit Jessica Schnelle. Studien von Politik oder Fachorganisationen befassten sich vor allem mit den Kosten, der Anzahl Pflegebetten, mit medizinische und technischen Problemen usw.. Die neue Studie der GrossmütterRevolution stelle dagegen die künftigen Betroffenen mit ihren Bedürfnissen ins Zentrum. Die Verfasserinnen berichteten von den Fokusgesprächen als Basis für die Studie. Diese gingen von den Erfahrungen der Teilnehmerinnen mit hochaltrigen Angehörigen aus, weil diese die Wünsche fürs eigene hohe Alter prägen. Die Gespräche entwickelten sich aus den drei Szenarien Wohnen, Betreuung und Pflege, Demenz.

Balance als Haltung
Im Hinblick auf die Wohnsituation wünschten alle, möglichst lange in den eigenen vier Wänden zu bleiben, was nicht ohne Unterstützung gehe. Einig waren sich die Gesprächsteilnehmerinnen, dass sie nicht von Angehörigen, sondern von Fachpersonen gepflegt werden möchten. Sie wollen die Angehörigen nicht belasten und den erwachsenen Kindern weiterhin auf Augenhöhe begegnen. Es fehlten vielfach Vorstellungen, wer Betreuungsarbeiten wie Einkaufen, Gartenarbeiten, Begleitung zum Arzt usw. übernehmen könnte. Deshalb wurde gewünscht, dass künftig noch vermehrt in professionelle Dienste und weitere Angebote zum Beispiel der Nachbarschaftshilfe investiert wird.

Schwieriger fiel es den meisten, Wünsche zu einer allfälligen Demenzerkrankung zum Lebensende zu formulieren. Hier entzieht sich den meisten die Vorstellungskraft. Der Verlust der Entscheidungsfähigkeit macht Angst. Die Frauen wollen auch in dieser Situation als individueller Mensch wahr- und ernstgenommen, nicht vernachlässigt und alleingelassen zu werden.

Gemäss Marie-Louise Barben zeigte sich eindrücklich: "Für die meisten Menschen steht die Selbstbestimmung im Zentrum. Sie haben grosse Mühe mit Abhängigkeit, obwohl sie eine Alltagserfahrung ist." Deshalb gelte es, eine Balance zwischen Selbstbestimmung und Abhängigkeit zu finden: "Im Austausch miteinander sollten wir eine Haltung gegenüber den Zumutungen des Lebens entwickeln."

Unterstützung zwischen Nachbarinnen und Nachbarn
Wie Menschen im Alltag zuhause unterstützt werden können, zeigte Simone Stirnimann, Leiterin des Projekts "Nachbarschaft Bern. Unterstützung im Quartier" auf. Das vom Kompetenzzentrum Alter der Stadt Bern lancierte Projekt leistet Unterstützung für Aktivitäten am internationalen Tag der Nachbarschaft, an dem sich Menschen begegnen und kennenlernen können. Vor allem bringt es Freiwillige mit Menschen zusammen, die im Alltag Unterstützung brauchen. Es zeigt sich allerdings auch dort, dass viele Menschen Mühe haben, um Unterstützung nachzufragen. Wichtig seien deshalb die Öffentlichkeitsarbeit und die Vernetzung mit den lokalen Organisationen.

www.nachbarschaft-bern.ch

Welche Hilfe kann ich annehmen und von wem?
Mit dieser Frage setzten sich die Teilnehmerinnen in Gruppengesprächen auseinander. Ausgangspunkt war ein Unfall mit vorübergehenden Einschränkungen im Alltag. Die Konfrontation mit einer jederzeit möglichen Abhängigkeit löste bei den meisten Abwehr, Schock, Frust und Angst aus. Sie fürchten sich vor dem Wegfall der Wahlmöglichkeit und möchten keine Zumutung für andere sein. Viele Frauen äusserten ihre Mühe, Hilfe anzunehmen, sei es doch ein Zeichen eigener Schwäche. Einfacher sei dies bei professioneller und bezahlter Hilfe der Spitex oder bei Angeboten, die auf andere Weise abgegolten werden. Im Alltag zuhause brauche es Unterstützung von verschiedenen Personen: Partner, Freunden, Familie, Nachbarschaft, ein Management sei gefordert. Neben vielen anderen Vorschlägen wurde angeregt, sich durch die Wohnsituation, die Pflege von Beziehungen und den Aufbau eines guten persönlichen Netzwerkes rechtzeitig auf eine solche Situation vorzubereiten.

Auseinandersetzung in guten Zeiten
Projektleiterin Anette Stade betonte die Bedeutung von Gesprächen zu Wünschen und Erwartungen im hohen Alter zwischen Selbstbestimmung und Abhängigkeit. So könne ein Bewusstsein geschaffen werden für eine Situation, von der wir selber noch nicht betroffen sind. Deshalb biete die GrossmütterRevolution Unterstützung für Personen an, die ein ähnliches Fokusgespräch organisieren oder daran teilnehmen möchten.

Nach der intensiven Auseinandersetzung mit der Hochaltrigkeit holte die Rockband "Crème brulée", die Anwesenden mit ihren beschwingten Melodien und Rhythmen zurück in die Gegenwart. Manche Frauen hielt es nun nicht mehr auf ihren Stühlen. Sie genossen das Tanzen und freuten sich nach dem Nachdenken über eine mögliche Zukunft am Heute.

Wir verwenden Cookies und ähnliche Technologien, um das Nutzererlebnis auf unserer Website zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Website stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies und ähnlichen Technologien zu. Mehr erfahren